"Ein Verein gehört nicht einem Menschen"

von Bernd Sautter -

Wenn die 50+1-Regel fällt, stirbt der Fußball, wie wir ihn kennen. So meine Prophezeiung, die ich im Bulletin des 15. Spieltages gerne ausführe. Darüber hinaus lobe ich den Sportclub Freiburg und zwar ganz unabhängig von der zweiten Halbzeit in Köln.

Viele hätten nichts dagegen, wenn der nächste Bundespräsident Christian Streich heißen würde. Seine Worte haben Gewicht. Gehört werden sie allerdings allzu selten. Wenn Streich beispielsweise über die 50+1-Regel spricht, verfallen viele in einen Nickreflex - und trotzdem passiert wenig. "Ein Verein gehört nicht einem Menschen", stellt Streich zur 50+1-Regel fest. Das Zitat stammt aus dem kicker vom April 2017. Streich weiter: "Deutschland hat sportpolitisch in den vergangenen 20 Jahren vieles richtig gemacht, deshalb verstehe ich nicht, dass 50+1 nicht weiterhin so geschützt wird wie bisher. Deshalb kommen noch Fans ins Stadion."

Die Studie, die der FCPlayFair! in Auftrag gegeben hat, bestätigte, dass eine große Zahl der deutschen Fußballfans genau so denkt wie Christian Streich. Prof. André Bühler (übrigens einer unserer Propheten) notiert in der wissenschaftlichen Auswertung: "Nur 14,6% aller befragten Fußballfans wünschen sich eine Lockerung der 50+1-Regel." Dagegen sprechen sich rund drei Viertel der Befragten deutlich für den Erhalt von 50+1 aus. Dass ich selbst Mitglied beim FC PlayFair! bin, möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen. Ich bin es aus Überzeugung. Diese Bemerkung gehört selbstverständlich dazu. Ob die folgenden Ausführungen von allen Vereinsmitglieder unterschrieben werden, da bin ich mir allerdings nicht ganz sicher. In nur vier Antworten will ich kurz erörtern, warum 50+1 so wichtig ist.

Was ist die 50+1-Regel?

50+1 ist längst zur Chiffre für eine Kommerzialisierung in Maßen geworden. Die Regel mit der banalen Rechenaufgabe schreibt vor, dass nur Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb teilnehmen können, wenn Sie mehrheitlich dem Verein gehören. Der Verein muss also die Mehrheit der Stimmanteile an der Kapitalgesellschaft halten. Praktisch 50+1. Dementsprechend dürfen Investoren maximal 50 Prozent minus eine Stimme besitzen. Damit wird sichergestellt, dass der Verein die Geschicke des Spielbetriebs selbst in der Hand behält.

Was droht?

Experten sind sich einig, dass eine Klage gegen die 50+1-Regel vor dem Europäischen Gerichtshof erfolgreich sein könnte. Christoph Ruf führt in seinem extrem empfehlenswerten Buch "Fieberwahn" aus: "... Eine Entscheidung pro Investor entspräche der europäischen Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte, die soziale oder kulturelle Argumente gegenüber dem freien Kapitalverkehr gering schätzt und somit einer rein neoliberalen Logik folgt." Weiter prophezeit Ruf: "Das Prinzip des freien Kapitalverkehrs, aber auch das Kartell- und das Wettbewerbsrecht könnten wohl dafür sorgen, dass das EuGH am Ende für den Fall der 50+1-Regel votiert."

Wofür braucht man die Regel?

