Lasst Götze in Ruhe!

von Bernhard Ubbenhorst -

Der Nimbus des Siegtorschützen in einem WM-Endspiel währt ein Leben lang, ob der Held es will oder nicht. Der Nimbus wiegt schwer. Zu schwer für Mario Götze und warum man deshalb auf ihn Acht geben sollte...

"Ich schaffe es nicht, das auszublenden." Der Kicker-online verwendete kürzlich dieses Zitat Mario Götzes als Schlagzeile. Es war seine Antwort auf eine Interviewfrage zu seinem Umgang mit der öffentlichen Meinung in Sachen Karriere-Knick, aktuell beim BVB. Der Schlusssatz im Artikel dazu lautete: " Der Weltmeister-Torschütze von 2014 ist nicht nur auf der Suche nach mehr Einsatzzeit und nach seiner Form, sondern auch nach Normalität und nicht zuletzt nach sich selbst." Dieser Satz bringt Götzes Dilemma auf den Punkt und sollte jedem Sportjournalisten zu denken geben. Sie sind es nämlich, die bei Mario Götze seit vier Jahren den Nimbus "Weltmeister-Torschütze" stets mit sehr hohen Erwartungen verknüpfen. Viel zu hohen Erwartungen, die bedauerlicherweise den öffentlichen Diskurs über die fußballerischen Leistungen Mario Götzes bestimmen. Wie kam es dazu?

"Der kommt an! Mach' ihn! Mach' ihn! Er macht ihn!" - Tom Bartels Worte als Kommentator zu Mario Götzes Siegtor im Endspiel der WM 2014 hat vermutlich jeder Fußballfan noch im Ohr. Das war nicht so emotional wie Herbert Zimmermanns euphorische Begleitung zu Helmut Rahns Siegtor im Endspiel 1954 - "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen! Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor!" - Aber immerhin! Die Kommentare zu den zwei anderen deutschen Siegtoren 1974 und 1990 von Gerd Müller und Andreas Brehme fielen eher pragmatisch aus und nicht der wörtlichen Rede wert. Neben den Toren bleiben auch die dazugehörigen Kommentare im kollektiven Fußballgedächtnis für alle Zeiten gespeichert. Und alle vier Torschützen wurden nach ihrer Großtat, die aus nur einem Torschuss bestand, umgehend in den Stand eines Nationalhelden erhoben. Ehre wem Ehre gebührt.

Jeder der von Kindesbeinen an gegen den Ball tritt, kennt ihn, den Heldentraum, einmal im Fußballleben in einem wichtigen Spiel das entscheidende Tor zu schießen. In kindlichem Größenwahn kommt es dabei häufig vor, dass dieser Traum sich in nichts geringerem als einem WM-Endspiel abspielt und das dieses Tor nach einem grandiosen Fallrückzieher fällt oder zumindest nach einem 30-Meter-Hammer, wie an der Schnur gezogen in den Winkel. Wenn schon Held, dann richtig. Und jeder kennt dann dazu auch das Gefühl, wenn einen die Realität auf dem Platz wieder einholt und man dann manchmal schon froh sein kann, einen Ball gänzlich unfallfrei nur zu stoppen. Die meisten Träume werden eben niemals wahr. Nur für die deutschen Weltmeister-Torschützen Rahn, Müller, Brehme und Götze hat sich dieser seit Kindheitstagen von vielen gehegte Traum bisher erfüllt.

Zumindest für Mario Götze wird sich dieser Traum heutzutage nächtens eher wie ein graumsamer Alptraum anfühlen, in dem der Nimbus des Weltmeistertores wie ein schwerer Stein auf ihm lastet, den er nicht mehr los wird. Es ist der Fluch der guten Tat, der von Mario Götze verlangt, im weiteren Leben stets nichts geringeres mehr zu leisten, als das was ihn zum Helden machte. Nun kann man ja nicht jede Woche ein WM-Endspiel bestreiten, was diese Sache enorm verkompliziert. Und wenn man dazu solch ein Tor bereits zu Beginn seiner Karriere erzielt, wirkt der Fluch der guten Tat noch schwerer, denn man wird noch für viele Jahre an ihr gemessen. Das ist nicht leicht. Dazu braucht man ein stabiles psychisches Grundgerüst, über das nicht jeder wie selbstverständlich verfügt, schon gar nicht in jungen Jahren.

Mario Götze war 2014 bei Licht betrachtet immer noch nichts mehr als ein vielversprechendes Talent als ihm nach seinem WM-Siegtor von der Bild-Zeitung mal wieder der Name "Super-Mario" aufgestempelt wurde. Richtig super war Mario zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Nach seinem Wechsel 2013 zu den Bayern konnte er nie wieder an seine erfolgreichen Zeiten zuvor bei Borussia Dortmund anknüpfen. Er hatte damals und hat noch heute große Probleme sein Leistungsvermögen auf den Platz zu bringen, was vermutlich auch an seiner 2017 diagnostizierten Stoffwechselerkrankung lag und liegt. Wie es da bei einem jungen, hochbegabten Fußballer unter hohem Erwartungsdruck mit der psychischen Befindlichkeit aussieht, kann sich jeder vorstellen. Kein halbwegs zur Empathie fähiger Mensch käme auf die Idee, diesen Erwartungsdruck grundlos zu erhöhen und die psychische Belastung zu steigern. Und doch ist es in den Medien immer wieder Methode, auf tiefgefallene Helden erst recht nochmal einzudreschen und ihren Nimbus zu zerstören.

Der französische Begründer der Theorie der Massenpsychologie, Gustave le Bon, wusste diese Methode schon 1895 recht anschaulich zu beschreiben: 'Der Nimbus verschwindet immer im Augenblick des Misserfolges. Der Held, dem die Masse gestern zujubelte, wird morgen von ihr angespien, wenn das Schicksal ihn schlug. Je größer der Nimbus, um so heftiger der Rückschlag." Nach der WM 2014 haben die Medien Mario Götze zum WM-Helden gemacht, und selbst nach vier Jahren wird er heute noch in der Sportpresse an diesen mit nur einem Torschuss verdienten Meriten als "Weltmeister-Torschütze" gemessen. Wie unsinnig das ist, sollte selbst der größte Depp begreifen. Götze bekommt keine Chance, nur der gewöhnliche Bundesliga-Spieler Mario Götze zu sein, der, wie viele andere auch, gerade sein Karrieretief erlebt. Die Gefahr ist groß, dass dieser junge Mann daran zerbricht. Es sei denn, man lässt ihn endlich mal in Ruhe!

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