Ruhe auf den billigen Plätzen

von Bernhard Ubbenhorst -

Lockerungen hier und Lockerungen da. In Coronazeiten sehnen sich auch die Fußballfans nach Normalität und wollen zurück in die Stadien. Doch einfach wird das nicht.

"Wir zusammen gegen den Rest der Welt!" stand auf dem Banner der Dresdner Ultras am Ufer der Elbe zu lesen, bis es in der Rauchwolke eines beeindruckenden Pyro-Spektakels verschwand. Dann kam die Ruhe... Das erste Heimspiel nach der Quaräntäne-bedingten Zwangspause der Dynamo-Kicker am Tag danach ging vor null Zuschauern im Rudolf-Harbig-Stadion gegen den VfB Stuttgart mit 0-2 verloren. Das Motivationsfeuerwerk der Dresdner Fans vor dem Mannschaftshotel am Elbufer zeigte keine ausreichend anstiftende Wirkung. Es war nicht so, dass riesengroße Qualitätsunterschiede zwischen dem Tabellenletzten und dem Aufstiegsanwärter aus Stuttgart den Ausschlag gegeben hätten. Genauso wenig dürfte es an den leeren Rängen gelegen haben. Beim ersten Schlagabtausch im "Kampf gegen den Rest der Welt" im Zweitliga-Universum fehlte nach 84 Tagen Zwangspause hier und da nur einfach etwas Glück. Und auch dem Verteidiger, der die Abseitstellung bei Al Ghaddiouis Treffer zum 0-1 aufhob, ist kaum ein Vorwurf zu machen. Abseitsfallen ließen sich ja beim Individualtraining im "Home-Office" während der Corona-Quarantäne unmöglich trainieren.

Die Dresdner Fans können einem Leid tun. Der Mannschaft im harten Abstiegskampf im eigenen Stadion nicht den Rücken stärken zu können, das muss für Hardcore-Ultras eine schwere Prüfung sein. Da stellt das öffentliche Verballern der monatelang gehorteten Pyro-Artikel noch vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums zum Monatsletzten keine ernstzunehmende Ersatzbefriedigung dar. Das Leid der Dresdner Ultras teilen aber die Kurvenfans aller Vereine gleichermaßen. Vor Corona wähnte man sich noch als systemrelevantes und unverzichtbares Muss sowie als das entscheidende Zünglein an der Waage, wenn es um den Erfolg und Misserfolg der Jungs auf dem Platz ging. Die Vereinsoberen sowie die DFL und der DFB ließen sie nur zu gern in dem Glauben, da eine lautstarke Kulisse im Fußballgeschäft einen durchaus verkaufsfördernden Effekt ausmacht. Rein betriebswirtschaftlich gesehen sind die Zuschauer im Stadion jedoch nur ein marginaler Einnahmeerfolgsfaktor, auf den man in harten Zeiten wie diesen durchaus verzichten kann.

In der ersten Liga machen die Zuschauereinahmen im Schnitt nur knapp 13 Prozent des Etats aus und in der Zweiten sind es mit knapp 17 Prozent auch nicht viel mehr. Den Löwenanteil steuern mit zwei Dritteln die Fernsehgelder bei und selbst die Sponsoringeinnahmen liegen mit etwa 20 Prozent noch über dem Anteil, den die Treuesten der Treuen auf ihren Rängen beitragen. Dass man den Saisonabbruch und den damit verbundenen Verzicht auf die Haupteinnahmequelle unbedingt vermeiden wollte liegt auf der Hand. Die leeren Ränge können die Vereine locker verschmerzen. Und das ganze Geisterspielszenario funktioniert ja im Allgemeinen ganz gut. Zu gut, für meinen Geschmack. Auch den Spielern scheint das Fehlen der Fans nicht allzuviel auszumachen. Sie spielen ihren stiefel runter und jubeln statt vor der Kurve vermehrt vor den Fernsehlkameras. Das Bild zählt und zahlt ja schließlich. Die Annahme, dass die Fans im Stadion die vielbeschriebene Seele und damit den Kern des Fußballssports ausmachen, entlarvt sich so mit jedem Geisterspieltag immer mehr als Mythos.

Geht auch ohne Fans, denkt sich so mancher Bleistiftspitzer im Ligenmanagement nun ungeniert und lässt vor seinem geistigen Auge sehr kostengünstige, vollkommen neu konzipierte Spielstätten entstehen. In denen kommen nur augewählte und betuchte Besucher in den Genuss, ein Spiel live anzusehen. Viele VIPs in Logen und keine billigen Plätze mehr. Die Vermarktung übernehmen die Vereine ohne die lästigen TV-Anbieter fortan in eigener Hand. Ein paar Kameras rundherum, Deckel drauf und fertig ist das Fußballfeld-große Studio. Dazu einen Kommentator, der sich nicht einbildet Journalist zu sein und keine dummen Fragen stellt. Fußball als Streaming-Erlebnis sozusagen, nur für richtig teures Geld im Internet zu haben. Und in der Sommerpause holt man sich das Wacken-Festival ins Haus. Im Schlamm baden müssen die schweren Metaller in Corona-Zeiten dann nun mal im Vorgarten zuhause. Und danach vermutlich auch. Funktioniert doch prima. Bringt Geld, macht aber keinen Lärm und Dreck.

Was sich hier für den Kurvenfan noch sehr unwahrscheinlich anhören mag, ist wahrscheinlicher als man denkt. So wie vor Corona wird im Fußball nichts mehr werden. Ultra-Fans machen ja in der DFL-Denke ebenfalls nur Lärm und Dreck. Die Diskussion, wie man im allgemeinen Lockerungswahn auch wieder die Stadien mit Fans garnieren kann, ist in den Vereinen längst im Gange. Und so, wie man in Corona-Krisenzeiten das Für und Wider von Maßnahmen diskutiert, bei denen etwa eine Triage zur Ressourcenschonung über Leben und Tod entscheiden kann oder einzelne Staaten sich für einen potenziell zu vergebenden Impfstoff schon mal den ersten Zugriff mit viel Geld gesichert haben, wird auch bei der Vergabe der wenigen zur Verfügung stehenden Plätze in den Stadien das Recht des Stärkeren entscheiden. Und die lautstark singenden "Superspreader" aus der Ultra-Kurve werden mit Sicherheit nicht dazu gehören. Da sollten die Fans sich nichts vormachen. Das Corona-Virus hat genügend epidemiologisches Potenzial mit neuen Pandemie-Wellen das Stadionerlebnis, wie es die Kurven-Fans kennen, auf Jahre hinaus unmöglich zu machen. Bis dahin wird die Parole lauten: "Ruhe, auf den billigen Plätzen!", bis die Fankurven dann, wie in andererlands bereits geschehen, vereinspolitisch endgültig zur letzten Ruhe getragen werden.

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