Kein Verein für Rechtsaußen

von Bernhard Ubbenhorst -

Die Politik hat beim Fußball nichts verloren. Heißt es ja immer. Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer sieht das anders und dafür verdient er Respekt.

In der Winterpause hat Eintracht-Präsident Peter Fischer öffentlich etwas beim Namen genannt, was andere sich nicht zu sagen trauen, von wegen: die sind ja demokratisch gewählt und nicht alle so. O-Ton Fischer bei der FAZ: "Es verträgt sich nicht mit unserer Satzung, AfD zu wählen." Und beim HR danach: "Es gibt für die braune Brut keinen Platz. Solange ich da bin, wird es keine Nazis bei Eintracht Frankfurt geben." Die Botschaft ist so klar wie eindeutig: Wer eine offen antidemokratische, rassistische und neonazistisch auftretende Partei wählt, ist selbst ein Antidemokrat, Rassist und Neonazi und hat daher bei Eintracht Frankfurt nichts verloren. Da gibt es keinen Deppen-Bonus. Fischer sagte dazu noch, dass er sich für die 13 Prozent der Bevölkerung schäme, die der AfD bei der Wahl ins Parlament verholfen haben. Prompt wurde er dafür von hessischen AfD-Politikern angezeigt, wegen Nazi-Keule schwingen und so. Der Dieb ruft, haltet den Dieb und Neonazis und Rassisten beklagen sich, wenn sie als solche bezeichnet werden. Fischer bekam für seinen Mut, diese Dinge beim Namen zu nennen, die volle Rückendeckung seines Vereins, doch man darf gespannt sein, ob das lange so anhält.

Die politische und religiöse Neutralität ist ja in vielen Vereinssatzungen der Fußballbundesligisten fest verankert. Der mutmaßliche Hauptgrund für dieses Bekenntnis ist die NS-Vergangenheit vieler Traditionssportvereine, die sich zu Beginn des "tausendjährigen Reiches" meistenteils sehr bereitwillig der Gleichschaltung der Nationalsozialisten im Sport gebeugt haben. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie wurden damals zur Normalität auch im Fußball. Sollte ja im Nachkriegsdeutschland zukünftig nicht wieder passieren, so ein Malheur, also Finger weg von der Politik. Dachte man sich so bei den Clubs im Westen. Im Osten gab es ja per Gesetz sowieso nur noch Antifaschisten, auch im Fußball. Hat aber weder hüben noch drüben was genützt. Der Nationalsozialismus war nach dem Kriegsende 1945 zwar offiziell erledigt, doch mit Rassismus, Antisemitismus und Homophobie hat die deutsche Gesellschaft bis heute nicht abschließen können und mit nationalsozialistischem Gedankengut offensichtlich auch nicht. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie offenbart sich wie selbstverständlich seither immer wieder auch im Sport, vor allem auf den Fußball-Tribünen.

Kein Verein hat sich damals ausdrücklich politisch etwa mit einem lauten "Nie wieder!" gegen die menschenverachtende Gesinnung der Nazis positioniert, obwohl ein Großteil der Fußballvereine sich zuvor, aus der Tradition der Arbeitervereine hervorgegangen, durchaus auch explizit mit Politik beschäftigt hatte. Ging damals irgendwie noch nicht und heute auch noch nicht. Statements gegen Rassismus und Homophobie gehören zwar zum öffentlich vorgetragenen Bekenntnis-Repertoire der meisten Vereine, doch mit klaren Konsequenzen tun sie sich im Ernstfall eher schwer. Muss das so sein? Spätestens als AfD-Gauland öffentlich sagte, einen wie Jerome Boateng möge kein Deutscher als Nachbarn haben, hätte es doch mal krachen können und führende Figuren des deutschen Fußballs hätten mal Tacheles zum Thema AfD reden müssen. Und dieses Zitat war ja noch einer der harmlosesten verbalen Auswüchse dieser offen neonazistisch und rassistisch auftretenden Partei. Dazu kam es im Fußball nur sporadisch zur Widerrede.

Politische Statements gelten nämlich aus unerfindlichen Gründen bei den Bundesliga-Fußballvereinen, mal von St. Pauli und dem famosen Christian Streich in Freiburg abgesehen, als nicht besonders sexy. Den Spielern selbst ist jede politische oder religiöse Meinungsbekundung während des Sports laut Fifa-Statut bei Fifa-Begegnungen mit Ausnahme von Freundschaftsspielen sogar verboten. Könnte den Geschäftsbetrieb ja empfindlich stören. Der DFB sieht's dabei und in der Bundesliga nicht ganz so streng. Die Spieler von Hertha BSC gingen vor der Partie gegen den FC Schalke 04 kürzlich in die Knie, um sich mit dem amerikanischen Footballer Kaepernick zu solidarisieren, der diese Geste zum Symbol gegen Rassismus und Polizeigewalt gemacht hatte und deswegen heute keinen Job mehr als Quarterback bekommt. Tja, und dann lief Julian Draxler mal gegen Dänemark bei einem Freundschaftsspiel mit einer regenbogenfarbenen Kapitänsbinde auf, als Protest gegen Homophobie. Geht alles gerade noch so. Kostet ja auch nix. Da ist der Appell von DFB-Chef Grindel an die WM-Ausrichter Russland und Katar ja auch möglichst alle Menschenrechte zu achten, fast schon aufrührerisch. Sobald es etwas kostet, wenn etwa eine Handvoll illuminierter Buddhisten mit Tibet-Fahnen im Stadion die lukrative Kooperation mit dem chinesischen Fußball-Verband und dessen Nationalteam im Spielbetrieb der Regionalliga zu Fall bringt, dann ist schon Schluss mit lustig und dem Eintreten für Menschenrechte.

