Hertha, Windhorst und die Agenten

Alles über die dümmste und zugleich teuerste Schmutzkampagne aller Zeiten, die für Lars Windhorst das Ende bei Hertha BSC bedeutet …

Die Beziehung zwischen Lars Windhorst und Hertha BSC hatte von Beginn an etwas Surreales an sich. Da kommt einer und sagt: Ich scheiß euch zu mit meinem Geld und wir werden gemeinsam einmal sehr erfolgreich sein. Und Hertha so: Okay! Deine Kohle ist willkommen, aber Du nicht. Dass Lars Windhorst trotz dieser eindeutigen Signale Hunderte von Millionen für den Einstieg bei Hertha zur Verfügung gestellt hat, geschah sicherlich mit seiner unerschütterlichen Überzeugung, dass man sich mit Geld alles kaufen kann, auch den Respekt und die Wertschätzung der Fans und Mitglieder eines Fußballvereins. Windhorst ist in seinem Leben schon vielfach spektakulär gescheitert, doch dieses Mal hat er alles nochmal getoppt. Es war die „Operation Werner“ die voraussichtlich nun sein endgültiges Aus bei Hertha besiegeln wird. Was sich wie der Titel eines spannenden Spionage-Thrillers anhört, mutiert bei genauerer Betrachtung zu einer bloßen Posse. Was ist passiert?  

Eine Detektei namens „Shibumi Strategy Limited“ aus Israel, die unter anderem auch ehemalige Mossad-Agenten beschäftigt, wurde angeblich von Hertha-Investor Lars Windhorst bzw. der ihm zuzurechnenden Tennor Holding damit beauftragt, mit einer subversiven Schmutzkampagne, die den Code-Namen EURO 2020 trägt, für die Diskreditierung und den Rücktritt des ehemaligen Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer zu sorgen. Das Ziel der Kampagne sei gewesen, Windhorsts Ansehen im Verein zu erhöhen. Das Ganze flog mutmaßlich auf, da das Unternehmen Shibumi sich um das mit der Tennor Group ausgehandelte Honorar geprellt sah und deswegen beim Bezirksgericht in Tel Aviv eine Klage gegen den Auftraggeber erhoben hatte, für den es auch zuvor schon in anderen Missionen tätig war.

Für die zwischen Juli und Dezember 2021 angefallenen Tätigkeiten soll zuvor eine Zahlung von 4 Millionen Euro als Erfolgshonorar ausgemacht worden sein sowie ein Pauschale von bis zu 1,5 Millionen Euro für die Aufwendungen und Spesen. Mit dem Rücktritt Gegenbauers im Mai 2022, direkt nach dem gesicherten Klassenerhalt der Hertha, sahen die israelischen Agenten ihren Undercover-Job angeblich als erfolgreich abgeschlossen an und warteten, so ist es in der Klageschrift notiert, vergeblich auf die Zahlung der Erfolgsprämie sowie auf noch ausstehende Gelder für die Auslagen. Die in der Klageschrift ungewöhnlich detailliert geschilderten Dienstleistungen, mit denen Shibumi ihre finanziellen Forderungen zu untermauern glaubte, landeten auf dem Tisch der „Financial Times“, die das Ganze Ende September in einem Artikel publik machte. Kurz darauf wurde interessanterweise die Klage der Detektei beim Bezirksgericht in Tel Aviv wieder zurückgenommen. Und der CEO der Detektei Shibumi, Uri Gur-Ari, gab sich auf Anfrage mehrerer Medien plötzlich völlig ahnungslos, was die Klage angeht. Das müsse ein Irrtum sein, wurde er zitiert. Und der Beklagte, Lars Windhorst, verwies die Agentengeschichte ohnehin von Anfang an ins Reich der Fabeln.

