In der Heimat des Fußballs

von Bernd Sautter -

Sautter (Prophet) Vogt (Prophet), Bertie (Bee), Prechtl (Prophet) und Bühler (Prophet)

Legendäre Reisen leben von Spontaneität und Pannen. Die prophetische Delegation hatte auf Studienreise beides im Programm. Zum guten Schluss standen unsere Füße mitten in der Heimat des Fußballs. Das Royal Bulletin des 10. Bundesligaspieltags berichtet aus dem nordenglischen Abseits.

Der älteste Fußballklub der Welt ist in Sheffield beheimatet. 1857 wurde er gegründet. Zwei Jahre später hatte der Club Regeln entwickelt, die dem heutigen Fußball sehr nahe kommen. Völlig zu Recht darf Sheffield als eine Heimat des Fußballs gelten. Die Nachfahren des FC von 1857 sind überaus rührig. Sie kümmern sich um Fußballkultur, betreiben ein Museum und laden Gäste zu sich ein. Dementsprechend hatte unsere prophetische Delegation zwei Destinationen fürs Wochenende ausgegeben: Samstags Anfield, sonntags Sheffield. Doch es kam anders. Sheffield musste kurzfristig storniert werden. Der FC-Vorstand hatte Besseres zu tun, als unsere FC PlayFair!-Abordnung zu empfangen, die hochkarätig mit Propheten besetzt war: den Herren Vogt, Bühler, Prechtl und Sautter. Es sei dem Chairman Richard Tims verziehen. Möglicherweise hatte seine Absage unsere Studienreise bereichert. Wir durften einen Ort besichtigen, der zweifellos die wahre Heimat des Fußballs darstellt.

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Anfield ist es nicht

Jetzt nichts gegen die Reds. Keinesfalls. Einmal die "You'll never walk alone" in der Originalversion hören. Unbezahlbar! Der Mythos zieht Fans aus aller Welt nach Anfield (uns eingeschlossen). Die bunte Mischpoke trägt zwar mehrheitlich red, aber sie verschwindet dadurch nicht. Den Groundhopperanteil in den Pubs vor dem Stadion (The Albert und The Park) taxiere ich auf runde 50 Prozent. Sauerstoff 0 Prozent. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier. Das Merchandisingkaufhaus ist übrigens viermal so groß als beide Pubs zusammen. So ist das halt. Die Tower Bridge besichtigt man auch nicht im Alleingang. Bezeichnend war, wie wir an die notwendigen Tickets kamen. Die Geschichte in Kurzversion: Weil es selbst gegen den Abstiegskandidaten Cardiff nichts anderes ging, wählten wir ein Zweitmarktportal. Es sah verhältnismäßig seriös aus. Doch 24 Stunden vor dem Spiel platzten unsere Tickets. Wenigstens wurden wir darüber in Kenntnis gesetzt. Dem Verhandlungsgeschick des Propheten Bühler ist es zu verdanken, dass das Portal schließlich mitteilte, es gäbe noch eine letzte Chance. Wir sollten die Karten in einer Kneipe in Stadionnähe abholen. Dort nach John fragen, wurde uns aufgetragen. Also zeitiges Erscheinen an der Kneipe. Wir bemerkten eine Limousine mit verdunkelten Scheiben. Offenbar vercheckte der Fahrer etliche Tickets. Er hieß Lee. Er sagte, John würde später erscheinen. Tatsächlich öffnete sich bald die Tür mit der Aufschrift "Premierleague Lounge". Das muss John sein. Also mutig hinein in die mafiöse Stube - und mit vier Tickets wieder raus. Hossa! Bier her. Alles wird gut.

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Eine halbe Stunde vor Spielbeginn stürmten wir durchs Drehkreuz in den Innenraum des Stadions. Dong! Meine krumme Biernase dotzte direkt aufs bewegungslose Stahlgitter des Drehkreuzes. Ich steckte fest. Über dem Kartenscanner schimmerte es rötlich. Niemand aus unserer Delegation war überrascht davon, dass unsere Tickets nicht funktionierten. Wer es mit der Ticketmafia aufnimmt, muss sich nicht wundern, gelinkt zu werden. Nach weiteren zwanzig Minuten intensiver Verhandlung (erneut: Bravo Prophet Bühler) mit dem absolut vortrefflichen Fanservice der Reds, konnten wir die Plätze doch noch beziehen. Sichtbehindert. Aber was will man auch erwarten für runde 130 Euro in einem halbseriösen Zweitmarktportal? Lange Rede, kurze Empfehlung: Bitte nicht nachmachen. Durchaus schlechtgewissig nahm die FCPlayFair!-Truppe ihre Sitze ein. Vorbildliches Fairplay war die Kartenbeschaffungsaktion keinesfalls. Wir geloben Besserung.

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Und die Stimmung im Anfield? Ich würde mal sagen: so semi. Sehr feiner Support vom Gästeblock aus Cardiff. Sonst britischer Support der LFC Fans. Spielbezogen eben. Gut, dass wir im Bilde waren. Die Tribüne gegenüber hört auf den legendären Namen "The Kop". Hätten wir es nicht gewusst, gemerkt hätten wir es nicht. Und trotzdem: Anfield ist das Original. Auch wenn es zugeht wie am Trevi-Brunnen in Rom. Wurscht. In den genannten Pubs kann man sich den Touristenrummel schön trinken. Bemerkenswert: Um Anfield herum wurde manches saniert. Nur zwei Gebäude blieben verschont. The Albert und The Park. Auch drin in den Pubs stammt das Mobiliar original aus den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts. Alles Championsleagueglobalisiert – bis auf die Pubs. Wir nahmen diese Tatsache als deutlichen Hinweis auf die wahre Heimat des Fußballs.

