Die Oberligafeinschmecker

Was machen eigentlich die Stuttgarter Kickers? Am Wochenende haben sie 7:0 in Neckarsulm gewonnen. Fünfte Liga halt. Eine Hommage an unsere blauen Freundinnen und Freunde. Geschrieben aus der Perspektive eines Roten.

Das Verhältnis von Blau und Rot ist ein ganz spezielles. Ich muss das wissen. Wenn ich als anonyme "Lampe" (so werden die VfB-Fans in Degerloch genannt) im Block C auf der Waldau stehe, dimme ich mein kleines Licht auf schwächste Stufe. Dabei erkenne ich manche, die es mir gleich tun. Das eine oder andere Gesicht kommt mir bekannt vor. Vermutlich schon gesehen im großen Stadion auf der anderen Seite des großen Flusses. Seit Jahrzehnten stelle ich fest, dass es nicht wenige Fans gibt, die hochklassigen Fußball mitnehmen, wo er zu bekommen ist. Bei einer fundamental-verborten Stadt-Rivalität wäre es undenkbar. Aber in Stuttgart geht's meistens etwas zivilisierter zu. Ein Hauch von Liverpool weht. Stichwort: the friendy derby. Everton vs. Liverpool. Nicht zufällig eine andere Spielart von Blau gegen Rot. Dazu kommt, dass sich die Stuttgarter Lager an vielen Stellen überschneiden. Entlarvend zum Beispiel die Ähnlichkeit der Schnapsnasen von Axel Dünnwald-Metzler und Gerhard Mayer-Vorfelder. Auf den berüchtigten ADM-Festivitäten war MV stets ein gern gesehener Gast. Wein verbindet. Selbst dann, wenn im Falle von ADM eine besondere Vorliebe fürs Schorle überliefert ist. Man muss in diesem Zusammenhang auch an die Wechsel von Allgöwer, Klinsmann und Buchwald erinnern. Alle drei wechselten von Blau nach Rot, was auch dem kurzen Draht zwischen den beiden Präsidenten geschuldet war. Allgöwer hätte seine Zelte fast auf dem Betzenberg aufgeschlagen. Doch die beiden Präsis haben in einer Art Notfallaktion den Karle davon überzeugt, dass er im Neckarstadion besser aufgehoben sei. Zum Vorteil beider Seiten, also der blauen wie der roten. Und dem Allgöwer hat’s auch nicht geschadet in seiner weiteren Karriere.

Oberligaromantik

„Gegen den modernen Fußball“ schreiben viele Fans in der Bundesliga gerne aufs Transparent. Darin liegt der Vorteil, wenn man als Kickers ständig zwei Klassen zu tief herumstolpert. Man bleibt in sicherer Entfernung zur aufgeblasenen Unterhaltungsindustrie, die dem Spiel an den Mund gewachsen ist als eine Art Lippenherpes. Klar, wenn du im Stadion bist, kannst du den Kommerz und das Theater vergessen. Überall spielen elf gegen elf. Sogar in Bernabeu. Aber kaum hörst Du den Stadionsprecher oder läufst rüber zur Systemgastronomie, taucht sie wieder auf, die Abscheu vor den Begleitumständen des tendenziell hochklassigen Fußballs. Systemgastronomie ist fraglos die größte Plage der Menschheit. Die Bundesliga ist komplett durchseucht davon. Kaum regt sich Hunger oder Durst,  blüht dein Herpes wieder auf. Und du weißt, du wirst ihn nie mehr los. Er sprießt immer dann, wenn die drei Todsünden der Kommerzialisierung über dich kommen: Abstand, Abzocke und abgestandenes Bier. Tatsächlich gibt es im Fußball schlimmeres als den verkommenen DFB: Fick Dich Systemgastronomie. Ich bin Stammgast im Lampenstadion. Ich leide unter der systematisch-kulinarischen Abfertigung. Bei jeder Wurstbestellung schau ich kritisch, ob das Ding lang genug auf dem Grill gelegen hatte. Im Neckarstadion kannst du keiner ungelernten Grill-Kraft trauen. Gelobt seien die Kickers und ihr guter Geschmack. Hallelujah!

