Der Jugendstil

von Bernhard Ubbenhorst -

Ob Sancho, Hudson-Odoi, Matondo oder Kabak. Sehr junge Spieler aus dem Ausland sind in der Bundesliga sehr gefragt. Warum eigentlich?

Der Jugendstil zeichnet sich in der Kunstgeschichte wie im Fußball durch eine gehörige Portion Verspieltheit aus. Hier und da ein paar Schnörkel zuviel und viele raffinierte Details sind dabei im Spiel. Diese 'Art Nouveaux' schmückt enorm, ist mitunter sehr kostspielig und der praktische Nutzen hält sich manchmal in Grenzen. Trotzdem hat in der Bundesliga der Jugendstil Einzug gehalten und Bundesligavereine bieten oft hohe Summen für vielversprechende, junge Talente, vor allem für die aus dem Ausland. Dass sich das lohnen kann, haben die Dortmunder seit Jahren vorgemacht. Die Renditen beim Weiterverkauf von Spielern wie etwa Dembele, Aubameyang und nun Pulisic waren märchenhaft und die bei einem zukünftigen Verkauf von Jadon Sancho wird das noch toppen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.

Jetzt will jeder Verein plötzlich auch so einen "Sancho". Die Münchner Bayern haben in der Winterpause alle lauteren und unlauteren Tricks ausgepackt, um einen gewissen Callum Hudson-Odoi stante pede zu verpflichten, einen 18 Jahre jungen, angeblich pfeilschnellen Linksaußen. Sehr talentiert soll er sein, konnte das aber mangels Einsatzzeiten beim FC Chelsea noch nicht wirklich zeigen. Knapp 40 Millionen hätte Bayern für diesen Teenager in der Winterpause hingelegt, der bereits seit früher Kindheit für die Londoner spielt. Der Chelsea-Manager Maurizio Sarri schob dem, vom penetranten Werben der Bayern offensichtlich reichlich genervt, einen Riegel vor und untersagte kurzerhand den sofortigen Wechsel. Er bekundete mehrfach, dass er diese Abwerbeversuche durch Bayerns Sportdirektor Salihamidzic für unverschämt und unseriös halte. Und dazu, dass er nicht das geringste Verständnis dafür habe, dass Bayern für einen in jeder Hinsicht noch unfertigen Spieler solche Summen zu zahlen bereit sei und ihm so den Kopf verdrehe.

Die englischen Vereine pflegen ja traditionell ein eher konservatives Verhältnis im Umgang mit ihren jungen Talenten. Sie werden bei den großen Clubs in Jugendakademien zunächst perfekt ausgebildet, und der erfolgreiche Sprung in die erste Mannschaft ist bei vielen jungen Spielern nur eine Frage der Zeit. Aber die ist nach britischem Verständnis im Alter von 18 Jahren noch lange nicht gekommen. Die Youngster müssen sich in Pokalspielen und bei Kurzeinsätzen ihre Reputation erst mühsam erarbeiten. Auf die harte Tour eben. Der Hochleistungsbetrieb Premier League erfordert dazu konstante Leistungen bei einer Physis, die von einem Teenager einfach noch nicht zu erwarten ist. Zum anderen sind die Vereine mit Weltklasse-Spielern bestückt, die den Jungen bei all ihrem Talent doch noch weit voraus sind. Und genau darin liegt der Grund, warum die Bundesliga für die Talente aus dem Ausland gerade so attraktiv ist. Sie wollen spielen.

Viele Bundesliga-Vereine mussten sich dazu in den letzten Jahren angesichts der in den Himmel schießenden Transfersummen eine neue Strategie überlegen. Sie setzen nun, fast wie Börsen-Spekulanten, auf hoffnungsvolle und entwicklungsfähige Talente, die für vergleichsweise kleines Geld zu haben sind. Die kommen gern in die Bundesliga, da sie in den anderen europäischen Top-Ligen kaum zum Zuge kommen. Die Liste solcher jungen Spieler aus dem Ausland in der Bundesliga ist mittlerweile lang. Zuvor hatten die deutschen Top-Vereine ausschließlich auf den Kauf arrivierter, bereits fertiger Top-Spieler aus dem In- und Ausland gesetzt. Bei den steigenden Ablöseforderungen stiegen die meisten nach und nach aus diesem Rekrutierungsmarkt aus und gerieten daher zunächst sportlich und dann auch finanziell immer weiter ins Hintertreffen.

