Elfmeter.

Elfmeter werden getroffen. Aber nicht alle. So einfach ist das. Man muss kein Trauma daraus konstruieren, wenn mal einer daneben geht. Am Sonntag hat André Schürrle einen mustergültig an den Pfosten gezimmert. Aus den Niederungen des fußballerischen Treibens erinnere ich mich an C-Jugend-Turnier, bei dem das versammelte Dorf staunend zusah, wie ich einen entscheidenden Elfer würdelos dem Torhüter in die Arme kullern lies. Man könnte mich als Erfinder der Super-Zeitlupe beim Elfer bezeichnen. Trotzdem hatte der Torhüter den Ball nicht sicher. Doch ich bleib beharrlich und setzte auch den Nachschuß in die Pampa. Weniger druckvoll als Ibisevic kürzlich, aber umso weiter daneben. Die Szene blieb mir als Moment der Erkenntnis in Erinnerung. Erstmalig ahnte ich, dass die Träume, in denen ich als hoffnungsvoller Bundesligaspieler auflief, sich nicht erfüllen müssen. Im folgenden Sommer war ich auf dem Bolzplatz immer dann erleichtert, wenn mich niemand auf diese Szene ansprach. Wir gewannen in diesem Sommer keinen Titel. Trotzdem war es kein Trauma. Die Kirche blieb im Dorf.

Darum galt am 2. Spieltag meine Bewunderung dem Bremer Aaron Hunt. Im Heimspiel gegen Hamburg versemmelte er vom Punkt. Doch die Hamburger gaben ihm eine weitere Chance. Hunt schnappte sich nochmals den Ball. Unter den Augen von 40.000 anwesenden Skeptikern traf er trocken. In den Europacupspielen unter der Woche hatte keiner der deutschen Schützen die Möglichkeit, sein Mißgeschick zu korrigieren. Hummels, Huntelaar und Mandzukic scheiterten in der Championsleague vom Punkt. Tags darauf schoß der Gladbacher Wendt einen Elfer, den er über den Umweg Latte und Torlinie vergeigte. Er komplettierte derart eine Reihe an Fehlleistungen, die alle nervenstarken Experten auf den Plan rief, die in beinahe prophetischer Weise es hinterher schon vorher gewusst haben. Der Altklügste von allen war ein Spieler, der in seiner Bundesliga-Karriere von sechs Elfern nur drei verwandelte. Beckenbauer wusste prompt nach dem Hummels-Elfmeter, dass es ja schon vorher klar war, ein Verteidiger dürfe ja nie, niemals einen Elfmeter schießen. Vor ein paar Monaten erregte er sich mehrmals über Arjen Robben, der erst als Gefoulter schoss, was laut dem erleuchteten Allwissenden noch nie gut gegangen ist, und dann einige Wochen erneut über Robben, weil er erst vor kurzem vorschossen hatte, und deshalb erneut vorher klar war, dass er nicht träfe. Ich muss nicht erwähnen, dass sich die senilen Momente des Erleuchteten häufen. Statistisch ist schon lange nachgewiesen, dass drei Viertel aller Elfmeter verwandelt werden. Dabei ist es völlig egal, ob Gefoulte, Verteidiger, Torhüter oder einarmige Malaien antreten. Die einzig signifikante Abweichung ist bei WM-Turnieren bekannt. Hier liegt die Quote aktuell bei ungefähr 80 % verwandelter Elfmeter. Statistisch sollte dieser Wert auch zu erklären sein, er liegt schlicht in der verhältnismäßig geringen Fallzahl der geschossenen Strafstöße begründet. Da kann eine Abweichung schon mal drin sein. Wie gesagt: Elfmeter werden getroffen. Aber nicht alle. Trotzdem wundert mich, dass Elfmeter allgemein als untrainierbar gelten. Warum eigentlich? Schließlich handelt es sich um spielentscheidende Ereignisse, die von einem ruhenden Ball ausgehen. Eigentlich beste Voraussetzungen, um mit kontinuierlicher Übung zur Meisterschaft zu gelangen.

