Mein lieber Scholli!

von Bernhard Ubbenhorst -

Da hat er mal wieder einen rausgehauen, der Mehmet Scholl. Und mal wieder bewiesen, dass er meist viel schneller redet, als sein Gehirn denkt... 

"Mehmets Schollplatten" heißt die Radio-Sendung des Bayrischen Rundfunks, in der Mehmet Scholl einmal im Monat seine Lieblingsschallplatten vorstellt und nebenbei mit dem Moderator Achim Bogdahn über den Sinn des Lebens, sprich den Fußball, redet. Vermutlich dachte der gute Scholli, dass ihm sonntagsnachts nach 23 Uhr sowieso keine Sau mehr zuhört, als er neben seinen Platten, den Hörern auch noch ein paar Fußball-Plattitüden vorstellte. Dummerweise haben doch einige zugehört und deshalb sind wir nun um eine Diskussion reicher, die wirklich keine Sau braucht. Jedenfalls nicht in dieser Form.

Scholl unterstellte dabei, "Trainer wie Tedesco und Wolf hätten sich in ihrer elfmonatigen Ausbildungszeit einer Gehirnwäsche unterzogen", dazu diesen zweien persönlich und allen anderen jungen Trainern allgemein, dass sie eigentlich gar nicht wüssten, was sie da bei ihrer Arbeit tun. Er erklärte indirekt auch, Wolf und Tedesco hätten als Jugendtrainer nur Masse statt Klasse im Nachwuchsbereich produziert und dabei unbequeme Spieler, die später den Unterschied ausmachen könnten, ignorant aussortiert. Den provokativen Spruch mit den 13 rückwärts gefurzten Systemen lassen wir seriöserweise mal ganz außen vor.

Es gehört ja seit kurzem zu den Allgemeinplätzen der Fußballwelt, die nachwachsende Trainergeneration en gros als Laptop-Trainer, Jungspunde und Möchtegerngroße abzustempeln, die den kommenden Spielergenerationen eher schaden als nutzen. Taktisch sehr ausgefeilten Spielsystemen, die von Pep Guardiola und Thomas Tuchel erdacht noch vor gar nicht so langer Zeit als das Nonplusultra gepriesen wurden, haftet heute plötzlich etwas übertrieben Kritik-würdiges an. Nicht, dass es an den sogenannten System-Trainern gar nichts zu kritisieren oder über ihre Systeme zu diskutieren gäbe, es kommt darauf an, wie das geschieht. Eine Kritik sollte sich dabei aber nicht auf etwas Gefühltes, sondern vor allem auf Tatsachen gründen und das setzt eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema zuvor voraus. Und daran hakt es bei Mehmet Scholl.

Es darf wohl als verbrieft gelten, dass Mehmet Scholl noch niemals den ehemaligen Jugendtrainern Tedesco, beim VfB Stuttgart und bei Hoffenheim, oder Wolf, bei Borussia Dortmund, beim Training zugesehen hat. Und dass er deren Arbeit heute, bei den Bundesligisten Schalke bzw. Stuttgart, jemals vorort gesehen hat, darf auch getrost bezweifelt werden. Und wie immer, wenn Menschen über Dinge reden, von denen sie nicht die geringste Ahnung haben, kommt meistens Mist dabei raus. Scholl kann ja gar nicht wissen, ob Wolf und Tedesco manche Dinge aus ihrer Ausbildung nicht möglicherweise genauso kritisch sehen wie er selbst und ob sie ihre eigenen Lehren daraus gezogen haben. So wie Tedesco Max Meyer als Spieler hinter den Spitzen innerhalb der taktischen Ausrichtung jede Menge kreativen Spielraum lässt, Dribbeln inklusive, zwängt doch auch Hannes Wolf einen Spieler wie Donis in kein System-Korsett und lässt ihn ihm beim Wirbeln vorn im Sturm alle Freiheiten.