Was sollte er auch anderes machen, fragt sich nun jeder. Die scheinbar lückenlos durch die vorliegende Klageschrift bestätigten “Beweise“ für die erhobenen Anschuldigungen belasten ihn schließlich schwer. Und da ist die Vorwärtsverteidigung möglicherweise die beste Strategie. Doch dieses angeblich 226 Seiten umfassende Schriftstück, auf das sich zurzeit alle Medien beziehen, ist keine vom Gericht zu verantwortende „Gerichtsakte“, wie sie vielfach bezeichnet wird, sondern eine vom Kläger eingereichte Klageschrift, über dessen Wahrheitsgehalt man nur spekulieren kann, da in ihr nur der Kläger zu Wort kommt. Es lohnt sich, die auf Grundlage der Klageschrift gegen Windhorst erhobenen Vorwürfe einmal genauer zu betrachten. Im Folgenden gibt es dazu die Übersetzung eines Artikels einer israelischen Zeitung in dem die Details der Schmutzkampagne weitgehend unkommentiert aus dem Original entnommen und zusammengefasst wurden. Eine der Zeitung vorliegende Anlage der Klageschrift wurde dort als Quelle angegeben. Es handelt sich dabei um einen detaillierten Abschlussbericht, der von Shibumi angeblich im Juli 2022 für Windhorst erstellt wurde. Und der hat es tatsächlich in sich, wie im Folgenden nachzulesen ist.

Wofür die „Agenten“ mutmaßlich Geld von Windhorst forderten

Laut diesem Dokument umfasste der Umfang der Tätigkeit des Unternehmens zwei Bereiche.Als Erstes galt es aufschlussreiche Informationen zu sammeln, mit denen sich die öffentliche Meinung gegen Gegenbauer (im gesamten Dokument als "das Hauptziel" bezeichnet) wenden lässt, mit dem Ziel, seinen Rücktritt zu bewirken.Zweitens galt es, Informationen über unethisches oder unredliches Handeln von Gegenbauer zu ermitteln, um diese Informationen als Druckmittel gegen ihn verwenden zu können oder ihn in den Medien diesbezüglich zu entlarven.

Im Vorfeld führte Shibumi eine tiefgreifende Netzwerkrecherche durch und sammelte Informationen über Hertha, die Bundesliga und die Fankultur des deutschen Fußballs. Sie identifizierten Einflussplattformen, sammelten Informationsquellen und negative Informationen über Gegenbauer.Das Unternehmen identifizierte Quellen wie Twitter, Facebook, Wikipedia, Telegram und Fanforen als wichtige Einflussplattformen und identifizierte auf jeder Plattform die maßgeblichen Nutzer sowie die wichtigsten dort angesprochenen Probleme.  Auf den verschiedenen Plattformen sammelte sie neben den dazu erhobenen Vorwürfen auch entsprechende Memes und negative Äußerungen über Gegenbauer. Darüber hinaus markierte das Unternehmen vier Arten von sekundären Zielen neben dem Hauptziel Gegenbauer: Familienmitglieder, leitende Angestellte des Unternehmens Gegenbauer, leitende Angestellte von Hertha BSC und Gegenbauers Kontakte in der Geschäftswelt.

Die Operation selbst ist in drei Phasen unterteilt. Die erste Phase namens HUMINT konzentrierte sich auf das Sammeln direkter Informationen durch Agenten vor Ort und die Konzeption einer abwertenden Kampagne gegen Gegenbauer und wurde zwischen Juli und Dezember 2021 durchgeführt. Diese Außenagenten sind nach Angaben des Unternehmens Veteranen der israelischen Geheimdienste. Basierend darauf wurde eine Infrastruktur aufgebaut, „die Telefone zum Tätigen von Anrufen und zum Senden von Nachrichten, E-Mails, sowie zum Aufrufen von Social-Media-Profilen, Websites und mehr umfasste“, heißt es in dem Dokument. In der ersten Phase wurden auf diese Weise Kontakte zu 17 Unterzielen hergestellt, darunter der Weberbank-CEO Z. oder FG., Co-CEO von Gegenbauer Industries, und sogar Gegenbauers Tochter S. (…). Die lieferte dem Agenten persönliche und familiäre Informationen, die in den Bericht aufgenommen wurden, obwohl ihre Relevanz für das Projekt fraglich ist, zum Beispiel, dass sie nicht gerne allein ist, dass sie beiden Eltern sehr nahesteht, und dass sie gerne in den Bergen wandert und Ski fährt.

Die zu diesen Zwecken gesammelten Informationen beinhalten auch Kritiker der Hertha-Führung. So soll der deutsche Politiker und ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin, einer von Shibumis Zielpersonen, den Agenten gesagt haben, das Hertha-Management sei selbstmörderisch. Der Verein werde im Mafia-Stil geführt und der Präsident dort sei der Falsche. Trittin behauptete dazu auch, Gegenbauer nutze seine Position als Hertha-Präsident, um seinen persönlichen Geschäften zu dienen. Auch andere Zielpersonen kritisierten die Person Gegenbauer.

