Arsène le prof

von Bernhard Ubbenhorst -

Arsène Wenger verlässt nach 22 Jahren den Arsenal FC. Eine Hommage an ihn und die Schönheit des Fußballs, den er bei Arsenal kompromisslos spielen ließ.

Die Bezeichnung "Fußballlehrer" ist in Deutschland ja etwas aus der Mode gekommen. Das englische Wort "Trainer" wird bevorzugt, was übersetzt nichts anderes als "Übungsleiter" bedeutet. Arsène Wenger trägt in Frankreich den Spitznamen "Le professeur" oder kurz "Le prof", was übersetzt Lehrer bedeutet und in London nennt man ihn einfach nur den "Boss". Die hierzulande übliche Bezeichnung Trainer auf Wenger anzuwenden, käme einer Beleidigung gleich. Der hagere Elsässer versteht seinen Job anders. Er leitet keine Übungen, er hat einen Lehrauftrag. Er lehrt die Kunst des schönen Fußballs. Der ist zwar meist wunderschön anzusehen, aber nicht unbedingt immer erfolgreich, was Arsène Wengers Position als Manager des Arsenal FC in den letzten Jahren sehr offensichtlich schwächte.

Einige Fans der Gunners, sehr erfolgsverwöhnt in den 90er- und 00er-Jahren, hatten nun genug von der Wengerschen Fußballkunst, die schon seit Jahren keine großen Lorbeer-Kränze mehr einträgt. Arsenals Anhängerschaft spaltete sich in zwei Lager, von denen eines seit einiger Zeit lautstark die Ablösung Wengers fordert und das andere ihn für unantastbar hält. Der Fußball-Feingeist kam nun einer mutmaßlich bevorstehenden Entlassung zuvor und verkündete seinen Rücktritt zum Saisonende. Er wolle nicht der Anlass einer Spaltung im Fan-Lager sein, die dem Verein nicht gut zu Gesichte stünde und ihm sogar schade, kommentierte er seine Entscheidung.

Die Eigentümer des Vereins, allen voran der amerikanische Immobilien-Mogul Stan Kroenke und der etwas zwielichtige usbekische Oligarch Alisher Usmanov haben das akzeptiert, auch wenn ihnen das aus unternehmerischer Sicht Sorgen bereiten dürfte. Sie bemessen Erfolg nicht in Trophäen oder Meisterschaften sondern in Renditen und die haben in den letzten 22 Jahren mit Wenger als Arsenal-Manager immer gestimmt. Das lag vor allem an Wengers Philosophie, keine teuren Top-Spieler zu kaufen, sondern junge Fußballspieler auszubilden und sie hinterher als Top-Spieler teuer zu verkaufen. Das bereitete den Arsenal-Eigentümern schon häufig große Freude.

Jetzt wo Wengers Abschied feststeht, kriegen jedoch auch seine größten Kritiker in der Fan-Gemeinde plötzlich das Muffensausen. Sie begreifen langsam, welch große Fußstapfen Arsène Wenger bei Arsenal hinterlässt und was der englische Fußball in Gänze diesem wortkargen Elsässer zu verdanken hat. 'Wer soll das noch toppen?', fragen sie sich nun und erinnern sich wehmütig an die Zeiten, in denen der Arsenal-Fußball schön anzuschauen war und erfolgreich dazu. 1996 fing das Ganze an. Wenger hatte sich zuvor beim AS Monaco einen guten Ruf erworben und kam nach einem kurzen Intermezzo im japanischen Nagoya schließlich nach London.

Kaum angekommen, sorgte Arsène Wenger mit seinen für damalige Verhältnisse sehr unorthodoxen Vorstellungen vom Fußballspiel für Aufsehen. Mitte der Neunzigerjahre zeichnete den englischen Fußball größtenteils noch ein Stil aus, der oft mit "Kick and rush" beschrieben wird. Dazu herrschte bei den Clubs im Binnenverhältnis von Managern zu Spielern ein geradezu brutaler Kasernenton. Alex Ferguson war zu der Zeit bei Manchester United einer der markantesten Vertreter dieser Generation. Der hatte sich Arsène Wenger gleich anfangs schon wegen seiner manchmal oberlehrerhaften Attitüden zum Lieblingsfeind in der Liga auserkoren. Wenger legte sehr viel Wert auf die Ausbildung von Spielern und bezog deren Umfeld und Lebensgewohnheiten mit ein. Er verbot seinen Spielern etwa das Essen von Fast Food, setzte sehr hohe Maßstäbe bei der Fitness seiner Spieler an und, was die meisten seiner Kollegen anfangs noch müde belächelten, er installierte bei Arsenal ein Fußballsystem, das zuvor in englischen Stadien nicht zu sehen war. 