Wo dann?

Zum Beispiel in Burnley. Dieses extrem nordbritische Kaff liegt rund 60 Meilen nördlich von Manchester. FC Burnley - FC Chelsea zog uns an. Was wir dort am Sonntag vorgefunden haben, war nichts weniger als die Heimat des Fußballs!

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Die Heimat des Fußballs liegt überall dort, wo die Mythen entstehen. Wenn man Fußball als magischen Raum begreift, in dem Spiele und Anekdoten größer und größer werden, wenn man die Legendenbildung des Spieles einbezieht, also das, was sich im kollektiven Gedächtnis festsetzt (und vermutlich mächtiger ist als das, was sich einst auf dem Feld zugetragen hatte), wenn man kapiert, dass Fußball nur funktioniert, wenn er mit der Region und ihrer Identität in Verbindung bleibt, dann ist Burnley nichts weniger als Heimat des Fußballs. Genauer gesagt: das Pub "The Royal Dyche" (gesprochen: Deitsch).

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Seit dem Pächterwechsel vor Jahresfrist trägt die Kneipe den Namen des Burnley Managers Sean Dyche, der die bis dato höchst durchschnittlichen Clarets in die Quali des Europacups führte. The Royal Dyche. Die neuen Pächter hatten ein Portrait anfertigen lassen, das den Trainer in der klassischen Pose mit Krone zeigt. Dyche trägt sie würdig. Sein rotes Haar blitzt darunter hervor. Ein echter Royal zweifellos. Auch in der Stimme. Sein monströser Roar liegt ungefähr drei Oktaven unter den tiefsten Bässen, die je an mein Ohr drangen. Gegen Dyches Dialekt ist Schwäbisch eine Hochsprache. Seine überzeugende Inszenierung im Pub weist jedoch über die Person des formidablen Managers hinaus. Sie beweist: Für den Mythos ist das Pub zuständig. Das Royal Dyche trägt den Mythos im Namen. Das Publikum war entsprechend. Das Schild "Home Fans only" will nur sagen, dass keine Chelseafans willkommen sind. Für die Biernasen in den Stuttgarttrikots hatte der Hinweis keinerlei Bedeutung. Natürlich erkundigten sich die Stammtrinker, wo wir her kamen und was wir hier zu suchen hätten. Der Verweis auf den Tabellenplatz, der bei Stuttgart und Burnley durchaus vergleichbar ist, genügte um die halbe Kneipe kennen zu lernen. Cheers.

Das Spiel war eher deprimierend, wenn man es in den Farben der Clarets sah. Sie hatten keine Chance. 0:4 für die Blues – hätte höher ausfallen können. Wirklich zufrieden gingen nur die Gäste nach Hause: die Chelsea-Fans und wir Vier, die wir unsere Plätze in der ersten Reihe hatten. Dementsprechend verfolgten wir das Match von unterhalb der Grasnarbe. Wie in vielen englischen Stadien sitzt man tiefer als das Spielfeldniveau. Die VfB-Trikots der Delegation waren trotzdem gut zu erkennen. Weil Prophet Prechtl zur Halbzeit nach Antonio Rüdiger gerufen hatte, durften wir sogar mit unserem guten alten Kumpel Toni, dem Nationalspieler, feiern. Prophet Prechtl ergatterte das Trikot, die anderen Stuttgart-Groupies ein Selfie. Die Delgation in der vollkommenen Groundhopperextase, mindestens.

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Home of Football

Entsprechend beschwingt stolperten wir zurück ins Royal Dyche. "Home Fans only". Also versteckte Christian sein Matchworn-Shirt. Diverse Ales sollten noch verkostet werden. Diejenigen, die Blackberry Aromen versprachen, mieden wir weiträumig. Auf den Screens lief ManU gegen Everton. Aber es interessierte nur wenige. Schließlich sind die Clarets der Höhepunkt der Woche, und ein echter Supporter lässt sich die Stimmung von einer vorrübergehenden Niederlage nicht vermiesen. Es sind solche Situationen, in denen die Mythen der Vergangenheit noch besser funktionieren als üblich. Sie wurden zweifelsohne beschworen, auch wenn ich nicht jeden nordenglisch hingerotzten Laut als gültige Sprache decodieren konnte. Meine Devise: Wer nicht hören kann, muss sehen. Also schaute ich durchs Glas meines abgestandenen Pints, durch das ich die Heimat des Fußballs deutlich erkannte. Das Spiel wurde in englischen Pubs zum Leben erweckt. Dort ist es auch heute noch zu Hause. Kein TV, kein Museum, keine Championsleague Arena kann dieses Flair erzeugen. Wenn man begreifen will, warum das Spiel so groß geworden ist, muss man die hochgärige Luft des Pubs atmen. Burnley, The Royal Dyche: Home of Football, zweifellos.

Ach... wir entdeckten uns am nächsten Tag im Kompetenzblatt THE SUN. Soll an dieser Stelle ebenso wenig verschwiegen werden, wie die feine Nachbesprechung des Propheten Christian Prechtl.

Und noch ein Ach... Bitte überseht nicht die Tatsache, dass unser Bild mit dem Maskottchen als Resozialisierungsmaßnahme gelten kann. Warum Bertie the Bee im Knast war, steht hier 

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