Tedesco und Wolf werden dazu ausnahmslos von allen Trainer-Kollegen in der Bundesliga immer wieder ausdrücklich für ihre taktische Versiertheit gelobt, sowie auch Nagelsmann bei Hoffenheim. Das Scholl gerade die ersteren bei seiner System-Trainer-Schelte persönlich nennt, ist deshalb eine Frechheit. Danach musste er viel ähnlich gelagerte Kritik für seine Äußerungen einstecken, doch Mehmet wäre nicht er, wenn er nicht mit noch schwereren Geschützen darauf reagiert hätte: "„Ich stehe selbstverständlich zu meinen Worten. Was wir jetzt in den Europapokalspielen erlebt haben, ist erst der Anfang. Wir fahren gegen die Wand.“ Studenten hätten den Fußball übernommen. Sein alter Kollege Christian Ziege pflichtete ihm bei, die Spieler bewegten sich "wie Roboter" auf dem Platz und brachte es dann unfreiwilligerweise schließlich noch korrekterweise auf den Punkt: "Ich verstehe, was Mehmet sagen wollte", erklärte er im Interview mit Spox: "Es hat einen faden Beigeschmack, wenn in der Presse immer von der neuen, modernen Trainergeneration gesprochen wird. Das kommt dann so rüber, als würden die Trainer, die früher selbst Fußball gespielt haben, nicht mit den neuesten Techniken und Methoden arbeiten."

Memet Scholl wurmt es einfach, dass er nach seiner erfolgreichen Karriere als Spieler in seiner folgenden, nur kurz andauernden Trainer-Laufbahn, nicht annähernd so erfolgreich war. DFB-Chefausbilder Frank Wormuth drückte es gegenüber der Bild-Zeitung so aus: "Inhaltlich entbehren diese Aussagen jeglicher Grundlage. Ich sehe nur einen Hilferuf eines Enttäuschten." Dazu entlarvt sich auch Scholls pathetisch dargebrachte Sorge um den deutschen Fußball angesichts der dürftigen Bundesliga-Bilanz in europäischen Wettbewerben als Luftnummer. Die Probleme bei der Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Club-Fußball, sind ja ganz offensichtlich nicht auf eine verfehlte Ausbildungspolitik von Trainern und Jugendspielern zurückzuführen (die übrigens international sehr begehrt sind), sondern auf ein marktbedingtes Gefälle bei den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Selbst die hierzulande sehr hoch eingeschätzte Leistungsfähigkeit der Kader von Borussia Dortmund und RB Leipzig ist im europaweiten Vergleich nicht hoch genug, von Mannschaften wie etwa Köln und Hertha ganz zu schweigen.

Dieses Gefälle spiegelt, etwa gegenüber den führenden englischen und spanischen Clubs, auch den FC Bayern längerfristig nicht ausgenommen, die immer größer werdenden Unterschiede bei den finanziellen Voraussetzungen im europäischen Fußball wider. Damit wird die Bundesliga auch zukünftig noch eine Weile leben müssen. Das sagt jedoch gar nichts über die Qualität des deutschen Fußballs im internationalen Ländervergleich aus. Schließlich ist Deutschland aktueller Weltmeister. Es waren doch genau eben die von Scholl kritisierten, zielgerichteten Methoden in der Jugendfußball- sowie in der Trainer-Ausbildung, die den deutschen Nationalmannschaften seit über 10 Jahren nach langer vorheriger Durststrecke große Erfolge erst wieder möglich machten. Auch die aktuelle National-Mannschaft ist vollgespickt mit jungen, hervorragend ausgebildeten Talenten und die spielen alles andere als "Roboter-Fußball", nämlich einen sehr ansehnlichen und taktisch anspruchsvollen Stil. All das wüsste Mehmet Scholl natürlich bestens, wenn er erst denken und dann reden würde. Er sollte sich schleunigst und pflichtschuldigst bei den von ihm gescholtenen Personen entschuldigen. Aber wie schon so oft zuvor, steht ihm vermutlich auch dabei sein übergroßes Ego ein bisschen im Weg.

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