Wer hat Angst vor Hannes Wolf?

von Bernhard Ubbenhorst -

Über Anspruch und Wirklichkeit: Warum der VfB Stuttgart vermutlich noch in dieser Saison seinen Trainer Hannes Wolf entlassen wird.

In der Welt des Fußballs richtet sich die veröffentlichte Meinung selten an Fakten aus. Die Presse reflektiert in erster Linie das emotionale Auf und Ab in den guten und den schlechten Zeiten eines Fußballvereins. Es geht selten ums Berichten oder Melden, in den Sportseiten einer Zeitung dominiert die Textform des Kommentars. Das ist spannender als die nüchterne und neutrale Meldung von Spielergebnissen oder Beschreibungen von Spielverläufen und man will ja auch die Emotionen der Fußball-Fans bedienen, die das Blatt schließlich kaufen sollen. Deshalb wird subjektiv bewertet was das Zeug hält und es werden Fußballvolkes soziale Medienstimmen von Twitter über Facebook usw. abgefragt. Hinzu kommt, dass lokale Sportredakteure meist auch Fußballfans des lokalen Vereins sind. Da diese Emotionen von Spiel zu Spiel und abhängig vom Tabellenplatz höchst unterschiedlich ausfallen, werden auch in der Presse die Helden von gestern mit geballter Medienkraft ganz schnell mal zu den Deppen von morgen erklärt. Ob Lob oder Tadel, man nimmt es immer so, wie es gerade kommt.

Der aktuelle Trainer des VfB Stuttgart, Hannes Wolf, weiß das. Er antwortete nach seinem Dienstantritt im September 2016 in einem Zeitungsinterview auf die Frage, ob er einen Erwartungsdruck verspüre: "Auf jeden Fall. Denn es gibt in der Bewertung von dem, was wir machen, ja nur zwei Möglichkeiten: Held oder Idiot." Das Saisonziel, der direkte Wiederaufstieg wurde jedenfalls mit ihm als Held erreicht. Man pries seine Variabilität bei der taktischen Einstellung auf den jeweiligen Gegner, dass er es verstünde, aus seinen Spielern das Maximale herauszukitzeln und dass er aus durchschnittlichen Zweitliga-Kickern im Handumdrehen Erstliga-taugliche Athleten geformt habe, von denen manche nun sogar von einer Karriere als Nationalspieler träumen dürften. Letzteres hatte Folgen. Fast so als ob er über Superheldenkräfte verfüge, wurde danach der Spielerkader nur unwesentlich qualitativ verstärkt. Hannes Wolf wird es schon richten und mit einer Truppe von Jungspunden, denen man ein paar altgediente Kempen zur Seite stellte, das Minimalziel, sprich den Klassenerhalt, erreichen. Darf ja auch nicht viel kosten. Shareholder-Value und so. So dachte sich das der renommierte Kader-Planer Michael Reschke vielleicht, der zu Saisonbeginn sein Berufs-Debut als Sportdirektor beim VfB Stuttgart gab.

"Ich bin stolz darauf, dass wir Michael Reschke für den VfB Stuttgart gewinnen konnten. Er ist ein absoluter Glücksfall für unseren Verein", sagte Stuttgart-Boss Wolfgang Dietrich zu dieser Personalie. Der hatte den von ihm zuvor häufig in ähnlichen Tönen gelobten Schindelmeiser erst gerade abserviert. Er habe auf dem Transfermarkt versagt. Zuviel Jugend und zu wenig Erfahrung verpflichtet. Reschke bügelte das umgehend aus und holte neben Holger Badstuber auch noch Dennis Aogo und Andreas Beck in das junge Aufsteiger-Team. Ein Teil der Fans war wenig begeistert und das Wort von der Reschke-Rampe machte schnell die Runde. Der Trainer Hannes Wolf hatte diese Transfers pflichtschuldigst zwar als Verstärkung abgenickt, jedoch niemals öffentlich erwähnt, dass er selbst auch genau diese Spieler wollte, die bis auf den VfB kein einziger anderer Bundesliga-Verein als Verstärkung in Betracht gezogen hatte.

Nach der nun intern zurecht nicht als besonders erfolgreich bewerteten Hinrunde legte Reschke nochmal nach. Simon Terodde wurde wegen zu wenig geschossener Tore zum Konkurrenten Köln abgegeben und für Stuttgarter Verhältnisse sehr spektakulär durch den Ex-VfB-ler Mario Gomez ersetzt, was viele Fans ebenso verwunderte. Die "Stuttgarter Nachrichten" schrieben damals dazu: "... Wieder Stuttgart. Aus dem ehemaligen Jungen Wilden Gomez ist ein alter Wilder geworden. Was durchaus zu angeregten Diskussionen innerhalb der VfB-Gemeinde führt. Denn bei Andreas Beck, einem anderen ehemaligen Jungen Wilden, und bei Dennis Aogo, den der VfB verpflichtete, als er schon ein recht alter Wilder war, gestalten sich die Dinge ähnlich. Was zur Frage führt, ob der Verein in seiner Transferpolitik nicht ein bisschen zu sehr auf Alter und Erfahrung setzt – unabhängig von der Verpflichtung von Santiago Ascacibar (20) im Sommer. ... im Zweifel hätte Michael Reschke wahrscheinlich auch einen 48-jährigen Stürmer verpflichtet, wenn er wüsste, dass der in der Rückrunde zehnmal trifft und den Club zum Klassenverbleib führt."

