Come on you boys in Blue(s)...

von Bernhard Ubbenhorst -

Die Farbe Blau ist heuer eine rechte Scheißfarbe, nicht nur weil sich die Volldeppen der AfD mit ihr schmücken. Auch fast alles, was in den Ligen zurzeit in einem blauen Trikot daherkommt, macht keinem große Freude...

Die Farbenlehre ist keine exakte Wissenschaft, zumindest wenn es um die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften geht. "Blau ist die Hoffnung" - das klingt in den Ohren eines Schalke-Fans nach fünf Spieltagen ziemlich zynisch. Ähnlich dürften die HSV-Fans empfinden. Die Fans der Blauen Sechziger aus München oder der Blauen Stuttgarter Kickers haben die Hoffnung schon vor Jahren aufgegeben, dass in dieser Farbdeutung ein Fünkchen Wahrheit stecken könnte. Sie bevorzugen längst die anglo-amerikanische Farbassoziation, bei der die Farbe "Blue" exakt das Gegenteil beschreibt, nämlich tiefste Hoffnungslosigkeit und Depression. Wenn man als "Blauer" nicht im tiefsten Kraichgau wohnt oder eine reifere Dame namens Hertha verehrt, fühlt man diesen "Blues" zurzeit sehr intensiv.

Vereine wie Schalke und Hamburg taumeln (wieder) dem Abgrund entgegen, doch manche Fans wollen das nicht wahrhaben. Sie haben damit ungewollt mehr mit einem gemeinen AfD-Wähler gemein, als ihnen lieb sein dürfte. Wahrheiten nicht zu erkennen und dazu nicht anzuerkennen, ist ihre gemeinsame Schwäche. Vor einigen Wochen wurde in der NZZ bereits das "postfaktische Zeitalter" ausgerufen, in dem "zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit" keine Rolle mehr spielen. "Googlen statt Wissen ... Die Folge: eine Demokratie der Nichtwissenwollengesellschaft." Als Schalke-Fan bewahre ich mich gerade nach dem schlechtesten Saison-Start aller Zeiten mit diesem "Nichtwissenwollen" vor dem übermäßigen Konsum von Alkohol, dem einzig legalen Antidepressivum in solchen Phasen. Man ignoriert offensichtliche Fakten und Wahrheiten und redet sich einfach die Welt ein bisschen schöner als sie ist. Die AfD-Deppen bevorzugen die Welt zwar ein bisschen schlimmer, doch der psychologische Automatismus ist der gleiche.

Die heutige, digitale Datenflut macht einem den ignoranten Umgang mit der Wahrheit jedoch auch ziemlich leicht. Schuld ist die unüberschaubare Informationsvielfalt im Internet. Wer dort nach Wahrheit sucht, findet ja zu einem Thema immer gleich mehrere, garantierte Wahrheiten, selbst wenn es um die allereinfachsten Dinge geht, wie etwa die Evolution und den Fußball. Es ist die Wahrheit, dass Schalkes derzeitiger (bis Red.-Schluss) Trainer Markus Weinzierl und sein Vorgesetzter Christian Heidel in den letzten Jahren als ausgewiesene Fachleute noch die Liga rockten. Große Lichtgestalten, Riesen der Branche, die den Verein in eine neue erfolgreichere Epoche führen sollten. Und jetzt? Königsblaue Zwergenhaftigkeit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Oder Breel Embolo, noch Teenager und schon Wunderstürmer aus Basel, den sich mein verehrter S04 für viele, viele Millionen bei großer Konkurrenz sicherte: ist er das wirklich, oder haben die uns seinen kleinen Bruder angedreht? Es ist zum Verzweifeln, wenn man der Wahrheit ins Gesicht schaut, die man nicht wahrhaben will: 5 Spiele, 0 Punkte, 2 Tore. So kurz und hässlich, lässt sich die Wahrheit auf den absoluten Nullpunkt bringen, der in der Bundesliga nun mal der letzte Tabellenplatz ist. Aber abgerechnet wird ja erst zum Schluss, lautet der Mutmacher in der Vereinsführung dann, obwohl auf Schalke schon weitaus erfolgreichere Trainer und Manager wegen "erwiesener" Unfähigkeit entlassen wurden.

Ähnlich viel Kreativität die Dinge positiv zu sehen, braucht man zurzeit in Hamburg. Labbadias Bruno juckt das nun nicht mehr, denn der wurde gestern durch Markus Gisdol ausgetauscht. Laut BILD hat der einen nur neun Monate gültigen "Quickie-Vertrag" zur Dinosaurier-Rettung unterschrieben. Da wird jetzt zum wiederholten Male und auf Sparflamme der berühmte Saustall ausgemistet. Die coolste Sau war dabei jedenfalls Bruno Labbadia, der von der eindeutig mächtigsten Sau im Hamburger Dino-Stall, von Dietmar Beiersdorfer, zuerst alleingelassen und dann geschasst wurde, ohne, dass er die Contenance verlor. Wobei ich hier ausdrücklich auf das Synonym "größten" von "mächtigsten" verweise. Denn der gute Bruno hatte Beiersdorfer seinen Arsch erst im letzten Jahr noch gerettet. Oder heißt es hier besser "diesen" statt "seinen" Arsch...?. Die Wahrheit bringt es früher oder später ans Licht. Als Fan sollte man sich dabei nur auf Fakten verlassen. Und die stehen in der Tabelle, die ja bekanntlich niemals lügt. Da heißt es, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wenn sie noch so hässlich ist. Da muss man durch.

Zur Aufmunterung denke ich dann an die schönen Song-Zeilen von den Blues-Brothers:

"I learn to smile at trouble, I won't let it get me down.."

Zu hören im Stück "Blues why do you worry me" hier: http://bit.ly/2cPpUlf

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