Irgendwann erwischte es auch den größten Bayern-Konkurrenten aus Dortmund. Durch professionelles Scouting und konsequentes Umsetzen des "Jugendstils" im Fußball sind sie nun wieder auf Augenhöhe mit den Bayern angelangt. Die finanziell bislang unbeirrbaren Bayern bekommen jetzt erst zu spüren, wie sich das Werben um die besten Spieler in einem gobalisierten Fußballmarkt nach und nach verändert hat. Um die sogenannten Stars, die den Erfolg quasi garantieren, kann der FC Bayern trotz aller Finanzkraft heute nicht mehr mitbieten. Die Zeiten sind angesichts der immens höheren, finanziellen Möglichkeiten ihrer europäischen Konkurrenz definitiv vorbei.

Die Münchner können dazu froh sein, wenn ein Spieler wie der französische Nationalspieler Benjamin Pavard sich sogar darauf freut, beim für ihn "besten Club der Welt" anzuheuern. Die besten Clubs der Welt werden heutzutage bei den meisten Spielern nämlich woanders verortet. Pavard trägt neben jugendlichem Flaum im Gesicht auch das Siegel "Weltmeister und VfB-Star", was die festgelegte Ablösesumme von 35 Millionen Euro fast schon in die Schnäppchen-Kategorie rutschen lässt. Wenn sich die Bayern-Scouts jedoch nur ein Mal mit seinen tatsächlich oft sehr durchwachsenen Leistungen vor, während und vor allem nach der WM auseinandergesetzt hätten, würden sie diesen Transfer heute sicherlich etwas anders bewerten. Im Grunde genügt Pavard momentan den beim FC Bayern ansonsten sehr hohen Kriterien an gute Spieler in keinster Weise. Man darf gespannt sein, wie er sich dort weiterentwickelt. Vom zweiten Beckenbauer bis zum grandiosen Flop ist da noch alles drin.

In Erwartung des Geldsegens aus München hat sich der momentan finanziell eher etwas klamme VfB dann auch gleich mal in der internationalen Jungspielerbörse bedient. Der Pavard-Nachfolger Ozan Kabak ist 18 Jahre alt, kommt aus Istanbul und kostete 11 Millionen Euro. An ihm waren auch andere hochkarätige Vereine dran, ließ Sportvorstand Reschke hinterher vermelden, damit die doch recht hohe Transfersumme ein bisschen gerechtfertigter erscheine. Dazu gehörte dem Vernehmen nach auch der FC Bayern. Was gleich Gerüchte aufkeimen ließ, die Münchner hätten eigentlich diesen Kabak-Deal eingefädelt und den Innenverteidiger quasi nur im Neckar-Stadion geparkt. Was Michael Reschke natürlich umgehend dementierte. Was ja manchmal nicht viel zu bedeuten hat.

Ozan Kabak löste Pablo 'Flop' Maffeo als teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte ab. Ob er ihm auch als teuerster Fehleinkauf folgen wird, bleibt noch abzuwarten. Kabak wird bestimmt nicht der nächste Jadon Sancho, das ist nach den ersten Spielen schon mal klar. Aber irgendwelche versteckten Qualitäten wird er schon haben, ansonsten wär er ja nicht 4 Millionen teurer als der englische Jungspund gewesen, für den Dortmund vor zwei Jahren nur 7 Millionen gezahlt hat. Es kann aber sehr gut sein, dass man sich in Bayern und Schwaben einfach nicht so besonders gut auf das Spekulieren mit jungen Talenten und den neuen Jugendstil versteht.

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