Seit mehr als tausend Monden treffen sich die Blauen drüben bei den Sportfreunden auf ein Erstbier am frühen Samstagnachmittag. Die Bude stand jahrelang unter der fürsorglichen Obhut von Paule, einem waschechten Griechen, wie der Name schon sagt. Nach einer kurzen Durststrecke übernahm der neue Sportfreunde-Wirt Christo.  Nicht, dass jemand denkt, an diesem Treffpunkt sei etwas Besonderes. Sicher nicht. Vom Gefühl her pures Kreisliga-Feeling. Extrem angenehm. Die Leute stehen artig in der Schlange. Hektisch hat’s keiner, nicht mal dann, wenn der Durst kaum auszuhalten ist, und von drüben schon die Mannschaftsaufstellung rüberwabert. Dort, an der offenen Herzkammer der Blauen, findet man stets einen Feinschmecker namens René Weller. Kein Boxer, keine Sorge. Weller steht bei den Kickers im Zentrum des guten Geschmacks. Der Vorsitzende des Fanklubs Bierdurscht beim Warmlaufen. Weller ist der feine Gaumen hinter dem sogenannten Bierstand-Service SVK. Was Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar, ist Weller bei Kickers sucht das Superbier. Eine echte Autorität mit stets stilsicherem Urteil.

Der Bierstand-Sommelier darf als Symbolfigur für die blauen Gourmets gelten. Seine Empfehlungen sind Fußballpoesie vom Fass. Hohe Kunst, wenn man bedenkt, dass sich Dichter aller Epochen schwer taten mit der Beschreibung von Geschmackseindrücken. Nehmen wir zum Beispiel Weinkenner. Was wird da nicht alles salbadert. „Ein kleines Träumchen würde man soeben verkosten,“ schreibt einer über den Rotwein, indem er mit dem Geigenbogen über seine Zunge streicht. Im nächsten Satz orchestriert er die Geschmacksnoten: „Einen unglaubliche Konzentration. Betörende dunkle Früchte bringen die Nasenflügel zum Singen. Von drüben flirrt ein Lavendel und Lakritz heran. Natürlich in einer unergründlichen Tiefe. Das alles bevor der Abgang auf der Zunge einen feinherben Abdruck hinterlässt, der die Ewigkeit verspricht.“ Mehr gequirlten Mist muss man nicht lesen, um zu wissen, dass man sich das arrogante Gesöff sparen kann. Diese pseudovornehme Herumgetue ist sowieso irgendwie Achtziger. Die gesalbten Hymnen wirken tiefgestrig. Der gute Geschmack geht mit der Zeit – und mit den Kickers. Das Erdige, das Lokale, das Pure wird wieder hoch geschätzt. Im Kulinarischen geht der Trend zum guten Qualitätserzeuger um die Ecke. So ist das auch im Fußball. Der Vorsitzende des Bierdurschts René Weller hat das längst begriffen.

Bierstand-Service inklusive

Weller checkt die Bierstände bei den Auswärtsfahrten. Während die Trainer versuchen, die taktischen Eigenheiten der Gegner herauszuarbeiten, stimmt Weller die Auswärtsfahrer auf die kulinarischen Eigenheiten der nächsten Reise ein. Hinterher gibt’s Noten. Kriterien sind: Erstens ein richtiges Bier (Alkoholfrei geht gar nicht). Zweitens ein runder Geschmack inklusive feine Herkunft (Lokale Brauereien stets bevorzugt). Drittens ein angemessener Preis. Viertens ein schneller und freundlicher Service. Und fünftens eine angemessene Schankatmosphäre, wobei ein fester Stand jeden Bierwagen sticht. Die Bewertung wird via facebook geteilt. Der Saisonsieger erhält den Goldenen Bierbecher. 2020 war es der SV Linx. Wellers Laudatio liest sich als blaues Psychogramm: „Dieses Mal waren alle anderen Kriterien derart überzeugend, dass der Biergeschmack per se nicht ausschlaggebend für den Titelgewinn ist. Was für ein Aufwand von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer! Hier wurde bis zur Perfektion gearbeitet und somit zu Recht der goldene Bierbecher abgestaubt. Das ist Amateurfussball wie wir ihn lieben! Hier steckt der wahre Geist des Fußballsports! Kein Schnickschnack, keine künstliche Show, kein Bierimitat aus der Großbrauerei und kein übertriebenes Polizeiaufgebot.“ Eine Hymne gegen den modernen Fußball. Formuliert vom blauen Feinschmecker der neuen Zeit.