Aus Wikipedia entnehme ich Wissenswertes aus Erlangen: „Bei einer Torgröße von 7,32× 2,44m müsste der Torhüter 18m² abdecken. Nach Messungen ist der Ball 90–100km/h schnell. Für die 11m (Tormitte) braucht er nur 0,4 Sekunden, für die 11,59m (Torenden) entsprechend 0,42 Sekunden. Mathematiker der Uni Erlangen haben ausgerechnet, dass der Torhüter mit der Geschwindigkeit eines 100-Meter-Läufers in die Ecke fliegen müsste, um den Ball noch zu erreichen.“ Das überzeugt. Mein kleiner Beckenbauer erwacht. Wenn dem so ist, sollte ein strammer, flacher Elfer in die untere Ecke eine fast hundertprozentige Verwandlungshäufigkeit erzielen. Er sollte theoretisch nur von den Torhütern pariert werden, die zu früh in die richtige Ecke tauchen. Das ist doch trainerbar, oder? Immer stupid unten rechts oder unten links. Mit Schmackes. Nach jeder Trainingseinheit eine Viertelstunde. Hat noch nie jemand behauptet, dass Systemtraining Spaß machen muß.

Doch der Furor meiner Erkenntnis legt sich. Ich werde darüber informiert, dass auch bei Freiwürfen im Basketball die Verwandlungsquote in ähnlichen Dimensionen liegt. Offensichtlich handelt es sich bei den mehr als 20% vergebenen Chancen um kein fußballspezifisches Problem. Basketballer und Fußballer trainieren Standards akribisch. Mit ähnlichen Erfolgen. Ein Nachteil für den Fußball besteht: Der Freiwurf kennt keine Varianten. Beim Elfmeter bestehen mehrere Optionen. Man muss ihn nicht in die Ecke schießen. Man kann ihn auch in die Mitte hauen, unter die Latte nageln oder wie Panenka/Pirlo in die Mitte lupfen. Gerade letztgenannte Möglichkeit ruft bei Trainern gerne Kopfschütteln hervor. Mir geht das Verständnis schon eine Alternative vorher aus. Warum, frag ich mich, werden Elfer hoch, unter die Latte geschossen? Nach meinem Dafürhalten geht der Schütze ein unnötiges Risiko ein. Ich sah noch nie einen Strafstoß, der unten durch geschossen wurde. Warum sollte man einen Strafstoß oben antragen. Zum Risiko, dass man ihn über die Latte zimmert, kommt auch noch, dass er zu tief gerät und als Ball in wundervoller Torhüterhöhe zur leichten Beute wird. Mit derlei rechthaberischen Gedanken gehe ich allerdings vorsichtig um. Ich befürchte, dass meine Besserwisserei nur diejenigen auf den Plan rufen wird, die sich an mein Versagen beim Auricher Sommerturnier noch erinnern können.

Ralf Seeger gehört hoffentlich nicht dazu. Er hätte bis Mittwochabend das unumstrittene Recht zu jeder Art von Besserwisserei. Seine Tabelle weist ihn im Moment als regierenden Propheten aus. Seine Vorhersage ist an beiden Enden, Bayern und Augsburg, absolut wasserdicht. Dazwischen bringt ihn eine fein tarierte Tipp-Tabelle an die Spitze unseres vorläufigen Rankings. Mit Benny Liebner dos Santos und Helmut Roleder tauchen zwei Propheten, die schon zu Beginn vorn platziert waren, wieder im unmittelbaren Verfolgerfeld auf. Doch auch ein Blick ans Tabellenende lohnt sich. Dort erkenne ich überraschenderweise den Propheten Jürgen Müller, dessen Spielübersicht als Regisseur der Sonntagskicker-Combo sehr geschätzt wird. Mit 60 Punkten liegt er im Moment aussichtsreich platziert im Rennen um die rote Laterne. Er kann sich berechtigte Hoffnungen auf den Pokal des roten Propheten machen, muss allerdings bang nach oben schauen, wo Ellen Läpple und Alpaslan Ates offenbar ähnliches im Schilde führen. Allerdings freue ich mich auch mit dem Köln-Fan Hannes Krauß-Ceasar, dass er sich vom Tabellenende entschlossen nach oben arbeitet. Mögen sich seine Kölner ein Vorbild an seiner Performance nehmen. Er bestätigt damit auch die vielen Plakate, die im Moment vor seiner Haustüre hängen. Der Wahlspruch „Hannes kannes!“ ist dieser Tage aus dem Stuttgarter Stadtbild nicht wegzudenken. Manche behaupten zwar, dass damit ein Kandidat fürs Stuttgarter Bürgermeisteramt gemeint ist. Aber wir Propheten dürfen dies als Besserwisserei abtun. Prophet Krauß-Ceasar hat sich um 16 Plätze verbessert und hat somit diesen Wahlspruch absolut verdient.