Über Ada, Alice, Lily und Madeleine

von Bernhard Ubbenhorst -

Es gab eine Zeit, vor über 100 Jahren, in der Frauenfußball in Großbritannien äußerst populär war. Leider war das schnell wieder vorbei...

Bei der Verleihung des Ballon d'Or 2018 erfuhr die Fußballerin Ada Hegerberg kürzlich auf peinliche Weise, welch geringer Stellenwert dem Frauenfußball heute (von Männern) immer noch beigemessen wird. Man stelle sich vor, der Moderator Martin Solveig hätte beispielsweise dem Madrilenen Sergio Ramos ebenso die Frage gestellt, ob er zur Preisverleihung mal eben "twerken" also in die Hocke gehen und mit dem Po wackeln könne. Unvorstellbar. Dieser sexistische Mist ist ja schon schlimm genug, doch selbst Solveigs Entschuldigung an die norwegische Nationalspielerin kann nicht aus der Welt schaffen, dass der Name Ada Hegerberg zukünftig nicht mehr mit ihren fußballerischen Leistungen verknüpft wird, sondern immer nur mit diesem "Twerking-Eklat" bei der Preisverleihung.

Kaum zu glauben, dass es tatsächlich einmal Zeiten für den Frauenfußball gab, in denen es bei der Bewertung vordergründig um das Spiel, den Sport und die Leistung der Fußballerinnen ging und nicht um Vergleiche zum Männerfußball, den Geschlechterunterschied oder gar um sexistische Abwertung. Das ist zwar schon über hundert Jahre her, doch die Geschichten über den 'Dick & Kerr's Ladies FC' aus England lehren auch heute noch beispielhaft vor allem Männern den Respekt, der dem Frauenfußball gebührt.

Fußball ist nicht nur ein Männersport. Es wäre ja einfältig zu glauben, dass im Mutterland des Fußballs die unterschiedlichsten Spielarten des Fußballs, über Rugby bis hin zur Gründung der Football Association ausschließlich Anklang bei der männlichen Jugend fanden. Großfamilien waren in den Arbeiterfamilien im beginnenden Zeitalter der Industrialisierung und in seiner Blüte um die Jahrhundertwende und danach schließlich die Regel und die Geschlechterverteilung bei den Kindern war damals so wie heute: ausgeglichen. Zahlreiche Quellen belegen, dass das Fußballspiel als Freizeitbeschäftigung der Jugend bei Jungen und Mädchen gleichermaßen beliebt war. Brüder und Schwestern, vor allem die Kinder der Arbeiterklasse gingen gemeinsam zum Kicken auf den Fußballplatz oder was sonst dazu ausreichend Platz bot. Aus diesem Fundus fußballbegeisterter Frauen entstand 1917 in Preston schließlich auch der Dick & Kerr's Ladies FC.

Dick & Kerr war ein Industrieunternehmen das in Preston eigentlich Straßenbahnen, zu der Zeit aber hauptsächlich Munition herstellte. Klar. Großbritannien befand sich mitten im Krieg mit dem deutschen Reich und die Belegschaft bestand wie überall in den großen Zentren der Rüstungsindustrie zum großen Teil aus Frauen, landesweit mehr als 700.000 allein in der gefährlichen Munitionsproduktion. Es waren Frauen wie Alice Kell, Florrie Redford, Alice Norris und Lily Jones die in den Arbeitspausen mit vielen anderen jungen Frauen im Hof der Dick & Kerr-Fabrik Fußball spielten, so wie sie es schon in ihrer Kindheit taten. Alice Norris erinnert sich in einer Dokumentation daran: "Wir spielten gegen die Jungs in der Mittagspause häufig das Zielschießen auf die geöffneten kleinen Fenster der Umkleideräume. Trafen die Jungs als erste hindurch, mussten wir ihnen eine Schachtel Woodbines (Zigaretten) spendieren und falls wir gewannen mussten sie uns eine Tafel 'Five Boys Chocolate' kaufen."

Den Anfang zu regulären Spielen fußballbegeisterter Frauen machte damals am Weihnachtstag 1916 die Belegschaft des Munitionswerkes in Ulverston mit der Gründung der "Ulverston Munitions Girls". Die "Munitionettes" gewannen gegen ein lokales Frauenfußball-Team (die gab es damals auch schon zahlreich) mit 11-5. Es folgten Spiele von Teams aus Rüstungsfabriken in Swansea und Newport und auch die Londoner "Hackney Marshes National Projectile Factory" stellte ein Frauenteam, dass sich regelmäßig mit denen aus anderen Londoner Fabriken maß. Die Spiele waren überaus beliebt und zogen von Anfang an, mehrere Tausend (!) Zuschauer an. Als der damalige britische Premier Minister David Lloyd George dann anregte, das Interesse auch für karitative Zwecke zu nutzen, nahm der Frauenfußball erst richtig an Fahrt auf. Auch bei Dick & Kerr in Preston.

