Abseits, 2G und Wengers Idee

Abseits, 2G und Wengers Idee

Manche stehen im Abseits, andere nicht und wiederum andere fühlen sich ins Abseits gestellt. Probleme über Probleme. Doch es gibt für alles die richtige Lösung…

Nicht immer haben die mit einer Nasenlänge voraus einen Vorteil. Das gilt oft schmerzhaft für die, die ihre Nase in fremde Angelegenheiten stecken und auch für den blitzschnellen Stürmer im Fußball. Ist er dem vorletzten Gegenspieler auf dem Weg zum Tor der Torauslinie um eine Nasenlänge näher, bereitet spätestens der „Video Assistent Referee“ – das ist der, der sich in einem ominösen Kölner Keller zur besseren Wahrnehmung des Geschehens des Öfteren eine Linie zieht – seinem Sturm und Vorwärtsdrang ein trauriges Ende. Abseits! Wer sich selbst ins Abseits stellt, muss mit diesen Konsequenzen leben. Das hat auch in anderen Lebensbereichen eine gewisse Gültigkeit. Als neulich in einer meiner Stammkneipen die Abseitsregel für Besucher mit dem Kürzel „2G“ eingeführt wurde, war in ihrem digitalen Pendant auf Facebook viel Empörung und Wehklagen zu vernehmen. Man werde als Nichtgeimpfter damit ins Abseits gestellt, der Freiheitsrechte beraubt und die ganze Gesellschaft gar gespalten. Das proklamieren meist die, die auch sonst stets mit einer Nasenlänge voraus sind. Sei es oberhalb des nicht korrekt getragenen Mund-Nasen-Schutzes und auch auf höherer Ebene, der Wissenschaft in pandemischen Fragen, indem sie eher jenen mit den längsten Nasen Glauben schenken. Pinocchio lässt grüßen. 

Mit 2G ins Abseits

Diese manchmal schwer erträglichen, selbsternannten Pandemie-Experten aus der Kategorie der Nichtgeimpften gibt es offenbar auch zahlreich unter den Fußballfans. Nach der Einführung der 2-G-Regeln in manchen Bundesligastadien waren sie lautstark in den von den Vereinen betreuten sozialen Medienkanälen unterwegs. Um einiges zu laut, gemessen an dem tatsächlichen Verhältnis der Genesenen und Geimpften zu den vorsätzlich Nichtgeimpften unter den Erwachsenen in unserer Gesellschaft. Wer sich in der momentanen Pandemiephase als erwachsener, gesunder Mensch, aus welchen Gründen auch immer, nicht impfen lassen möchte, der handelt in höchstem Maße verantwortungslos gegenüber der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung. Dazu noch zu erwarten, dass diese Mehrheit ihre Lebensumstände, wie etwa einen Stadionbesuch, nach dieser Minderheit ausrichtet und das auch noch ausschließlich zu deren Schutz, ist mit Verstand betrachtet, vielleicht doch etwas zu viel verlangt. Zumal sich dieses Pandemie-Dilemma für die Nichtgeimpften mit einer Impfung in kürzester Zeit für sie selbst und in toto auch für die gesamte Gesellschaft zufriedenstellend lösen ließe. Solange diese Minderheit nicht dazu bereit ist, gilt für mich in solchen Fragen nur folgende Frage: Seit wann wackelt der Schwanz mit dem Hund? Und nun zurück zum Sport.

Das Abseitsdilemma

Ein Fußballspieler käme niemals auf die Idee, zu behaupten, jemand habe ihn ins Abseits gestellt, denn er weiß sehr wohl, dass er sich selbst dorthin begeben hat und ganz allein selbst dafür verantwortlich ist. Als bei den Spielsystemen noch niemand von 3er- oder 4-er-Ketten und solchen Dingen sprach, war das noch anders. Wehe der Stürmer bekam es mit einem Stopper oder Libero zu tun, der sich auf das Stellen einer Abseitsfalle verstand. Auf sein Kommando rückten alle ein paar Schritte vor. Das war’s dann. Damals, als man von Raumdeckung noch nichts verstand und „Mann gegen Mann“ spielte, wurde man mit List und Tücke tatsächlich noch aktiv ins Abseits gestellt. Klappte das mal nicht, sprach man von einer missglückten Abseitsfalle. Das kommt heute aber ungefähr so selten vor wie das Wort Abseitsfalle von Fußball-Kommentatoren gebraucht wird. So gut wie nie. Stellt sich ein Fußballer trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mal ins Abseits und schießt den Ball ins Tor, ist ebenfalls viel Empörung und Wehklagen zu vernehmen, nur hilfreich ist das nicht. Da diese Situation in der Regel millimetergenau überprüft wird, kommt die Wahrheit ohnehin ans Licht. Die Abseitsregeln sind klar definiert und die Kontrolle funktioniert im Zweifelsfall sehr zuverlässig und genau.