Sein sogenannter Ballbesitzfußball kennt nur eine Richtung, nach vorn. Und das mit möglichst wenigen Ballkontakten pro Spieler. Der Begriff des One-touch-Football machte schnell die Runde. Wenger verließ sich dabei von Beginn an am liebsten auf junge Spieler die er nach seinen System-Vorstellungen noch formen konnte. Dazu baute er neben einer professionellen Scouting-Abteilung ein Nachwuchszentrum auf und schuf ideale Trainingsbedingungen. Das alles war damals noch sehr außergewöhnlich und heute gehört es zum Standard. In der Summe kann man es durchaus als revolutionär beschreiben, wie Wenger den Arsenal FC in kürzester Zeit umkrempelte. Und der Erfolg gab ihm trotz aller Anfeindungen recht. Gleich im zweiten Jahr seiner Amtszeit gewann er im Double die Premiership und den FA Cup. Das gelang ihm 2002 abermals. Den FA-Cup holten die Gunners danach weitere vier Male.

Wengers absoluter Höhepunkt als Manager war die Meisterschaft 2004, in der die "Untouchables" kein einziges Spiel verloren. Die Mannschaft mit Spielern wie Jens Lehmann im Tor über Djourou, Campbell, Senderos, Cole und Touré in der Abwehr mit Vieira, Flamini, Fàbregas und Pirès im Mittelfeld und Henry, Bergkamp und van Persie im Sturm, lieferte exakt den Fußball, den Wenger zum Ideal erkoren hatte. Der Stil wurde in den folgenden Jahren oft kopiert und die Premier League hat es sicherlich auch Wenger zu verdanken, dass heute in vielen englischen Stadien sehr ansehnlicher Fußball gespielt wird. Für die Arsenal-Fans wurde Wenger zur Ikone und lange Zeit wagte es niemand seine Kompetenz in Zweifel zu ziehen. Auch nicht in schlechteren Jahren, die bei Arsenal diejenigen waren, in denen man mal wieder ganz ohne Titel blieb und "nur" die Champions League Qualifikation erreicht hatte. "Arsène knows!" hieß es dann bei den Fans, ganz nach dem Motto: Nur die Ruhe, er weiß wie es geht.

Doch über die Jahre haben sich einige Dinge in der Premier League gewandelt. Chelsea mit Abramowitschs Rubel-Konto und später Manchester City, mit jede Menge Petro-Dollars, brachten eine neue Geschäftskultur in die Liga. Anstatt ein Team nachhaltig auszubilden und aufzubauen, verlegten sich viele Clubs darauf, sich mit horrenden Beträgen eine erfolgversprechende Mannschaft zusammenzukaufen. Arsène Wenger hat sich diesem Kulturwechsel immer widersetzt. Das haben viele Arsenal-Fans nicht verstanden. Es gab immer genügend Geld im Verein, um auf dem Transfermarkt erfolgreich einzukaufen, doch Wenger wollte das nie. 1997 holte er den 17-jährigen Nicolas Anelka für 500.000 Pfund aus Paris nach London um ihn zwei Jahre später für umgerechnet 35 Millionen nach Madrid zu transferieren. Es gibt aus Wengers Ära bei Arsenal zahlreiche Beispiele dieser Art. Letztlich hat ihn sein sturer Konservatismus bei Teilen der Fans sehr unbeliebt gemacht, die deshalb schon seit einiger Zeit seinen Rücktritt fordern. Jetzt ist genau das passiert, was vorher niemand für möglich gehalten hätte. Wenger geht.

 "Adieu Arsene Wenger, a true believer who never stopped thinking football could be more." So verabschiedete sich letzte Woche ein Sportredakteur des Independent bei Wenger. Und weil man es kaum treffender formulieren kann, schon gar nicht auf Deutsch, hier auch noch ein paar der folgenden Zeilen: "Above all, what Wenger recognised was that football could be more. More than a job. More than a game. More than numbers on a scoreboard, more than a simple ledger of who won and who lost, league tables and net spends. Wenger believed that in the right hands, football could be art. Football could be beauty. ... Football will carry on and he may even carry on without football but already the game feels somehow a little colder, a little less pure, a little less loving, than it did before."

Der Rest liest sich fast wie ein Nachruf, doch Arsène Wenger erfreut sich mit seinen 67 Jahren ja noch bester Gesundheit. Vielleicht gibt es ja für ihn auch ein Fußballleben nach den Gunners, mit denen er fast alles erreicht hat. Den Rekord seines Intimfeindes Alex Ferguson hatte er mit seinem 810. Premier League-Spiel im Dezember letzten Jahres schon eingestellt. Eine Zahl, die sein aktueller Intimfeind Mourinho nur schwerlich erreichen wird und schon gar nicht bei ein und dem selben Verein. Das Einzige, was Wenger noch nicht erreicht hat, ist der Gewinn der Champions League. Aber Wenger ist vermutlich der einzige in diesem Business, dem das herzlich egal ist. Ihm ist nur wichtig, dass seine Mannschaft einen schönen Fußball spielt, ob sie nun gewinnt oder verliert. 

Man darf gespannt sein, wo "Arsène le Prof" im nächsten Jahr unterrichten wird. Für einen Fußballlehrer von seinem Format findet sich bestimmt jederzeit ein interessanter Job. Ebenso gespannt darf man auf seinen Nachfolger sein und wie sich der Arsenal FC ohne Wenger weiterentwickelt. Ich wage die Prognose, dass man ihm bei Arsenal schon sehr bald hinterhertrauern wird.

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