Gleichzeitig bereitete Shibumi eine abwertende Kampagne gegen Gegenbauer vor, mit dem Ziel, seinem Unternehmen und Image zu schaden. Diese Kampagne umfasste das Schreiben und Verbreiten von Inhalten auf Websites und sozialen Netzwerken, die hauptsächlich gegen die Person Gegenbauer, sein Handeln, seinen Mangel an Führungsqualität und seinen Mangel an Erfolg ausgerichtet waren. Die Kampagne umfasste die Veröffentlichung einer Petition, in der seine Absetzung gefordert wurde (in der 271 Unterschriften zur Unterstützung registriert wurden), und konzentrierte sich auf Aktivitäten auf Facebook, Instagram, YouTube, Google und Twitter. Darin wurden unter anderem Karikaturen von Gegenbauer verbreitet, "die darauf abzielen, seinem öffentlichen Ansehen und seinem guten Namen zu schaden. Shibumi hat dafür eine, wie sie es nennt, „schlagkräftige Infrastruktur“ aufgebaut – ein Netzwerk aus dutzenden Fake-Accounts, die über Monate eröffnet wurden und sich durch für Hertha-Fans relevante Inhalte etablierten. Laut Shibumi haben diese Konten Tausende von Aufrufen angezogen. Gleichzeitig nahmen Außendienstmitarbeiter direkt Kontakt zu Journalisten, Bloggern und Mitgliedern der Vereins Hertha auf. Shibumi würdigt dabei auch die auf deutschen Nachrichtenseiten veröffentlichten Artikel, die Gegenbauer verurteilen. Gegenbauers Stil zerstört Herthas Erbe", erklärte einer von ihnen. Shibumi veröffentlichte auch Dutzende von Beiträgen in Fanforen, gründete einen Blog namens Sportfreax, in dem 67 Artikel veröffentlicht wurden, erstellte eine spezielle Website, um Gegenbauer anzugreifen, und nahm sogar Änderungen an zwei Wikipedia-Einträgen im Zusammenhang mit Gegenbauer vor.

 „Die Inhalte wurden nach und nach und in Bezug auf Sensibilität und Intensität veröffentlicht“, heißt es in dem Dokument. „Im ersten Schritt wurden marginaleVorwürfe gegen das Hauptziel auf den ausgewählten Plattformen verteilt. Nachdem die Erkenntnisse analysiert und verstanden wurde, welche Themen die meisten Aktivitäten erzeugen, konnte das Unternehmen die Kampagne auf die relevantesten Themen fokussieren. Das Endziel war es, ein Zielpublikum zu erschließen und zu organisieren, um es zu ermutigen, einen Prozess in Gang zu setzen und so am Ende das Hauptziel aus seinem Amt zu entfernen. Das Unternehmen plante auch eine gezielte Kampagne für Herthas alle zwei Jahre stattfindende Mitgliederversammlung am 28. November 2021 zu initiieren. "Die Veranstaltung sollte Merchandise, Flyer, Poster, Fahrradwerbung und mehr umfassen", hieß es. Die Absage der Versammlung verhinderte jedoch den Start der Kampagne.