Für den Geschmack vieler Fans etwas zu genau. Der Terminus der „gleichen Höhe“, eine das Abseits aufhebende Positionsbestimmung, kommt nämlich bei dieser VAR-Abseitskontrolle so gut wie nie vor. Das ist nicht verwunderlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass 22 Spieler über den Platz rennen und sich dabei zwei gegnerische Spieler zu einem Zeitpunkt „x“ (x = der Sekundenbruchteil in dem der Ball den Schuh des passenden Spielers zuvor verlassen hat) exakt auf gleicher Höhe im Abstand zur Torauslinie befinden, ist erwartungsgemäß doch ziemlich gering. Das größte Ärgernis der Fans und auch der so um einen Vorteil beraubten Spieler ist aber die verdammte Kalibrierungslinie beim Videobeweis. Abseits bedeutet hier nicht, dass der ganze Stürmer dem Tor näher ist als der gegnerische Verteidiger. Eines seiner Körperteile reicht. Das mit der Nase hatten wir ja schon. Die berühmte Regel 11 besagt dazu in gruseligstem Amtsdeutsch niedergeschrieben:

 „Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er sich mit irgendeinem Teil des Kopfs, Rumpfs oder der Füße in der gegnerischen Hälfte (ohne die Mittellinie) befindet und er mit irgendeinem Teil des Kopfs, des Rumpfs oder der Füße der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Gegenspieler. Die Hände und Arme aller Spieler, einschließlich der Torhüter, werden dabei nicht berücksichtigt.“

Die Binsenweisheit, dass die Schulter nicht zum Arm, sondern zum Rumpf gehört, ist hier schon eingepflegt. Ansonsten wird diese Regel auch gern andersherum definiert: Abseits können alle Körperteile sein, mit denen man theoretisch ein Tor erzielen dürfte. Wohl den Stürmern, die über kleine Nasen, keine Bäuche, kleine Zipfel und kleine Füße verfügen. Das verringert die Abseitswahrscheinlichkeit locker um ein paar Prozent. So wird auch einigermaßen verständlich, warum Mario Gomez während seiner Karriere gefühlt permanent im Abseits stand. Und wer sich jetzt hier über den Zipfel als theoretisch zum Erzielen von Toren geeigneten Körperteil mokiert, der sollte sich an die Halbzeitanalyse des Spiels Leverkusen-Bayern kürzlich erinnern. Der DAZN-Experte „Fußballgott“ Sandro Wagner hatte mit messerscharfem Blick erkannt, dass Thomas Müller sein Tor zumindest „zum Teil mit dem Hoden“ erzielt habe. Sei’s drum. Dieses Sezieren des Körpers zum Auffinden einer Abseitsstellung mittels einer Kalibrierungslinie ist jedenfalls der Kern aller Probleme rund um diese Abseitsregel. 

Wengers Geistesblitz

Doch die Lösung ist schon auf dem Weg. Fifa-Präsident Gianni Infantino, der ja eigentlich für den Fußball allgemein einige einzige Katastrophe darstellt, hat nun endlich für das nächste Jahr eine grundlegende Änderung zur Auslegung der Abseitsregel in Aussicht gestellt. Man wolle sie 2022 zunächst in China und in den USA ausprobieren und sie ins Regelwerk aufnehmen, falls sie sich dort bewähre. Sein „Fifa-Direktor für globale Fußballförderung“, kein Geringerer als Arsène Wenger, hat diese Neuerung praktisch erfunden und Infantino bereits seit nunmehr fast drei Jahren damit in den Ohren gelegen. Pandemie-bedingt aufgeschoben ist es für Wengers Geistesblitz nun 2022 endlich soweit. Wengers Idee ist so einfach wie genial. Er vertauschte einfach die Vorzeichen beim Identifizieren der abseitsverdächtigen Körperteile. Sollte sich die Regel durchsetzen, liegt in Zukunft nur dann eine Abseitsstellung vor, wenn sich KEIN zur regelkonformen Erzielung eines Tores geeigneter Körperteil des Angreifers auf gleicher Höhe mit dem vorletzten verteidigenden Spieler im Abstand zur Torauslinie befindet. Mit anderen Worten, die Kalibrierungslinie wird nicht mehr vorn am abseitsverdächtigen Spieler angelegt, sondern hinten. So vom Popo bis zu den hintersten Stellen am Fuße des Bewegungsapparates. Das könnte, meiner Meinung nach, tatsächlich die Lösung der leidigen Abseitsdiskussionen in Zeiten des Videobeweises sein. 

Für Abseitskönige wie Mario Gomez kommt diese Neuerung natürlich viel zu spät. Und offensichtlich auch für die für das Regelwerk Verantwortlichen bei der FA in England. Die haben kürzlich eine Lücke in den Regelvorgaben der Fifa ausgemacht, was die Überprüfung der Abseitsregel angeht. In denen steht nirgendwo geschrieben, welche Dicke die Kalibrierungslinie des VAR beim nachträglichen Überprüfen von Abseitsstellungen haben muss. Ab der nächsten Saison werden in der Premier League dickere Kalibrierungslinien zur Lokalisierung der Positionen des Stürmers und des Verteidigers verwendet, um ein sogenanntes „toenail-offside“ (Zehnagelabseits) künftig zu verhindern. Sobald sich die zwei verbreiterten Kalibrierungslinien der Spielerpositionen überlappen, liegt kein Abseits mehr vor. So einfach ist das manchmal. Das erlaubt den Schiedsrichtern einen wesentlich größeren Entscheidungsspielraum als zuvor. Und auch hier ist die Premier League, wie so oft, der Bundesliga um mehr als eine Nasenlänge voraus.

Die Rechte zur kommerziellen Verwendung dieses Textes in anderen Medien können übrigens beim Autor für ein halbwegs anständiges Zeilenhonorar erworben werden.