Ein Buchhalter namens Alfred Frankland baute zusammen mit Grace Sibbert, sie galt als so etwas wie die Sprecherin der Fußballfrauen im Munitionswerk, einen gut organisierten Frauen-Fußballverein auf, den Dick & Kerr's Ladies FC. Am Weihnachtstag 1917 veranstalteten sie das erste Spiel zugunsten eines Krankenhauses für verwundete Soldaten in Moor Park. Der Spielbetrieb des Preston North End FC in der Football League war seit Kriegsausbruch ohnehin eingestellt, sodass Frankland den Verein überreden konnte, ihr Vereinsstadion in Deepdale nutzen zu dürfen. Es war das erste Spiel dort seit Beginn des Krieges und 10.000 Zuschauer sahen das 4-0 des Dick & Kerr Ladies FC gegen die Frauen der "Arundel Courthard Foundry". Es folgten klare Siege gegen Werkteams in Barrow-in-Furness sowie in Bolton. Die Kapitänin Alice Kell, die agile Mittelstürmerin Florrie Redford und die enorm zweikampfstarke Lily Jones waren die Stars der Frauenelf aus Preston.

Frankland und Sibbert agierten dabei wie umsichtige Fußballmanager heutiger Zeit. Sie "kauften" den unterschiedlichen Gegnern jeweils die talentiertesten Spielerinnen weg, indem sie ihnen neben einem Arbeitsplatz allerhand Vergünstigungen und Prämien versprachen. So wurde der Dick & Kerr's Ladies FC schnell zum Maß aller Dinge im Frauenfußball und zum Zuschauermagneten. Die sehr selbstbewusste Kapitänin Alice Kell brachte es wegen ihrer außerordentlichen Ballbehandlung, ihrer präzisen Pässe, einer hohen Torquote und gewiss auch dank einer Portion Extravaganz zu einer nationalen Berühmtheit im Fußball. Sie wurde im Club nur noch durch Lily Parr übertroffen, die jedoch erst 1920, nach Kriegsende, dazu stieß.

Das Kriegsende war dann leider auch schon der Anfang vom Ende, dieser Hochphase des Frauenfußballs in Großbritannien. Die Rüstungsfirmen entließen tausende von Arbeiterinnen und stellten oft die Unterstützung der Fußballteams vollständig ein. Nicht jedoch bei Dick & Kerr und einigen weiteren Unternehmen. Andere ehemalige Werkteams gründeten eigene Vereine, wie etwa das Team der Sutton Glass Works, das als St. Helen's Ladies AFC weitermachte. Aus diesem Club kam eben jene weitere Ikone des britischen Frauenfußballs, Lily Parr. Im Frühjahr 1919 siegten die Dick & Kerr Ladies gegen St. Helens mit 6-1 und Alfred Frankland war besonders beeindruckt von der gegnerischen Spielerin Alice Woods und ihrer erst vierzehnjährigen Mitspielerin Lily Parr. Mit einer Spielprämie von 10 Shilling (heute etwa 100 Pfund Sterling) plus Spesen lotste er die beiden Talente nach Preston.

Lily Parr startete dort eine beispiellose Karriere als aktive Fußballerin, die erst über 30 Jahre später ihr Ende finden sollte. 1920 schrieb eine lokale Zeitung über den jungen Neuzugang: "Es gibt vermutlich kein größeres Fußballtalent im ganzen Land. Sie hat nicht nur eine exzellente Ballkontrolle. Mit ihrer überragendes Physis sind alle Bemühungen der Verteidigerinnen, sie in ihrem Lauf zu bremsen, vollkommen wirkungslos. Sie begeistert wo sie auch hinkommt die Massen, da sie, die Bälle hochpräzise, aus dem eigenen Torraum heraus, weit und hoch hinaus auf den Flügel der anderen Spielhälfte zu schießen vermag." Sie blieb von Anfang nichts schuldig. Gleich im ersten Jahr schoss Lily Parr 43 Tore für ihren neuen Verein.

