Ej, Alder

von Bernd Sautter -

Wie die Bundesliga ist auch die prophetische Plattform ist in die Jahre gekommen. Das vorletzte Spieltagsbulletin stellt die Alterspyramide auf die Spitze.

Manche unserer Prophetinnen werden mit einer Karriere als Lead-Sängerin in einer Girlieband bereits abgeschlossen haben. Auch bei mir sieht's mau aus. Ich hätte nicht mal als Voice of Liechtenstein eine Chance. Kein Juror würde seinen Drehstuhl wenden - auch dann nicht, wenn ich der einzige Kandidat wäre. Seit letzter Woche kann ich auch meine Karriere als Mittelfeldmotor begraben. Das Alter.

Ich, Olympiasieger?

Das gilt übrigens auch für die anderen Sportarten. Sogar beim Snooker, wo man keine körperlichen Höchstleistungen vollbringen muss, brauch ich die Fernbrille, damit die Kugeln am anderen Ende des Tisches nicht verschwimmen. Eine letzte Möglichkeit auf eine olympische Medaille hätte ich noch beim Dressurreiten. Da gab's mal einen einundsechszigjährigen Olympiasieger. Doch mit den Piaffen ist das so eine Sache. Besoffen gelingen sie mir am besten. In diesem Zustand sehe ich nur selbst das Pferd, die anderen nicht. Ich erwähne es deshalb mit gewissem Stolz, weil Augenzeugen berichten, mein versammelter Trab wäre in diesen Momenten überbordender Mentalfitmess durchaus beeindruckend.

Mit dem Fußball wird's jetzt auch nichts mehr. Wertet man Fußballspieler nach Alter aus, zeigt sich, dass ein Maximum bei 26 und 27 Jahren liegt. Das kommt jedenfalls heraus, wenn man in den ersten Ligen in Deutschland, Spanien, England und Italien das Alter der Stürmer zählt. Warum man für diese Statistik nur die Stürmer heranzog, bleibt allerdings rätselhaft. Torhüter und Verteidiger sollten den Schnitt ein wenig ins Alter verschieben – möglicherweise nur ein bis höchstens zwei Jahre. Mehr nicht.

Es gibt Ausnahmen: Messi, Cristiano Ronaldo und Ryan Giggs gehören dazu. Ausnahmestürmer bestätigen die Regel. Vielleicht mögen diese Zahlen den Jugendwahn erklären, der seit längerem den Fußball befallen hat. Wäre es nicht gesetzlich verboten, würden die Top-Clubs mehrere 10 Mio. für einen guten Jugendspieler ausgeben. Und vermutlich passiert das auch, man kann ja deren Väter als Platzwart für ein ähnliches Salär anstellen. Der Fußball verhält sich in diesem Punkt wie eine große Familie. Mit den Kindern verbunden ist Hoffnung auf bessere Zeiten. Die U23 kann man getrost dicht machen. Schon 23 Jahre sind zu alt für Nachwuchs. Wer bis dahin den Durchbruch nicht gepackt hat, packt es nimmermehr.

Der Trend geht zur Routine

Doch Vorsicht: Die Gegenbewegung ist bereits auf dem Vormarsch. Im Alter könnte der Spieler plötzlich interessant werden. Stuttgart als aktuelles Beispiel: Dort, wo einst die jungen Wilden identitätsstiftend nach vorne spielten, sorgt aktuell eine rätselhafte Rentnerband für Furore. Der als Perlentaucher gefeierte Rheinländer Rudi Reschkerampe holte Beck, Aogo und Gomez und ergänzte diese mit den vorhandenen Greisen Badstuber (der läuft mit seinen 28 Lenzen bereits wie ein Einundfuffzigjähriger), Gentner und Zieler. Mit solcher Routine ausgestattet legte Stuttgart nach den Bayern die beste Rückrunde aller Teams hin. Die Stuttgarter Fans feierten am Samstag ihre Siegesserie mit mehreren engagierten Piaffen, erklären können sie das Phänomen ihrer Seniorentruppe jedoch nicht. Und trotzdem: Der alte Sack Reschke liegt voll im Trend. Die Alten rocken die Liga.

Wie sagt man so schön: das Gerippe der Mannschaft. Schauen wir nach Schalke. Dort sind es die Fährmanns, Naldos und Caliguris, die die Konstanz ausmachen. Leverkusen? Baut auf beide Benders, um der Mannschaft ein starkes Rückgrat zu geben. Bremen? Glänzt mit Poker-Nachwuchstalent Kruse neben Gebre Selassie, Gondorf und dem alten Schweden Moisander. Überraschungsmannschaft Frankfurt? Setzt auf die Achse mit Abraham, Russ, Boateng und Mitt-Dreißiger Hasebe. Sogar bei Bayern: Hummels, Lewa, Rob und Rib machen den Unterschied. Das weiß Don Jupp, selbst im besten Alter. Diese Combo hat es bis ins Halbfinale der Championsleague geschafft.

Bewährte Werte

Dabei ist die gute Form nur eines von vielen Argumenten für die Routiniers. Vielleicht noch wichtiger: die Sicherheit. Wenn ein Junger durch die Decke geht, ist er schneller weg, als man schauen kann. Mag sein, dass er noch Sesterzen in die Kassen spült. Doch unzählige Bundesligisten haben bewiesen, dass sie an der hohen Kunst der Folgeinvestition regelmäßig scheitern. Darum gewinnt die AH der Liga sprunghaft an Relevanz. So lange die Gelenke mitmachen, stehen die Oldtimer Zentrum des Erfolgs. Darum möchte ich den Propheten meiner gereiften Generation abschließend zurufen: Noch ist weder Malz noch Hopfen verloren. Wir haben noch alle Chancen. Ich selbst habe beispielsweise beschlossen, wieder häufiger zu trainieren. Auf den versammelten Trab werden ich aufbauen.

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