Die zweite Aktion mit dem Motto GEGENBAUER RAUS wurde zwischen Januar und Mai 2022 durchgeführt und konzentrierte sich darauf, die Mitglieder von Hertha BSC („das Zielpublikum“) davon zu überzeugen, Gegenbauer bei der alle zwei Jahre stattfindenden Mitgliederversammlung des Clubs abzuwählen. Im ersten Teil dieser Aktion arbeitete Shibumi daran, Schlüsselfiguren in der Hertha-Fangemeinde zu identifizieren und einen von ihnen so zu beeinflussen, dass er einen offiziellen Aufruf für die Entlassung von Gegenbauer initiiert. Dazu verstärkte das Unternehmen seine Social-Media-Aktivitäten und initiierte eine Kampagne mit dem Namen GEGENBAUER RAUS. Eine zweite von Shibumi initiierte Petition erhielt 1.500 Unterschriften. Später wurden Karikaturen von Gegenbauer veröffentlicht, darunter eine, in der er als Sensenmann gezeichnet ist, die von den als Multiplikatoren dienenden Personen verbreitet wurden. Nachdem der Kunde (Windhorst) am 20. März das Hauptziel attackiert hatte, traten die Multiplikatoren in Aktion und beeinflussten die Hertha-Fangemeinde mit der Behauptung, dass der Zustand des Vereins angesichts der schlechten sportlichen Leistung einen dringenden Wechsel in der Führung erfordere.“ Um wichtige Akteure davon zu überzeugen, einen Antrag auf Entlassung von Gegenbauer zu stellen, leitete Shibumi eine, wie sie es nennt, "verdeckte Operation" ein: "Das Unternehmen half einem von Herthas prominentesten Fans, Sebastian S. (der von ihren Aktivitäten nichts wusste), die Initiative zur Entlassung Gegenbauers, durch die Unterstützung  der vom Unternehmen installierten Fake-Kontakte, die S. in einem Fanforum kennengelernt hatte, zu beeinflussen und umzusetzen. Seitdem vertraute S. unseren Fake-Kontakten bedingungslos, gab relevante Informationen an sie weiter und führte alle ihre Vorschläge aus, einschließlich der Einreichung des offiziellen Antrags zur Entlassung Gegenbauers.

 Dieser Antrag war der Auftakt zur zweiten Aktion: Das Unternehmen gründete eine Telegram-Gruppe, in der unschuldige Hauptakteure neben den Fake-Kontakten agierten, die Shibumi erstellte. Dies, um die Aktion gegen Gegenbauer zu initiieren, zu unterstützen und zu organisieren. Für jeden der Fake-Kontakte wurde eine ausführliche Coverstory erstellt und jeder erhielt konkrete Handlungsanweisungen auf die Key Player in der Gruppe einzuwirken. Zu letzteren gehörten Sebastian S. und Tim B. und Gunnar S., die auf Facebook eine Fangruppe mit 10.000 Mitgliedern gründeten – alles echte Hertha-Fans, die in Shibumis Falle getappt waren.

Im Rahmen seiner Tätigkeit entwarf das Unternehmen Flyer, die es an die authentischen Mitglieder der Telegram-Gruppe lieferte. Sie druckten die Flyer in tausendfacher Auflage und nutzten sie, um die Stimmberechtigten in der Hertha-Mitgliederversammlung zu beeinflussen und zu überzeugen. Shimobi entwarf auch ein Bannerbild für die Social-Media-Profile der Aktion GEGENBAUER RAUS und lieferte es an die wichtigsten Akteure, die es in ihre Profile hochgeladen haben. Die Fans machten auch Fotos bei verschiedenen Veranstaltungen mit Aufklebern und Werbematerialien, die vom Unternehmen erstellt wurden. „Die Mitglieder der Telegram-Gruppe haben alle Vorschläge der Influencer umgesetzt“, behauptet Shibumi. Der Grund für den Erfolg des Programms waren über Monate aufgebaute persönliche Beziehungen. Im Verborgenen stärkten die Fake-Kontakte Sebastian S.‘ Vertrauen in die Kampagne gegen das Hauptziel, indem sie seiner negativen Meinung über das Hauptziel zustimmten. Das Unternehmen infiltrierte S.‘ Kampagne, trieben seine Idee voran, in der Hoffnung, dass die Gründung der GEGENBAUER RAUS-Bewegung, deren Anführer Sebastian S. war, zum Erfolg führen würde. „Das Unternehmen konnte Sebastian S. hinter den Kulissen beeinflussen. Sebastian S. unterstützte jede Idee, jeden Artikel und jedes Produkt, die ihnen das Unternehmen zur Verfügung stellte, er teilte alles in den sozialen Medien und überzeugte die Hertha-Community, in Sinne des Unternehmens aktiv zu werden“. Die Konten der Fake-Kontakte des Unternehmens erhielten sogar Anfragen von Journalisten, die darum baten, die „Fans“ zu interviewen, und einer von ihnen gab den Journalisten sogar Informationen über den weiteren Verlauf der Aktionen. So fand auch die Kampagne von GEGENBAUER RAUS große Beachtung in den Medien, etwa in Artikeln in der Sportbild, Berliner Zeitung, bz-berlin und weiteren.

