Leagues und Leaks

von Bernd Sautter -

Ein Ausflug in die Kreisliga hilft. Oder heißt es schon Kreisleague? Der Abstecher erinnert daran, was im großen Fußball schief läuft. Von Kleinen zum Großen in fünf Absätzen: das prophetische Bulletin des 13. Bundesligaspieltags. 

Gegen drei am Nachmittag kam der Schiri angetrottelt. Eine Stunde zu spät. Er fand den SC-Platz nicht, der verwinkelt im Schatten des Neckarstadions liegt. Wir standen beim Stuttgarter SC am Spielfeldrand, der gegen TSV Bernhausen II spielte. 5:2 für den SSC ging's aus. Erster Saisonsieg des SSC! Hoch die Tassen. Zusammen mit dem Fußballhistoriker Hansjürgen Jablonski (Hobby-Fußballhistoriker würde mich Hansjürgen jetzt verbessern) freuten wir uns am ehrlichen Spiel und schmausten eine Rote, die zehnmal besser schmeckte als alles, was man tags zuvor in der Nachbarschaft hätte ergattern können. Wir sahen das Kellerduell der Kreisliga B3 Stuttgart. Abstiegsduell wäre gelogen. Absteigen kann man in dieser Liga nicht mehr. Ein Bernhäuser Spieler legte sich stilecht flach. Ohne Gegnereinwirkung. Er wollte sich den Ball nur zur Ecke legen. Platsch! Alles aus dem Kreisligabilderbuch. Die Mercedes-Benz Arena in Wurfweite.

Der Stuttgarter SC war einst gefürchtet, doch das ist fünfzig bis hundert Jahre her. Die Kicker vom Gaskessel waren vor dem ersten Weltkrieg in der Südkreisliga führend. 1921 stellten sie mit Emil Gröner einen Nationalspieler. Damals war der VfB nur dritte Kraft, hinter den Kickers und dem SSC. Irgendwann ging es bergab mit dem SSC, spätestens als sie auf die andere Necksarseite wechseln mussten. Direkt in die Nachbarschaft des Erzfeindes, direkt in dessen Schatten. Aber vielleicht hat es auch etwas Gutes, denn der VfB ist längst am anderen Ende des Ligensystems in maximaler Entfernung. Das SSC-Vereinsheim proftiert durch die räumliche Nähe, es ist ein Geheimtipp für alle, die ein Bundesligaspiel ohne Systemgastronomie erleben wollen, und das sind nicht wenige. Die Wirtsleute machen auch bei VfB-Spielen Umsatz. Das tut gut. An den Nachmittagen, an denen der SSC spielt, kommen nur zwanzig Zuschauer. Aber alle Anwesenden spüren, warum man Fußball lieben muss. Man kann das Gras riechen - im übertragenen Sinne sogar den Kunstrasen. Apropos künstlich: Im Vereinsheim läuft Leipzig gegen Gladbach. Weit weg, das.

Kreisklasse ist Klasse. Eigentlich mag man überhaupt nicht auf die andere Seite des Spektrums schauen. Dort drüben, wo sich korrupte Verbände mit gierigen Managern zusammentun, um einen großen Kuchen von den Milliarden abzuschneiden, die von menschenverachtenden Regimen aus politischen Gründen in den Fußball gepumpt werden. Spätestens seit den Football Leaks haben wir die Dinge schwarz auf weiß. Manche mögen einwenden: So viel Neues steht doch gar nicht drin. War doch alles in Grundzügen schon bekannt. Außerdem: Musste die aufgeblasene Medieninszenierung sein? ARD am Sonntagabend zum Beispiel. In der Tat ist der Erkenntniswert begrenzt, wenn Peter Lohmeier im königsblauen Fantrikot eine halbe Minute am Stumpen zieht und seine kritisch-schöngeistige Weltuntergangsmine aufsetzt. Ob das mehr bringt als Anne Will, die an diesem Sonntag aussetzen musste, weil die Leaks gerade wichtiger waren... ich weiß nicht.