Kickersfußball ist selten ein Premiumprodukt. Und das ist auch gut so. Die diagonal abkippende Sechs vom Taktik-Buffet erlebt man auf der Waldau nur, wenn der blaue Sechser am Abend zuvor zu viel gefeiert hat. Freilich sind die Kickers vor Jahren als Geheimtipp in einem Blog der taktischen Avantgarde aufgetaucht. Überschrift: „Ein Hauch von Juego de Posición in Liga drei“. Im Blog Konzeptfußball werden die Strategien des blauen Spiels unter Trainer Horst Steffen beschreiben: „Das Laufen-Lassen des Balls dient schließlich nicht dem Selbstzweck, den Ball in seinen Reihen zu haben, sondern es macht das eigene Team zum Agierenden, der den Gegner in Unruhe hält, der nutzbare Lücken aufreißen will, die dann auch sogleich genutzt werden.“ Die Lektüre der Taktik-Hymne verschlingt eine ganze Halbzeit. Die Formulierungen spielen in der Phrasenliga eines Weinjournals an Top-Position. Preismünze in Gold. Maximale Parker-Punkte, bereits fürs Schorle. Der taktisch geschulte Autor zieht von Kickerstrainer Horst Steffen eine direkte Linie zu Pep Guardiola. Wer den blauen Drittligafußball von damals mit dem Gebolze anderer Epochen vergleicht, vor allem in der jüngeren Vergangenheit, mag dem Taktikblogger durchaus zustimmen. Unter Steffen konnte man sich viele Spiele wirklich anschauen. Ein Hauch von Fußball. Auch die Kickers haben das damals bemerkt. Juego de Posición erschien ihnen so abgehoben wie ein seltener Barolo aus der Exquisit-Abteilung des Feinkost Böhm, bei dem man nur mit abgespreiztem kleinen Finger einkaufen kann. Derlei arrogante Kunst passt unter keinen Fernsehturm. Als man wegen schlechter Ergebnisse die Chance sah, dem eingebildeten Fünf-Sterne-Fußball den Garaus zu machen, wurde keine Sekunde gezögert. Horst Steffen wurde entlassen. Danach wurde alles nur noch schlimmer. Der vorgeschriebene Mindest-Sicherheitsabstand zum modernen Fußball war auf absehbare Zeit gesichert.

In dieser Distanz zum modernen Fußball liegt das große Paradox des Feinschmeckerfußballs. Nicht taktisch gesehen, sondern in punkto Kommerzialisierung. Das Kernproblem besteht nicht im Geld an sich. Ob Hugo Nathan oder Axel Dünnwald-Metzler: Den Kickers ging es in allen Epochen besser, wenn das nötige Kleingeld zur Verfügung stand. Das Debakel an der Kommerzialisierung tut sich an anderer Stelle auf: im Abstand von Fan und Fußballbetrieb. Der Kommerz degradiert den Fan zum Kunden. Marketing wirkt. Merchandise winkt. Die Übertragung in den üblichen Verwertungskanälen verdrängt das Stadionerlebnis in die letzte Reihe. Die Fans sind wichtig, aber nur als Kulisse. Fußball als Entertainment. Dem echten Feinschmeckern vergeht jeder Appetit.  Nebennoten von Fäule und Kulturverfall verderben den Geschmack.

