Rechtskurvendiskussion

von Bernhard Ubbenhorst -

Über den allspieltäglichen Verbalkampf gegen den längst überwunden geglaubten Rassismus im Stadion, über Nazis sowieso, in Dortmund und auch anderswo...

Vor einigen Jahren las ich folgende Anekdote in einer Berliner Zeitung. Zwei pubertierende Oberschüler kommen in eine Buchhandlung und verlangen nach einer Schullektüre mit dem Titel "Nazis in Dortmund", Autor unbekannt. Es brauchte eine Weile dieses Rätsel zu lösen, bis dann die Jungs einigermaßen beschämt mit einer Taschenbuchausgabe von Hermann Hesses "Narziß und Goldmund" davon schlichen. Nicht, dass man nicht auch eine Geschichte über "Narziß in Dortmund" schreiben könnte, der höchst selbstverliebte Pierre-Emerick Aubameyang gäbe mit seinen goldenen Schuhen und Luxussportwagen genügend dafür her, aber hier soll es tatsächlich um 'Nazis' gehen, nicht nur in Dortmund sondern auch anderswo.

Wer kennt sie nicht, diese unangenehme Situation im Stadion, wenn sich plötzlich in unmittelbarer Nähe irgendwelche Vollidioten alkoholbeschwingt dazu hinreißen lassen, Worte hinauszuschreien, die ihnen nüchtern und im normalen Alltag vermutlich gar nie oder wenn, dann nur leise über die Lippen kommen würden. Gern offen rassistisch, wenn das anlassgebende Hassobjekt auf dem Platz von dunkler Hautfarbe ist oder einfach nur aus dem Ausland kommt - oder auch homophob, wenn es sich dabei um einen Holländer handelt, einen Schiedsrichter oder jemand, der nach einem Foul nicht schnell genug auf den Beinen ist. Oder auch rassistisch und homophob zugleich, gern auch mit einer zusätzlichen Prise Frauenfeindlichkeit garniert. In meinem bevorzugten Heimstehplatzbereich ist dieses Problem dank einer sehr gut funktionierenden Block-Hygiene meist durch eine sofortige Intervention der Umstehenden schnell erledigt.

Trifft das Intervenieren mich, was zum Glück nur selten passiert, bevorzuge ich die harte, verbal-pazifistische Variante. Das hört sich ungefähr so an: Ich: "Halts Maul Du Vollidiot! So eine Scheiße will ich hier nicht hören." Er (es ist übrigens immer ein Er): "Ey, Alter, was willst Du? Wir sind hier im Stadion. Lass mich bloss in Ruhe mit so'nem PC-Scheiß." Ich: "Nö! Reiß Dich zusammen oder du fliegst hier schneller raus als du gucken kannst." Er (nun aggressiver näherrückend): "Aha, und du willst mich jetzt hier rausschmeißen höhö?" Ich: "Nö, nö, dafür gibt's Ordner. Und so eine Anzeige wegen Volksverhetzung und Dumpfbackengeschwafel dazu. Macht sich ganz prima in jeder Personalakte. Wo arbeitest Du?" Er (nun wieder etwas defensiver): "Blablabla, Du kannst mich mal!" Er: schreit wie ein kleines Kind wiederholt den selben Mist raus, um mich zu provozieren. Dann: Aus der hinteren Reihe legt sich die bratpfannengroße Hand eines anderen Fans quasi schlagartig auf seine Schädeldecke. Stille! Ich: raus aus der Nummer. Er: dreht sich um, beschwichtigt alle Umstehenden und verlässt artig den Block. Geht doch! Macht der dort nie wieder.

Der in dem Szenario beschriebene Mensch, der meint, sich im Stadion als Teilzeitrassist hervortun zu müssen, kommt als Einzelgänger sehr häufig und auf allen Rängen und in allen Stadien vor. Schlimmer wird es dann, wenn es sich um Vollzeitrassisten handelt, die in großen Gruppen in der Kurve stehen und zudem so aussehen, als ob ihnen jemand Rasierklingen in die Achselhöhlen geklemmt hätte. Solche kraftstrotzenden Protein-Junkies mit braunem Gürtel in Allem, was richtig Aua macht. So was gibt es auch, so wie bis vor kurzem in Dortmund, beim BVB. Dort versuchte jüngst eine kleine Gruppe von etwa 100 rechtsradikal dominierten "Fans", denen der Ultra-Kram anscheinend zu langweilig geworden war, unter dem Namen 0231 Riot 'das Gewalt-Monopol in der Südkurve zu erlangen', wie es eine lokale Zeitung beschrieb. Weiter stand dort: 'In Fankreisen wird sie auch „die vierte Gruppe“ genannt, da sie neben den drei existierenden Ultra-Gruppen „The Unity“, „Desperados“ und JuBos“ existiert. Spötter nannten die Gruppe anfangs auch „Vorwahl-Hools“ wegen der Dortmund-Vorwahl 0231 oder „Bad Bank der Fanszene“. Doch Lachen und Spott sind den meisten längst vergangen.'