Manche Anhänger anderer Vereine, die ebenfalls mit Unbehagen die zurückerlangte Salonfähigkeit der Neonazis in der Politik betrachten, wünschen sich dieser Tage von ihren Vereinspräsidenten vermutlich ähnlich klare Worte, wie Peter Fischer sie in Frankfurt gewählt hat. Oder zumindest irgendeine Bekundung zur Solidarität mit dem Eintracht-Präsidenten. Doch das wird wohl nichts werden. Und beim VfB Stuttgart ganz bestimmt nicht. Dort wurde kürzlich ein Bild für die Stadionzeitung retuschiert, das zuvor auf der Homepage noch einen Fan mit einem "FCK-AFD"-T-Shirt zeigte. Ach, du meine Güte! Man sei ganz der politischen Neutralität verpflichtet, hieß es zur Begründung. Und beim FC Bayern? Eher nicht. Auf die alljährlich von den Fans vorgetragene Kritik am Trainingslager in Katar, wo man von Menschenrechten ja bekanntlich nicht allzu viel hält, sagte Rummenigge jüngst der TZ-Presse: "Außenminister Sigmar Gabriel hat mir neulich bestätigt, dass sich die Situation der Arbeiter in Katar durch den Fußball verbessert habe, auch wenn sie natürlich immer noch besser werden könne. ... der FC Bayern steuert hier als ein Vertreter der gesamten Fußballfamilie seinen Teil bei. Unsere Partner in Doha kennen auch unsere Überzeugungen. Darüber sprechen wir vertraulich, und mit jedem Gespräch wächst ein Stück Vertrauen. Das ist die Voraussetzung für Veränderung." Jep, alles klar! Wer hatte Kalle nochmal die Rolex-Uhren ganz im Vertrauen rüberwachsen lassen?

Man fragt sich dazu, von wem in dieser Sache weniger zu halten ist. Sollte Sigmar Gabriel das tatsächlich so gesagt haben, eindeutig von ihm. Er ist schließlich immer noch Außenminister und sollte doch wissen, dass in Katar nach wie vor viele Zehntausende Arbeiter aus Bangladesch, Nepal und Indien unter erbärmlichsten Bedingungen direkt und indirekt für die Ausrichtung der Fußball-WM 2022 in Katar schuften und bereits mehrere 100 Todesfälle auf diesen Baustellen zu beklagen sind. Wer, wenn nicht die aller Voraussicht nach an dieser Weltmeisterschaft beteiligten, großen nationalen Fußballverbände, wie der DFB, hätten genügend Macht, diese Situation zu beeinflussen? Trainingslager in den Golf-Staaten müssten eigentlich ein No-Go sein, von der WM in Katar selbst ganz zu schweigen. Ist aber nicht so einfach. Jogi Löw sagte zu diesem Thema einmal: „Man sollte vom Fußball nicht erwarten, dass er Probleme und Missstände überwindet, die die Politik auch nicht löst.“ Mag ja sein, aber sollte man es nicht wenigstens mal versuchen? Können die Scheuklappen denn groß genug sein, um in vier Jahren beim Einlaufen in das WM-Stadion in Doha die auch genau dort dafür elend gestorbenen Arbeiter auszublenden? Okay, die bei der WM 1978 im von der Militär-Junta beherrschten Argentinien getragenen, sollten groß genug sein. Die Fans erinnern sich heute ja bestenfalls noch an die Schmach von Cordoba, aber die hatte mit den Folterknästen der Junta nichts zu tun.

Es gibt nur wenige Bereiche in unserer Gesellschaft, in denen ein ähnliches Potenzial zur Übernahme gesellschaftspolitischer Verantwortung schlummert, wie im Fußballsport. Der DFB und die Fußballvereine haben sich in der Vergangenheit immer wieder öffentlichkeitswirksam in Aktionen zu den Menschenrechten und zentralen demokratischen Werten wie Offenheit, Vielfalt, Integration und Toleranz bekannt. Daher ist es doch sehr verwunderlich, dass sich im Fußball nicht viel mehr Menschen trauen, denen Kontra zu geben, die all diese Werte verabscheuen und mit Füßen treten. Eintracht-Präsident Fischer hat sich das getraut und eindeutig Stellung bezogen. Dafür gebührt ihm allerhöchster Respekt.

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