Fußball und Tod

von Bernd Sautter -

Aus aktuellem Anlass: Einige Gedanken zum Tod - und eine entschlossene Forderung an den VfB Stuttgart: Stadionverbot für die Bildzeitung. Pressefreiheit hin oder her...Es geht nicht anders. 

Der Tod gehört dazu, sagen alle. Aber ich gebe zu, dass mir diese Feststellung nie wirklich weiter geholfen hat. Unsere Endlichkeit ist ein riesengroßer Mist, das Sterben der Liebsten ein unerträglicher Folgefehler. Auch entfernte Lebewesen können beim Ableben echte Trauer auslösen. Fans der gepflegten Rockmusik beklagen seit Jahren, dass der Himmel jährlich eine repsektable Superband zu sich ruft. Waren eben keine Gitarrengötter, sondern Normalsterbliche. Im Fußball ist's derselbe Jammer: Längst kickt im Stadion des Himmels eine Jahrhundertauswahl. Welch feines Turnier könnte man dort spielen...  Leider stehen auch die Helden unserer fußballerischen Jugendzeit immer öfter in den Startformationen, die der Fußballgott in seinem verdammten Egoismus für sich zusammen stellt. Wenn unsere Idole Glück haben, kommen sie noch auf Erden in die Jahre. Wenn sie Pech haben, stehen wir im Stadion und halten eine Gedenkminute, auf die wir gerne verzichtet hätten. Am Samstag zum Beispiel gedachte ich an VfB-Verteidiger Bernd Martin, einer der Lieblingsspieler meiner Jugend. Ein riesengroßer Jammer.

Die Art und Weise, wie man in deutschen Stadion mit Gedenkminuten umgeht, hatte ich schon vor Jahren kritisiert. Weil nichts besser geworden ist, wiederhole ich das: Die Ruhe und das Innehalten im Stadion ist erstens deplatziert und zweitens funktioniert es nicht. Einer räuspert immer. Ein Anderer blöckt. Meistens aus dem Gästeblock. Bevor der Schiri das Ende des Innehaltens befiehlt, ist die Würde des Moments längst ins Grab gefallen. Wie es besser geht, wissen die Briten. Nie werde ich das Friendly Derby Everton gegen Liverpool vergessen, in dem Fans beider Lager den Opfern der Hillsborough-Katastrophe huldigten. Nicht im Stillen, sondern mit minutenlangem frenetischem Beifall. Die typische Stimme des Stadions hatte sich erhoben, um die Opfer zu ehren. Das ist wahre Würde und eine wesensgeechte Äußerung eines Stadions. Bravo. Wenn schon Tod, dann so - und nicht anders. Trauerbegleiterin Carmen Mayer bestätigte vor kurzem meine Forderung im Fachmagazin ballesterer. Ihr zu Folge ist es wichtig, dass Trauernde in ihren Ritualen aktiv werden, damit sie das Gefühl haben, den Verstorbenen zu ehren. Persönlich kann ich das gut nachvollziehen. In den stillen Gedenkminuten habe ich stets das doofe Gefühl, nur dumm rumzustehen. Darf ich den Verstorbenen mit Applaus würdigen, werde ich ein aktiver Teil der gemeinsamen Trauerarbeit.

Auf einer anderen Ebene betrachtet, ist es sogar eine Auszeichnung für den Fußball, dass die kollektive Stadiontrauer so häufig vorkommt. Die professionelle Trauerbegleiterin bestätigt mit Nachdruck, dass der Fußball und das Stadion ein guter Rahmen sind, um Emotionen zuzulassen und eben auch öffentlich zu weinen und zu trauern. Mayer wörtlich: "Im Stadion kommen Menschen zusammen, die Gefühle miteinander teilen. Fanszenen sind gefühlserprobte Gemeinschaften. Trauer hat in unserer Gesellschaft keinen selbstverständlichen Platz mehr, sondern ist stark tabuisiert. In der Kurve schämt sich niemand, Trauer zu zeigen. Das unterscheidet den Fußball von anderen Orten." Anderes ausgedrückt: Selbst im Tod drückt sich aus, dass wir den Fußball nicht dem Kommerz überlassen dürfen. Die Basis unseres Sports bildet der Verein. In diesem sind wir vereint – sogar über den Tod hinaus. So betrachtet adeln Gedenkminuten den Fußball. Sie sind ein weiterer Ausdruck seiner intakten gesellschaftlichen Funktion.

Entschieden abzuraten ist allerdings vom Sterben im Stadion. Dass Problem dabei ist nicht der Verein, sondern die Anwesenheit einer Zeitung, bei der man wünschte, sie schriebe nicht über den Tod, sondern würde selbst krepieren. Schlimm genug, dass die Familie Gentner ihren geliebten Vater verliert. Er starb noch in den Tribünenräumen des VfB nach dem Spiel VfB Stuttgart gegen Hertha BSC. Einige Propheten waren anwesend. Was die unsägliche Bildzeitung daraus macht, hat inzwischen bundesweit Ekel erregt. Unter der Überschrift "Die wichtigsten Fragen zum Todes-Drama: Woran starb Gentners Vaters?" schlachtet die Bild alles aus, was sie in ihre versifften Finger bekommt. Die Antworten finden sich hinter der Bezahlschranke. So wird der Tod eines Menschen zum Clickköder degradiert. Alles wird ausgeschlachtet. Diejenigen die dabei waren, können berichten, dass Texte und Abbildungen dieser Zeitungsbehauptung weder authentisch noch in irgendeiner Weise richtig dargestellt sind. 

Angesichts der vorliegenden Tatsachen, online wie offline, will ich eine klare Forderung an meinen Verein richten:

                                               Hausverbot für die Bild

Endlich und entschlossen. Wer sich in dieser Weise das Leid eines Vereinsmitgliedes, in diesem Fall unserem Capitano Gentner aus niederen Begweggründen vergrößert, gehört dauerhaft ausgesperrt. Punktum. "Ja, ja", höre ich die Mistkerle argumentieren, "der Tod gehört eben dazu." Aber wie gesagt: Diese Feststellung hat noch niemandem geholfen.

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