Was sind schon 100 braune Flecken in einer Wand von 25.000 gelben Hemden? Fragt man da. Na, zumindest haben diese Neo-Hools es in nur knapp einem Jahr geschafft, die eigentlich vorbildlich tolerante (abgesehen von Spielen gegen Schalke), nur auf den Fußball fixierte Fan-Kultur der Dortmunder durch antisemitische Gesänge während einer Zugfahrt zum Auswärtsspiel, eine offen rassistische Haltung und Gewaltverherrlichung als Ganzes nachhaltig zu beschmutzen. Die Gewalt macht selbst vor den eigenen Fans nicht halt. 'Es sei mittlerweile wieder höchst gefährlich, mit antifaschistischen Statements auf T-Shirts oder Stickern ins Stadion zu gehen', zitierte eine Zeitung die Stimme eines Fans. Wer möchte solchen Leuten in der Kurve schon freiwillig verbal entgegentreten? Nötig wär's ja, denn der Schaden, den sie anrichten ist immens.

Diese vor allem bei Auswärtsspielen auffälligen Bad-Bank-Fans waren bereits mehrfach für das exzessive Abfackeln von Pyro-Technik mitverantwortlich. Als dieses im Januar beim Spiel im Mainz wieder der Fall war, drohte dem BVB bereits ein Teilausschluss von Zuschauern auf der Südtribüne für das folgende Heimspiel gegen Leipzig. Zur Pyro-Sache mag man stehen wie man will, aber sowas kommt von sowas. Dem Verein schadet das Gefackele jedenfalls mehr als dass es ihm nützt. Die fällige Strafe gab es dann, noch zur Bewährung, sie wurde aber kurz darauf wegen der bekannten Vorfälle, nach eben diesem Spiel gegen Leipzig dann doch vollstreckt, nur drastischer, wie allgemein bekannt. Die vollkommen leere Südtribüne beim Spiel im Februar gegen Wolfsburg hätte den BVB-Verantwortlichen eigentlich die Augen öffnen und zum Nachdenken bringen müssen. Fehlanzeige. Jammer-O-Ton Watzke: "Das sind schreckliche Bilder, das ist eine tiefe Zäsur, der BVB ohne Südtribüne ist wie Fußball ohne Ball."

Die vermeintlich schrecklichen Bilder, die der Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke da als vermeintliche Zäsur ausmachte, haben eine Vorgeschichte in tatsächlich schrecklichen Bildern, die eine ebenso tatsächliche Zäsur hätten nach sich ziehen müssen. Was aber nicht geschah. Viel zu lange hat der BVB versucht, das sich seit längerer Zeit anbahnende Problem mit einigen Fans zu relativieren, zu verharmlosen und unter den Tisch zu kehren, anstatt es aktiv anzugehen. An der vorbildlichen Arbeit der Fan-Beauftragten und den vielfältigen Aktivitäten zahlreicher Dortmunder Fan-Clubs gegen Gewaltverherrlichung, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie sowie gegen Nazis im Stadion und auch in der Stadt kann es kaum gelegen haben. Hierbei ist vor allem der BVB-Fan-Club Heinrich-Czerkus hervorzuheben, der am 14. April zum 13. Mal den Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf mitveranstalten wird. Heinrich Czerkus war ein Dortmunder Kommunist und zugleich Platzwart der Borussen, der 1945 im Rombergpark in Dortmund von den Nazis ermordet wurde.

Mehr dazu erfährst du hier: http://bit.ly/2nrs0AQ und hier: http://bit.ly/2nJ033A

Das Motto des Laufs ist unmissverständlich: "Wie in all den Jahren zuvor versteht sich der Lauf als ein starkes Signal für ein friedliches und gewaltfreies Miteinander innerhalb und außerhalb des Stadions. Im Sinne seines Namensgebers richtet er sich entschieden gegen Rechts, gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Form von Diskriminierung. Alle, die dazu einen Beitrag leisten möchten, sind herzlich eingeladen, mitzulaufen: mit ihren Fahnen, Trikots und Schals, von welchem Verein, Club etc. auch immer. Wer damit ein Problem hat, wird gebeten, dem Lauf fern zu bleiben."

