Wie der Zufall so spielt

von Bernhard Ubbenhorst -

Der Erfolg im Fußballsport beruht statistisch belegt in hohem Maße auf Zufällen. Der Zufall lässt sich bekanntermaßen nicht trainieren. Wieso werden Trainer trotzdem ständig ausgetauscht?

Ein Jahr und sechs Monate. Das ist der Zeitraum, den Trainer im deutschen Profifußball durchschnittlich zur Bewährung auf der Bank abzusitzen haben. Der ehemalige VfB-Stuttgart-Trainer Hannes Wolf wurde im Januar 2018 wegen schlechter Führung bereits nach 16 Monaten vorzeitig entlassen. Sein Nachfolger Tayfun Korkut führte danach die zuvor etwas strauchelnden Stuttgarter noch bis auf Platz zwei der Rückrundentabelle. Ihm wurde ein glücklicheres Händchen für die Mannschaft bescheinigt und sein Vertrag hinterher gleich mal um zwei Jahre verlängert. Korkut blieb, aber das Glück blieb fortan aus. Nach nur 10 Monaten wurde er Anfang Oktober schon wieder entlassen. Hannes Wolf äußerte kurz danach in einem Interview sein Befremden über diese frühe Entlassung, um dann letzte Woche den Trainerposten von Christian Titz beim HSV zu übernehmen, den der zum Befremden vieler anderer nur sieben Monate innehaben durfte.

Die Trainerentlassung wird von den Verantwortlichen in den Clubs der Öffentlichkeit gern als rationale Entscheidung verkauft. Alternativlos, zwingend notwendig und aus guten Gründen. Dabei sollte sich auch bei den Vereinslenkern längst herum gesprochen haben, dass es im Falle des ausbleibenden Erfolges kaum etwas irrationaleres als einen Trainerwechsel gibt. Trainerwechsel bringen statistisch untersucht beim Misserfolg im Fußball rein gar nichts! Das wurde bereits 2011 in einer Studie vom Münsteraner Forscher Andreas Heuer beeindruckend beschrieben (siehe hier). Bringt ein Trainerwechsel den gewünschten Erfolg zurück, ist das reiner Zufall, der möglicherweise mit dem alten Trainer ebenso eingetreten wäre. Viele Faktoren entscheiden im Fußball über Erfolg und Misserfolg, Siege und Niederlagen, doch der Wechsel eines Trainers fällt dabei nicht ins Gewicht. Der Trainer kann ja schließlich die Tore nicht selbst schießen. Der eine wie der andere. Und aufs Tore schießen kommt es beim Gewinnen im Fußball nun mal an. Womit wir schon bei der zweiten Mythos-vernichtenden Statistik wären, die sich um den Faktor Zufall im Fußball dreht: Fast die Hälfte aller Tore im Profifußball sind reine Zufallsprodukte.

Das behauptet laut eines SZ-Artikels vom Juni diesen Jahres zumindest Professor Martin Lames von der TU München. Und das sehr überzeugend. Ganze 1.932 Tore, geschossen in der Saison 2016/17 in der englischen Premier League und in der Bundesliga, hat Lames dazu in einer Studie untersucht. Das Zufallstor definierte er nach sechs festgelegten Kriterien: Tore die nach Abwehrfehlern fielen; Tore die unfreiwillig abgefälscht wurden und dem Torwart keine Chance ließen, Abpraller von Pfosten oder Latte die zu Abstaubertoren führten, Abpraller von Pfosten oder Latte die ins Tor gingen, Tore nach Sonntagsschüssen und freier Torwartsicht aus großer Distanz sowie Tore nach starker Torwartberührung und einer Richtungsänderung des Balles um mehr als 45 Grad, also krassen Torwartfehlern. Für 47 Prozent aller Tore kam mindestens eins dieser Kriterien infrage. Von allen sechs Zufallstorkriterien kam mit 22,5 Prozent aller Tore, wen wundert's, der krasse Abwehrfehler am häufigsten vor.

Zum Erfolg eines Fußballclubs gehört also auch eine gehörige Portion Glück. Die Zufallstore richten sich dabei nicht nach Heim- oder Auswärtsspielen und verteilen sich nicht auf bestimmte Phasen eines Spiels. Das Glück ist laut Lames sehr gleichmäßig unter allen Mannschaften verteilt. Auch der Bayern-Dusel ist statistisch gesehen für ihn also ein Mythos. Vor dem Hintergrund dieser Informationen macht selbst Jürgen Wegmanns legendärer Spruch etwas mehr Sinn: Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu. Wie der Zufall eben gerade so spielt. Die 53 Prozent der anderen Tore, die allein dem fußballerischen Können der Spieler oder etwa einer Taktik des Trainers zu verdanken sind, erfreuen natürlich jeden Fan, doch allein maßgeblich für den Erfolg, sind diese nicht.

Interessanterweise bestätigen diese statistischen Zahlenspielereien genau das, was Fußballfans immer schon wussten. Der Faktor Glück ist nicht zu unterschätzen. Vereine die sich Fortuna nennen oder Glückskleeblätter im Wappen tragen zeugen ja von dieser althergebrachten Weisheit. Verständlicherweise wollen Fußballmanager, die sich als Wirtschaftsexperten verstehen, von dieser Unwägbarkeit des Glücks bei ihren Geschäften nichts wissen. Sie betonen daher häufig, dass sie bei ihrer Arbeit nichts dem Zufall überlassen werden und doch tun sie es an jedem Spieltag wieder aufs Neue. Sie schicken die bestmögliche Truppe auf den Rasen und wie Fortuna es so will, gewinnt oft die nominell unterlegene Mannschaft mit viel Glück dann trotzdem einen oder gleich mehrere Punkte. Passiert das öfter nacheinander, fliegt der Trainer eben raus. Das ist die konsequente Folge des Denkens, dass selbst der in hohem Maße vom Zufall abhängige Erfolg im Fußball grenzenlos planbar sei.

Als Michael Reschke und der VfB-Präsident Wolfgang Dietrich die Entlassung Tayfun Korkuts hinterher worthülsenreich begründeten, fiel oft das schreckliche Wort "überperformen". Der Erfolg Tayfun Korkuts in der letzten Saison sei vor allem dem "Überperformen" der Mannschaft geschuldet und weniger der Leistung des Trainers. Mit anderen Worten, die Mannschaft habe weit über ihren Möglichkeiten gespielt und, noch einfacher gesagt, sehr oft richtiges Schwein gehabt. Davon habe man sich blenden lassen. Und jetzt? Jetzt spiele die durch einige Neueinkäufe aufgepeppte Mannschaft angeblich weit unter ihren Möglichkeiten, als "Unterperformer" sozusagen. Es brauchte daher dringend einen neuen Trainer, der an ein paar anderen Taktikschrauben dreht. Seit Markus Weinzierl auf der Bank sitzt, "unterperformen" die Stuttgarter aber noch schlimmer als zuvor. Man kann das Glück eben nicht zwingen. Irgendwie unglücklich gelaufen das Ganze, ganz so, wie der Zufall eben so spielt.

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