Aber paradox. Bloß kein Entertainmentfußball, das ist die eine Seite. Die andere Seite: Ein bis zwei Aufstiege dürfen es schon sein. So unmittelbar lokal muss es doch nicht sein, dass man mit der S-Bahn nach Backnang zum Auswärtsspiel fährt. Darum gibt’s keine Alternative zum Gewinnenwollen. Tabellenspitze ist immer der Ort, von dem aus man das Spiel am liebsten betrachtet. Doch wenn man es übertreibt mit dem Gewinnen, ist es auch nicht recht. Nicht nur die weitere Kommerzialisierung droht, sondern oberhalb einer gewissen Klassenzugehörigkeit der zwangsweise Auszug aus der eigenen Heimat. Als die Kickers in den Neunziger Jahren in der Bundesliga spielten, mussten sie ins Neckarstadion umziehen. Für einen harten Kern der Fans kam das überhaupt nicht in Frage. Über den Neckar? Undenkbar. Es handelte sich dabei um mehr als eine lokale Dickköpfigkeit. Der begradigte Neckar dient gleichzeitig als Demarkationslinie, die in den Augen mancher nicht überschritten werden durfte. Denn auf der anderen Seite spielt man lampentypischen Kommerzfußball. Damals in den Neunzigern sogar unterstrichen durch ein trostloses Stadion mit Tartanbahn außenrum. Geht gar nicht. Kickersfußball braucht die Meereshöhe der Waldau, den Duft der Waldauwiese am Zaun, und wenn man nach oben schaut, sollte man den Fernsehturm erkennen. Die Kickers spielen seit 1905 auf der Waldau. Tradition bleibt zwar abstrakt. Kaum ein Blauer kann sich an die deutsche Vizemeisterschaft erinnern. Die stolze Geschichte taugt jedoch prima als plakativer Gegenentwurf zur Entfremdung. Lieber ein stolzer Traditionklub in Liga fünf als ein Kunstprodukt in Liga eins. Dieses Feinschmeckertum ist mehr als lobenswert. Nicht der Massenmarkt zählt. Sondern regionale Qualitäten. Bei den Lebensmitteln geht der Trend zu lokal angebauten Spezialitäten. Nicht nur in diesem Sinne darf man Fußball als Lebensmittel betrachten. Natürlich ist es die harte Tour, wenn es als nächste Auswärtsreise zum Angstgegner aus Göppingen geht. So tiefe Kenntnis der heimischen Provinz wäre nicht nötig gewesen. Trotzdem lohnt sich’s. Schließlich reisen die Feinschmecker-Kumpel mit. Sogar dann, wenn der Wind garstig über die Hohenstaufenkante pfeift, erscheinen der Kickersmob zahlreich. Ein bemerkenswerter Akt des Widerstandes gegenüber den sportlichen Unwegbarkeiten. Wahre Feinschmecker. Auswärtsspiele in Pforzheim besuchen die Kickers schon mal mit dem Fahrrad. Sie nehmen die S6 nach Weil der Stadt, und lassen es das Würmtal runter rollen. Auch in diesem Punkt bewegen sich die blauen Fans total am Zeitgeist. Die Zukunft liegt in der intelligenten Kombination aus mehreren Verkehrsmittel, behaupten die Mobilitätsforscher. Blöd nur, dass die Zukunft eines blauen Fußballvereins niemals in Pforzheim liegt.

Bayern München - Stuttgarter Kickers 1:4

Lokal statt global aus totaler Überzeugung? Das Bild der Graswurzelfans hat Kratzer. Eine Schramme macht mich persönlich fassungslos. Nicht wenige Blaue haben einen Zweitverein, der auf jedes Feinschmeckertum scheisst: Bayern München, die hässliche Fratze des deutschen Fußballs. Seit jeher drücken viele Blaue den Bayern die Daumen. Andererseits: Warum auch nicht? Die bayrischen Sympathien sind in einer Art Vor-Globalisierung bundesweit gestreut. In Zentral-Württemberg fallen rote Fans als Bayern-Sympathisanten aus. Bleiben die Blauen. Irgendjemand muss den Job ja machen. Weite Teile der blauen Fangemeinde sind frei bleibt von jeglichen Berührungsängsten mit den Sklaventreibern aus Katar, Außenstelle München. Aber bleiben wir sportlich: Man sollte nicht vergessen, dass die Blauen mit den Bayern auf Augenhöhe sind. Der Blick auf die die Bundesliga-Bilanz der Direktvergleiche macht es deutlich: SV Stuttgarter Kickers vs. FC Bayern München 2:2. In vier Begegnungen der Kickers gegen die Münchner erzielten beide Teams je zwei Siege und jeweils acht Treffer. Mehr unentschieden geht nicht. Eindeutig Championsleaguesiegerniveau, diese Blauen. In Stein gemeißelt bis zum nächsten Bundesligaaufstieg.