Keine Ahnung, ob Watzke damit ein Problem hat und in diesem Jahr am Czerkus-Lauf teil nimmt. Zumindest dürfte er sich dabei sicherer fühlen als an anderen Orten in Dortmund, wie etwa dem bevorzugten Wohnviertel der Rechtsradikalen in Dorstfeld. Anfang März tauchte nämlich in Dortmund an einer Wand plötzlich ein großes Grafitti auf, mit dem Text: "Aki Watzke aus der Traum… bald liegst du im Kofferraum!" Unterschrieben war das Kunstwerk samt uverhohlener Morddrohung mit "Hooligans" und "0231 Riot". Und die Polizei versprach, sich umgehend um die Absender dieser Botschaft zu kümmern. Das tat dann schließlich die Polizei in Hessen. Denn eine Woche nach dem folgeträchtigen Spiel gegen Leipzig ging's für den BVB nach Darmstadt.

Bei Gießen stoppte die Polizei zwei Busse, in denen sich offensichtlich die fast komplette Belegschaft der 0231-Riot-Hools sowie einige der braunen Jungs von "Northside" befand. Der Zugriff war mitnichten ein Zufall. An Bord des Busses fanden sich neben Pyrotechnik auch Schlagwaffen, Sturmhauben, Schmerzmittel und Wechselkleidung. Eben alles, was man als Fan dieser Drecksack-Klasse für ein Auswärtsspiel in Darmstadt so benötigt. Das Zeugs wurde requiriert und dazu die Personalien von 88 Personen aufgenommen. Genau 88! Ha! Ha! Als hätte sich der einsatzleitende Beamte einen Spaß daraus gemacht, bei der Anzahl der Personen die bei Rechtsradikalen so beliebte Zahlen-Buchstabensymbolik zu bemühen, nur um die Jungs zu verarschen. Vermutlich war das aber tatsächlich ein Zufall. Mittlerweile sind bundesweite Stadionverbote gegen die Businsassen beantragt. Die Verantwortlichen beim BVB werden nichts dagegen einzuwenden haben und hoffen, dass möglichst bald Gras über diese höchst geschäftsschädigende Sache wächst. Und genau darin liegt das Problem.

In einer Stadt wie Dortmund, in der Rechtsradikale seit längerem im Stadtrat sitzen und deren nicht gerade kleine Anhängerschaft schon seit Jahrzehnten und seit den Zeiten der Borussenfront um SS-Siggi Borchardt immer wieder versucht, das Westfalenstadion als Schaubühne zu nutzen, reicht das einfach nicht aus. Da ist eine klare Kante gefragt. Vor allem angesichts der zurzeit allgegenwärtigen rechtspopulistischen Hetze gegen alles Fremde und Andersgläubige. Eine klare Ansage der Verantwortlichen im Verein täte Not. Farbe bekennen! Leider kann der Aki Watzke das entweder nicht so gut oder er will es nicht. Sich zu einem Missstand zu bekennen und diesem offensiv in der Öffentlichkeit entgegentreten? Zuviel Aufsehen. Nö, nö! Besser nicht.

Wie das Herr Watzke gern macht, lässt sich am einfachsten mit einem Originaltext der Bildzeitung illustrieren, geschrieben als er 2012 schon mal hart durchgreifen musste, der Aki. Und zwar, weil der Verein in der Ordnerschaft offensichtlich einen Rechtsradikalen von "Northside" beschäftigte, der zuvor nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass er so einer sei. Bei der damaligen Derby-Niederlage gegen Schalke soll dieser Ordner dann, wie der Spiegel damals berichtete, grundlos einen Schalke-Fan verprügelt haben. Bild schrieb dazu:

DORTMUND GREIFT DURCH Nazi-Verdacht! BVB-Boss wirft Ordner raus

Meister Dortmund knallhart!

Gestern gab Boss Hans-Joachim Watzke (53) nach einer kurzfristig einberufenen Sitzung mit dem Leiter des Ordnungsdienstes bekannt: Der BVB hat einen angeblich rechtsextremen Ordner gefeuert. Watzke: „Den beschuldigten Ordner haben wir auf beidseitigem Wunsch suspendiert. Man muss aber festhalten, dass da Aussage gegen Aussage steht. Das wird sich dann sicherlich gerichtlich klären.“ Rund 800 Ordner arbeiten beim BVB. Watzke: „Insgesamt gesehen, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir eine rechtsradikale Unterwanderung unseres Ordnungsdienstes nicht sehen...“

Nö, nö! Echt knallhart dieser Watzke! Es ging ihm dabei gar nicht um den eigentlichen Nazi-Vorwurf, sondern nur um die Frage, ob der Ordner den Schalke-Fan zu Unrecht verprügelt hat. Insgesamt gesehen, wird er vermutlich auch nun wieder zu dem Schluss gekommen sein, dass er eine rechtsradikale Unterwanderung und in diesem Fall der Fans nicht sieht. Nö, nö! Besser nicht. Augen zu und durch. Hoffentlich bekennen wenigsten die BVB-Fans nun Farbe und gehen voran, in Massen, auch beim nächsten Heinrich Czerkus-Lauf im April und wenn auf den Stehplätzen mal wieder Zivilcourage gefragt ist.

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