Dazu braucht man keine Agenten

Dieser Tätigkeitsbericht der Detektei Shibumi muss jedem Hertha-Fan die Zornesröte ins Gesicht treiben. Dass der 374 Millionen schwere Investor Windhorst zu solchen Handlungen fähig sein könnte, nur um seinen Gegenspieler Gegenbauer loszuwerden, das hatte zuvor wohl niemand von ihnen auf dem Schirm. Erfolgreich war er damit jedenfalls nicht, denn in dem oben zitierten Tätigkeitsbericht der Detektei Shibumi ist vieles fragwürdig und vieles mag nicht recht zusammenpassen. Am auffälligsten ist dabei der Verweis auf die Zielperson Jürgen Trittin, die sich angeblich bei einem Kontakt einem Agenten gegenüber negativ über Gegenbauers Präsidentschaft geäußert haben soll. Der Berliner Kurier titelte dazu: Herthas Spionage-Krimi: Ließ Investor Windhorst sogar Gegenbauers Tochter und Politiker Jürgen Trittin aushorchen? Trittin hatte sich tatsächlich einmal sehr kritisch gegenüber Herthas Ex-Präsidenten Gegenbauer geäußert, und zwar recht genau mit den Worten die von der Detektei Shibumi in ihrem Bericht dokumentiert wurden. Das Ganze hat aber einen Haken, denn die Worte in den Trittin zugeschriebenen Zitaten fielen schon vor ziemlich genau 10 Jahren und in einem gänzlich anderen Zusammenhang. Der Werder-Bremen-Anhänger Trittin hatte es damals für unverantwortlich gehalten, das Bremer Traineridol Otto Rehhagel bei Hertha im fortgeschrittenen Alter nochmals auf die Trainerbank zu setzen. Trittin sagte damals laut Meldung in der BZ wörtlich: „Ich hätte meinem lieben Otto eigentlich gewünscht, dass er sich das auf seine alten Tage nicht mehr antut, eine Mannschaft zu betreuen, die in ihrem Management derart suizidal veranlagt ist wie Hertha BSC. Der Fisch stinkt immer zuerst am Kopf, wie man bei uns im Norden sagt.“ Werner Gegenbauers Replik darauf war damals nicht weniger pointiert. Er empfahl Trittin im Gegenzug einfach mal „die Fresse zu halten“, bei Dingen, von denen er keine Ahnung habe. Sollte man Trittin deshalb als Zielperson tatsächlich „undercover“ kontaktiert haben, war der Agent wohl ein Versager.

Es ist kaum vorstellbar, dass Trittin einem Shibumi-Mitarbeiter gegenüber in einem erst jüngst stattgefundenen Gespräch die Kritik an Gegenbauer in gleichen Wortlaut wiederholt hat. Es ist weitaus wahrscheinlicher, dass diese zehn Jahre alten Zitate ganz ohne jeden Kontakt zu dem prominenten Politiker per einfacher Internetrecherche versehentlich oder auch in Unkenntnis der Umstände Eingang in den Tätigkeitsbericht gefunden haben. Erfahrene Agenten waren da wohl kaum am Werk. Ähnlich verhält es sich bei den angeblich spionagetechnisch über den direkten Kontakt mit Gegenbauers Tochter S. erworbenen Informationen. Die dabei angeblich erhobenen, vollkommen unverfänglichen Informationen samt den genannten Schlussfolgerungen daraus, lassen sich allesamt in kürzester Zeit im Internet recherchieren. Auch dazu braucht man keine Agenten.

Ein weiteres Mysterium stellen die von der Detektei in ihrem Bericht als Belege für ihre Tätigkeit mitgelieferten Bilder und Screenshots dar. Dabei handelt es sich um Abbildungen, die sehr reduzierte, an den „Stürmer-Stil“ der Nazis erinnernde Karikaturen beinhalten, die Werner Gegenbauer in unterschiedlichster Art diffamierend darstellen. Die angeblich in allen sozialen Medien virulent verteilten Gegenbauer-Karikaturen tauchen bei keiner Bildersuche mit Google und anderen Suchprogrammen in einem anderen Zusammenhang auf als in dem zurzeit aktuellen, in dem die Medien gerade über den mutmaßlichen Spionage-Skandal berichten. Wären diese so vielfach geteilt und kommentiert worden wie behauptet, müsste man sie als Duplikate irgendwo in den Tiefen des Internets finden. Und das gilt nicht nur für die Karikaturen, sondern auch für die im Bericht als Beweise gelieferten Bilder von Merchandising-Artikeln zu den Kampagnen gegen Gegenbauer. Weder das dort zu sehende T-Shirt noch der dort zu sehende Flyer erzielen bei der Bildsuche auch nur einen Treffer. Sehr viele kann es davon nicht gegeben haben.