Vom legendären 4:1 im Olympiastadion (Tore: Kula, Marin, Keim, Moutas. Gegentor: Arschloch) kann ich aus eigener Anschauung berichten. Mein Kumpel Freddy hatte mich damals angerufen, ob ich nicht Lust hätte, die Bayern verlieren zu sehen. Es sei Oktoberfest, meinte Freddy. Also ließ ich meine tiefsitzende Abneigung gegen dumpfes Bierzelt-Humptata fahren. Blaue Mütze und blauen Schal hatte ich am Mann. Schließlich war sonnenklar, dass wir diesen Bundesligaklassiker nur aus dem schwäbischen Block heraus wirklich genießen konnten. Wie wir da rein kommen wollten, hatten wir nicht besprochen. Wir hatten keine Tickets und auf der Fahrt eröffnete mir Freddy, dass er nicht daran denke, welche kaufen zu wollen. Aus Prinzip! Er hätte das noch ne getan, und schon gar nicht im Olympiastadion, wo man ohne Karten rein komme. Der Zaun sei ja wirklich nicht hoch.

Etwas mulmig war mir schon als wir vom Parkplatz am Stradionhügel die Lage checkten. Eben niedrig war Maschendraht nicht. Als ich gerade Freddy darauf hinweisen wollte, dass der Kickersfanblock auf der anderen Seite des Stadions wäre, kraxelte der schon wie Spinne über den Zaun. Der Zeitpunkt war bereits vorüber, in dem das bessere Argument die Oberhand gewinnen konnte. Ich also hinterher, freilich mit schlechteren Haltungsnoten. Völlig klar, dass man sich nach einer solchen Aktion nicht locker am Bierstand trifft. Ich versuchte direkt im nächstgelegen Fanblock zu verschwinden. Dass es der Bayernblock war, interessierte mich nur am Rande. Hauptsache mittenrein. Ich stelle mich ungefähr auf halbe Höhe, etwa dort, wo die Fans nur so semihardcore waren. Außer „Danke“ sagte ich besser nichts. „Danke“ beherrsche ich heute noch halbwegs akzentfrei. Einen anderen Laut wollte ich nicht von mir geben. Beim 1:0 durch Kula jubelte ich leise nach innen. Kurz nach dem 1:0 erschein plötzlich Freund Freddy mit Habichdirdochgesagt-Gesichtsausdruck. Ich konnte der Zaun-Aktion trotzdem nichts abgewinnen. Ich stand im Bayern-Block und traute mich nicht, Piep zu sagen. Vorläufig.

2:0 Marin. Wer da nicht aus sich raus geht, dem kannst du nicht helfen. Falls es je jemandem gelungen ist, mit angezogener Handbremse zu jubeln, dann mir nach diesem Wahnsinnstor. Bayernfans in der Niederlage sind übrigens überraschend angenehme Zeitgenossen. Zynismus machte sich breit. Später beim sagenhaften 3:0 hatte ich meinen blauen Schal bereits ausgepackt. Ich jubelte nicht alleine. Die verbliebenen Bayernfans hatten längst die Seiten gewechselt. Früher war ja auch nicht alles schlechter. Heute wäre es in keinem Fanblock eine gute Idee, einen Schal in den falschen Farben zu schwenken. Damals kein Problem, nicht mal für mich – und ich gehöre definitiv nicht zu den Gefahrensuchern.

Darum verhalte ich mich auch im Block C auf der Waldau angemessen dezent. Ich vermisse zwar Reinhold Tattermusch, Horst Steffen und andere, die für die besseren Zeiten der Blauen stehen. Aber ich schätze lokale Erzeugnisse und freue mich am bekannt guten kulinarischen Angebot, besonders im flüssigen Bereich. Wenn ich zur Halbzeit atemlos in der Herrentoilette stehe, beobachte ich, wie die Farben mit jedem Zentimeter verschwimmen. Am Ende der Pissrinne kannst du sie nicht mehr unterscheiden.

Diese und viele weitere wundervolle Anekdoten wurden in der Fußballfibel der Stuttgarter Kickers gesammelt. Das Werk aus der wundervollen Serie ist erschienen im Culturcon Verlag. Gibt's im Kickersshop online und anderswo.