Joan Whalley, eine Mitspielerin, hebt ihren besonders ausgeprägten Humor hervor. Die älteren Mitspielerinnen hätten in der Umkleide vor Spielbeginn immer lang damit zu tun gehabt, Stützstrümpfe anzuziehen, Schutzbandagen hier und dort und auch Verbände anzulegen. Dann kam Lily Parr erstmals in die Kabine und sagte dazu: "Ich weiß ja nicht wer das Dick & Kerr Ladies Football Team ist, aber das hier sieht mir eher so aus, als wären wir auf einer verdammten Wallfahrt nach Lourdes." Man kann sich heute kaum vorstellen, wie populär diese Frauenfußballspiele zu Wohltätigkeitszwecken damals waren.

Die Rekorde waren 1919 über 35.000 Zuschauer, bei einem Spiel der Dick & Kerr Ladies gegen die Newcastle United Ladies im St. James's Park sowie ein Benefizspiel zugunsten arbeitsloser Veteranen, am 16. Dezember 1920 im Goodison Park in Everton gegen die St. Helen's Ladies aus Sutton, das mit 53.000 Zuschauern ausverkauft war und bei dem dazu 14.000 enttäuschte Fans ohne Eintrittskarte vor den Stadiontoren verblieben. Alice Kell spielte im Sturm und erzielte in der zweiten Halbzeit drei Tore zum 4-0 Endstand für die Dick & Kerr Ladies. Der Reinerlös für die Spenden betrug nach heutigem Wert 623.000 Pfund.

Highlights waren zudem die Spiele des Dick & Kerr's Ladies FC gegen das nicht minder starke französische Frauenfußballteam der "Federation des Societies Feminine Sportives de France" die sowohl in Frankreich als auch in England mit sehr hoher Zuschauerbeteiligung stattfanden. Sie wurden zu Länderspielen erklärt, bei denen die Nationaltrikots getragen wurden. Besonderes Aufsehen erregten dabei die Spielführerinnen Madeleine Bracquemond und Alice Kell, die sich gegenseitig zur Begrüßung auf dem Platz küssten, sowie es in Frankreich damals sehr üblich war, in England aber noch ein absolutes No-go.

Der männerdominierten Football Association war dieser phänomenale Erfolg des Frauenfußballs dann irgendwann doch sehr suspekt. Sie änderten die Regularien und verboten im Dezember 1921 schließlich den Frauenfußball in den Stadien ihrer Mitgliedsvereine. Also in allen. Das war ein herber Rückschlag für den Frauenfußball in Großbritannien. Im Wortlaut ließ die FA damals verkünden: "Aufgrund zahlreicher Beschwerden über den Frauenfußball sieht sich das Führungsgremium der FA dazu veranlasst, den klaren Standpunkt zu erklären, dass der Fußballsport für Frauen vollkommen unpassend ist und nicht weiter unterstützt werden sollte."

Alice Norris, als Spielerin bei Dick & Kerr Ladies von Anfang an dabei, wird dazu mit folgendem Kommentar zitiert: "Wir haben alle Anfeindungen immer gut weggesteckt, doch dass die FA uns verboten hat, ihre Stadien zu nutzen, das war ein richtiger Schock für uns. Wir waren richtig sauer. Doch ihre Meinung, dass das Fußballspiel kein passender Sport für Frauen sei, die haben wir einfach ignoriert." In Ermangelung passender Stadien für weitere Begegnungen, beschlossen Frankland und die Dick & Kerr Ladies auf Tourneen ins Ausland nach Kanada und in die USA zu gehen. Als sie im Dezember 1922 in Quebec ihr erstes Spiel gegen kanadische Frauen bestreiten sollten, fiel es aus. Kurz zuvor hatte auch der dortige Fußballverband die Frauenfußballspiele kanadischer Vereine verboten. In den USA war das anders, doch auch dort durften sie vielerorts nur gegen Männer-Teams antreten, wobei sie von neun Spielen gegen diese Mann-Schaften nur drei verloren, was damals international für großes Aufsehen sorgte.

Der Frauenfußball versank in den folgenden Jahren dann in die vollkommene Bedeutungslosigkeit. Aus dem international bekannten Dick & Kerr Ladies FC wurde schließlich der Preston Ladies FC. Die Frauen spielten zwar weiterhin Fußball, aber fortan meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit und oft nur müde belächelt. Schade! Und nach dem unsäglichen Vorfall bei der Preisverleihung an Ada Hegerberg lässt sich konstatieren: die Männerwelt hat in den letzten 90 Jahren offensichtlich nichts dazu gelernt. Auch schade! Wer etwas von dem Spirit dieser Blütezeit des Frauenfußballs spüren möchte, dem seien folgende Stummfilmsequenzen bei Youtube empfohlen:

https://www.youtube.com/watch?v=gwzXon-HYys

https://www.youtube.com/watch?v=wXi8-js9Y4Q

https://www.youtube.com/watch?v=8PalLQDrTOo

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