Michael Reschke ist mit seinen Transfers nun zum Erfolg verdammt. Doch zu Beginn der Rückrunde stellte sich gleich heraus, dass auch Mario Gomez trotz seiner guten Leistung beim 1-0 Heimsieg gegen Hertha BSC keinen allzu großen Unterschied in Bezug auf die miese Torschussquote ausmachen wird. Nach der blamablen Niederlage gegen Mainz, dem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf, fielen die Analysen in der Presse höchst unterschiedlich aus. Die Spielstatistik ergab, wie schon so oft zuvor das fakten-basierte Bild, dass der VfB seinem Gegner Mainz in allen Belangen und Mannschaftsteilen unterlegen war. Selbst wenn die Spieler an ihre äußerste Leistungsgrenze gehen, braucht der VfB stets eine gehörige Portion Glück und Zufall, um als Sieger vom Platz zu gehen. Die Ansprüche halten der Wirklichkeit bisher nicht stand. Fazit: Die vorhandenen Spieler können es einfach nicht besser. Da hilft nur Daumen drücken oder weitere, bessere Spieler zu kaufen. Ein anderer Teil der Presse hatte hinterher dazu den Umstand kommentiert, dass der Ex-VfB-Stürmer Terodde seit seinem Wechsel zu Köln das Kunststück fertigbrachte, mit nur vier Torschüssen in zwei Spielen dreimal ins Schwarze zu treffen und etwas hinterhältig die Frage gestellt, warum er das wohl beim VfB nicht geschafft habe. Womit wir bei der System-Frage und daraus resultierend bei der Trainer-Frage wären.

Letztere Fragen hatte Michael Reschke nach dem Mainz-Spiel für sich selbst bei einem Interview mit dem Aktuellen Sportstudio, in dem gerade Hannes Wolf zu Gast war, so beantwortet: "„Wir werden uns hinsetzen, um uns taktische und spielerische Änderungen zu überlegen.“ Obwohl er kurz danach in einem Interview mit der Bild zurückruderte, er hat damit Hannes Wolf öffentlich desavouiert und bewusst eine Diskussion in die Welt gesetzt, die man getrost als den Beginn der Demontage des Trainers Hannes Wolf bezeichnen darf. Die Schlagzeilen danach lauteten: "Wie sicher ist der Job von Wolf?", "Wackelt der Stuhl von VfB-Coach Hannes Wolf?" oder "Wolf angezählt!". Der gleiche Hannes Wolf, den man in der Presse dokumentiert noch vor wenigen Wochen fürchtete an Borussia Dortmund zu verlieren als die ihren Trainer Bosz entlassen hatten, wurde von Reschke geschickt in eine mediale Ecke gestellt, in der möglichst kein Licht auf ihn selbst fällt.

Die Wolfsjagd wurde unwiderruflich eröffnet. Wenn ein Sportdirektor öffentlich an der Arbeit seines Trainers zweifelt, ist dieser schon so gut wie entlassen. Jede Vertrauensbekundung hinterher ist Makulatur. Die Jagd wird weitergehen. Bei jeder weiteren Niederlage des VfB werden die Systemfrage und der Trainer als Ursachen für den Misserfolg erneut im Blickpunkt stehen. Und allen Beteuerungen zum Trotz, zukünftig auf Kontinuität bei der Trainerfrage zu setzen: Wenn der VfB noch tiefer in den Abstiegsstrudel gerät und in den nächsten Wochen auf einem direkten Abstiegsplatz landen sollte, was alles andere als unwahrscheinlich ist, wird er Hannes Wolf entlassen. Er muss liefern, sonst ist er geliefert.

Dass die Verantwortlichen in der Chefetage nicht geliefert haben und ihren Trainer mit ihrer sehr fragwürdigen Transferpolitik möglicherweise selbst in diese Situation gebracht haben, das wird dabei keine Rolle spielen. Ob damit der Abstieg verhindert wird oder nicht, das VfB-Management beginge damit einen seit Jahren immer wieder begangenen Fehler erneut. Hannes Wolf ist ein guter Trainer. Er würde nach einer Entlassung bei einem anderen Verein wieder erfolgreich sein. Genauso, wie er es mit den ihm in Stuttgart gebotenen Umständen zweifellos schon war. Und der VfB stünde mit einer selbstverständlich daran vollkommen unschuldigen Vereinsführung und völlig konzeptlos wieder genau dort, wo er schon vor zwei Jahren mal war, am Abgrund.

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