Und trotzdem: Die gesamte Inszenierung war richtig und wichtig. Richtig, weil es nie schadet, wenn man ein paar Beweise mehr hat, also Indizien um mit anderen Mitteln weiter zu bohren. Und auch die Medieninszenierung war wichtig. Beim feinen Thesenpapier von Union Berlin hat man gesehen was passiert, wenn man durchdachte Reformvorschläge in eine sachliche Diskussion einbringen will: Nichts passiert. Einige Insider lasen das Papier. Vereinzelte Kommentare... das wars. Mehr nicht. Wenn man gegen die Übermacht aus korrupten Verbänden, neoliberalen Spielbetriebsgesellschaften und angebundenen Medien etwas ausrichten möchte, muss man größer denken. So wie die Football Leaks. Ein Sendeplatz im Ersten am Sonntagabend ist gerade gut genug. 

Neben den Enthüllungen haben die Football Leaks noch ein zweite Botschaft im Gepäck, die häufig übersehen wurde. Sie betrifft eben diese Medien. Es ist kein Zufall, dass öffentlich-rechtliche Anstalten und die Qualitätspresse die Leaks-Recherchen vorangetrieben haben. Es handelt es sich um genau die Stimmen des großen Medienkonzerts, die zu derlei Leistungen fähig sind. Alle anderen Mikrophone werden an der Hundeleine des Eigeninteresses spazieren geführt. Sky, DAZN oder Eurosport fallen für die kritische Berichterstattung aus. Die Claqueure würden erstens ihre eigenen Quoten gefährden  und zweitens bei den nächsten Rechteverhandlungen jeden kritischen Ton einzeln bezahlen: als Aufschlag. Die Abhängigkeiten im Fußball sind so. Was im Kleinen passiert, ist im Großen längst Usus. Das Kleine: Berichtet ein junger Journalist kritisch über die Vereinsführung seines ortsansässigen Bundesligisten, kann er für die Zukunft exklusive Storys vergessen. Zumindest hier am Ort, an dem ich das schreibe, funktioniert es nach diesem Muster. In München schaut's nicht viel besser aus. Doch das, wie gesagt, sind die Kleinigkeiten. Im Großen ist es noch fataler. Würde Sky die einzige Kopie der Leaks erhalten, man könnte es dem Konzern nicht vorwerfen, wenn er die Festplatte frisch formatierte. Keinem Medienunternehmen ist zu raten, an dem Ast zu sägen, auf dem es sitzt. Neutrale Berichterstattung ist nur von denen zu erwarten, die auf direkten Abhängigkeiten keine Rücksicht nehmen müssen, also vom guten Print-Journalismus, von öffentlich-rechtlichen Anstalten (solange diese keine großen Rechtepakete halten) und von engagierten Bloggern.

Angesichts der Skandale twitterte kürzlich Ben Redelings unter dem Hashtag Profifußball: "Wenn es irgendwann BUMM macht, lade ich groß auf eine Runde Fiege Pils ein." Einige Tage später verriet er in seiner Kolumne: "Aus dem ganzen Land kamen Rückmeldungen. Fans aller Farben und Vereine sicherten Bier aus Gelsenkirchen, Bayern, Norddeutschland und auch Kölsch zu. So viel ist jetzt schon sicher: Der Tag, an dem das System Profifußball zusammenbricht, wird kein nüchterner!" Hätte es heute geknallt, beim Stuttgarter SC hätte es keiner bemerkt. Der erste Saisonsieg wurde in der Kabine gefeiert. Stilecht.

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In diesem Zusammenhang möchte ich alle Propheten die Lesung im Fanprojekt ans Herz legen.

FOOTBALL LEAKS live
mit Michael Wulzinger aus dem Rechercheteam der Leaks
Fanprojekt Stuttgart
Hauptstätter Straße 41
Donnerstag, 6. Dezember 2018, 19.30 Uhr
Besser 19.00 Uhr da sein, es könnte voll werden.

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