Man mag es bedauern. Tatsächlich ist es so, dass Mitglieder davor geschützt werden müssen, ihren eigenen Verein auszuverkaufen. In Stuttgart ist das erst kürzlich passiert. Man brauchte Geld, um nach dem Abstieg wieder vorne in der Bundesliga mitzuspielen. Erfolg kommt eben vor Kultur und Identität, so bestimmten es die Mitglieder. Mit großer Mehrheit beschlossen sie die Ausgliederung. Der Verein hat zwar einige Schranken gegen grenzenloses Investorentum eingebaut. Doch Beobachter ahnen was passiert, wenn wieder frisches Geld gebraucht wird. Dann wird es den VfB-Mitgliedern vermutlich wurscht sein, woher die Knete stammt. Falls sie überhaupt noch gefragt werden. Das offenbarte jedenfalls kürzlich eine Äußerung des Präsidenten Dietrich, der nicht ausschloss, einen Fonds an der ausgegliederten AG zu beteiligen. St.Pauli-Manager Andreas Rettig warnte schon im März 2017 in der FAZ: "Wenn 50+1 fällt, geht das Wettrennen um den reichsten Oligarchen los. Dann haben wir keine Bundesligatabelle, sondern eine Forbes-Tabelle." Stuttgart wird vorne mitrennen. VfB-Präsident Dietrich hat das Mitgliedervotum dafür bereits in der Tasche. 

Taugt die Regel überhaupt?

Vielleicht wollen DFB und DFL 50+1 schützen. Dieses Wollen ist allerdings kaum zu bemerken. Das Problem: Wenn man auf die Regel beharrt, drohen die Investitionswilligen mit dem Gang zum EuGH. 50+1 ist jetzt schon ein stumpfes Schwert. Wenns kritisch wird, geben die Hüter der Regel besser klein bei. Präsident Martin Kind von Hannover 96 droht schon lange mit dem Gang vors Gericht. Darum wird ihm jetzt eine Ausnahme zugestanden. Auch Leverkusen, Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig wurde eine Ausnahme gewährt. Es ist kein Zufall, dass es sich dabei um den Minuspol der Zuschauermagneten in unserer geliebten Liga handelt. In diesem Jahr hat Hasan Ismaik, der (ehemalig) stinkreiche Investor von 1860 München angekündigt, dass er gegen die Regel klagen wird. Der wache Teil Fußballdeutschlands betet täglich, dass es sich nur um eine seiner hohlen Versprechungen handelt.

Beim SC Freiburg gab es kürzlich eine Initiative, die forderte, dass sich der Sportclub freiwillig zu 50+1 bekenne, selbst dann, wenn Europa die Regel kippen würde. Der Antrag, den die Initiative für die Mitgliederversammlung vorbereitete, war sogar noch schärfer formuliert. Man wollte absichern lassen, dass der Sportclub, falls er doch irgendwann seine Profiabteilung ausgliedere, dauerhaft 100 Prozent der Kapitalanteile halten sollte. Kürzlich wurde der Antrag zurückgezogen. Der Grund: In Freiburg ist man sich einig. In mehreren Treffen mit Vorständen und Aufsichtsrat hat sich die Initiative davon überzeugen lassen, dass in absehbarer Zeit nicht am Status als Verein gerüttelt werden soll. Markus Kanzinger von der Initiative "Einzigartiger Sport-Club" kommentierte in der Badischen Zeitung: "Diese Zusage und die Kommunikation mit dem Verein ist für uns wertvoller als eine Formalie". Sportlich gesehen ist Freiburg nicht der beste Klub der Liga. Sonst schon. Man erkennt es nicht nur am kommenden Bundespräsidenten.


PS. 50+1 ist viel zu komplex, um die schwierige Gemengelage in einem Bulletin abzuhandeln. Ich verweise deshalb gerne auf das Buch "Fieberwahn" von Christoph Ruf, der alles sauber recherchiert hat. An dieser Stelle sei das Buch allen Propheten ans Herz gelegt. Ich las es mit großem Gewinn.

 

Korrekturhinweis: Bevor mich Prof. André Bühler darauf aufmerksam gemacht hatte, stand im VfB-Absatz noch, dass der VfB in eine GmbH ausgegliedert hat. Stimmt natürlich nicht. Der VfB hat in eine AG ausgegliedert. Danke für den Hinweis, André.

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