Und die angeblich von Shibumi aufgebaute Webseite „sportfreax“, mit den angeblich 67 von Shibumi lancierten Artikeln zu Hertha und Gegenbauer, gibt es auch nicht so, wie im Bericht beschrieben. Auch in unterschiedlichsten Schreibvarianten und Domain-Endungen nicht. Es gibt jedoch tatsächlich eine Seite namens sportfreax.com, die sich neben dem Fußball bei Hertha und Union auch mit der allgemeinen Sportszene Berlins sehr intensiv zu beschäftigen scheint. Auch die Gesamtanzahl der Blogartikel passt gut ins Bild. Sie kommt mit fehlendem Impressum und ohne namentliche Nennung des Blogautoren durchaus agentenmäßig geheim daher. Sie zeigt den angeblichen Autoren nur im Bild: einen wandernden jungen Mann, mutmaßlich irgendwo in den Anden. Könnte jeder sein. Passt alles. Nur, dass in dem gesamten Blog neben Berichten über Leichtathletik und andere Sportarten, nur ein einziger kümmerlicher Artikel zu finden ist, der sich kritisch, und das noch eher moderat, mit der Präsidentschaft Gegenbauers auseinandersetzt. Sollten Agenten einen solchen Aufwand betreiben, sich detailliert auch mit dem Berlin-Marathon und Union Berlin herumplagen, nur um einen einzigen kritischen Artikel über das Hauptziel, also den zu beseitigenden Präsidenten, zu lancieren? Wohl kaum. Und wer sollte sich als Hertha-Fan ausgerechnet auf diesem Blog tummeln?

Entweder war die Kampagne ein vollkommener Flop oder diese Kampagne hat schlicht und einfach nie so wie im Bericht beschrieben existiert. Und dass man die im Tätigkeitsbericht namentlich genannten Multiplikatoren allesamt ohne deren Wissen subversiv soweit gebracht haben will, die Kampagne der Detektei in jeder Phase wie geplant umzusetzen, auch das ist höchst unwahrscheinlich. Dann müssten die Zielpersonen ja komplette Vollpfosten gewesen sein. Es wäre interessant zu erfahren, wie diese Personen zu dieser angeblichen Lenkung und Vereinnahmung ihrer Aktivitäten durch israelische Agenten und Fake-Accounts stehen. Sie werden das vermutlich ganz anders sehen. Das, was diese realen Personen an Aktivitäten gegen Gegenbauer unternommen haben, ist immerhin in den sozialen Medien weitgehend noch dokumentiert. Besonders beeindruckend ist das Ganze nicht. Und selbst die damit zusammenhängenden Petitionen waren unter dem Strich bis zur freiwilligen Demission Gegenbauers alles andere als ein großer Erfolg bei den Bemühungen, ihn zu diskreditieren.

Fazit

Was nun tatsächlich passiert und was nicht, das wird die Öffentlichkeit niemals erfahren. Da bleiben nur Spekulationen. Kläger und Beklagte haben sich mit dem Rückzug der Klage offensichtlich irgendwie und auf jeden Fall mit Zahlungen verbunden geeinigt. Sie sind sich sogar so einig geworden, dass der CEO von Shibumi sich nicht einmal mehr daran erinnern kann, dass es die allem zugrunde liegende Klageschrift jemals gegeben hat. Genauso wenig wie diese Kampagne? Vielleicht existierte die ja nur in der Klageschrift und die Agenten haben einem scheinbar reichen Geschäftspartner nur sehr geschickt und völlig ohne nennenswerte Gegenleistung einmal ganz tief in die Tasche gegriffen. Ob so oder so:  Lars Windhorst ist nun als Investor im deutschen Fußball für alle Zeiten verbrannt. Das ist gut so und die einzige als positiv zu betrachtende Schlussfolgerung aus dieser wohl dümmsten und erfolglosesten Schmutzkampagne aller Zeiten.