La Famiglia

Seriensiegen macht unsympathisch. In diese Gefahr kommen die Blauen selten. Der Vizemeister von 1908 spielt chronisch unter seinen Möglichkeiten. Mittlerweile in Liga 5. Der Kickers-Gruß lautet: „Auf die Blaue!“ Wann es mit der Kickers-Familie wieder aufwärts geht, ist indes noch ungeklärt.

Niemand wollte eine große Sache daraus machen. Aber ein Eigentor aus 45 Metern, angeordnet vom eigenen Trainer – das geht viral. Zuvor erzielten die Kickers selbst ein Tor. Offiziell regulär, aber moralisch fragwürdig. Es ging ein Einwurf voraus, den die Blauen zackig ausführten, obwohl ihn die Nöttinger absichtlich ins Aus gespielt hatten, um eine Behandlung zu ermöglichen. Schon an Samstagabend lief die Fairplay-Aktion des Jahres als Clip über alle digitalen Kanäle. Als das Eigentor in Arnd Zeiglers Sendung auftauchte, bekamen sämtliche Romantiker Deutschlands Wasser in die Augen. Wegen anrührendem Fairplay und der Erinnerung an einer legendären Verein, der vor Jahren aus dem Blickfeld nach unten verschwand. Wer spielte da alles? Buchwald, Klinsmann, Allgöwer, Olaidotter, Kurtenbach, Moutas. Viele große Namen – aber auch Legenden aus dem überweigend mittelmäßigen Bereich des Fußballschaffens. Noch unauffälliger als mittelmäßig verhielt sich bei den Kickers ein gewisser Thomas Tuchel. Der trainiert inzwischen den reichsten Klub der Welt. Die Kickers dagegen … lassen wir das. Der Vergleich ist zu billig.

1950 stiegen die Blauen aus der Oberliga ab. In der selben Spielzeit holten die Roten (Kosename: die Lampen) zum ersten Mal die Schale. Seither kicken die Lampen oberhalb von Degerloch. Und die Kickers ständig eine Liga zu tief. Nur zweimal Bundesliga, sonst eine klassische Zweitliga-Macht. Später verschwand der ewige Zweitligist in der Regionalliga. Und noch später als gefühlter Drittligist in der vierten Liga. Heute steht „Oberliga Baden-Württemberg“ über dem Spielplan. Das objektive Selbstverständnis der Blauen steht dementsprechend auf Liga 4, wenn nicht höher. Der tiefblaue Stadt-Poet Joe Bauer spendet Trost: „Die Klassenzugehörigkeit beim Fußball ist ja lange nicht so wichtig ist wie im politischen Leben.“

Die Substanz: Blaues Blut

Aktuell beschäftigt der Verein vier Hauptamtliche. Einer ist neu: Geschäftsführer Matthias Becher, Typ Entwickler. Der 33-Jährige war Bundesnachwuchstrainer im Hockey und drei Jahre in der Jugend-Akademie der TSG Hoffenheim. Sein Vorteil: Als er im August die Stelle antrat, hatten seine Vorgänger bereits alles gestutzt, was zu stutzen war. Die Pandemie war bereits in der Welt. Becher kannte die finanzielle Situation, erkannte aber auch die Substanz, die das blaue Blut heute noch ausmacht. Das, was dicker als Wasser ist, verbindet die Kickers-Familie. La Famiglia! Vielleicht ist ja am großen Pathos sogar was dran.

Manche Mäzene griffen nochmal in die Tasche. Wie das heute funktioniert, kann man nur ahnen. Wie es früher funktionierte, ist überliefert. In seligen Zweitligazeiten saß die finanzielle Seele des Vereins stets in Schorlerunden zusammen. Wenn Not am Verein war, erwähnte Präsidentenlegende Axel Dünnwald-Metzler, was er zu tun gedenke. Von den gut betuchten Herren aus der Runde konnte dann keiner aufstehen, ohne eine ähnliche Summe zu versprechen.

Matthias Becher hört die Geschichten von früher gerne. Doch er betont, dass sie mit der Gegenwart nichts zu tun haben. Dem Eigentor gegen Nöttingen kann er mehr abgewinnen: „Sowas macht die Kickers aus.“ Becher will sportliche Werte mit gesellschaftlichen verbinden. Er spricht von den drei Es: Ergebnis, Entwicklung und Emotion. „Die Kickers sind für die Wirtschaft attraktiv“, davon ist Becher überzeugt. Die Sponsorenliste bestätigt ihn. Allerdings darf der Übergang von Sponsor zu Mäzen als fließend betrachtet werden. Gerüchten zufolge klebt an jedem Stuhl im Aufsichtsrat ein stolzes Preisschild. Beim blauen Adel ist Großzügigkeit ein ungeschriebenes Gesetz.

Die Gegenwart: Auf dem Boden der Tatsachen

Im Sommer ist Unternehmensberater Christian Dinkelacker als Aufsichtsratsvorsitzender ausgeschieden. Den glücklosen Dinkelacker konnte man stets von weitem erkennen. Als Einziger verstand er es souverän, jede blaue Herzlichkeit komplett zu verbergen. Freunde der Blauen erzählen, dass sein alltäglicher Gesichtsausdruck drei potentielle Gönner auf einmal in die Flucht schlagen konnte. In Dinkelackers Amtszeit fällt ein hoch umstrittener Investorendeal mit der Quattrex Sports AG des späteren Lampen-Präsidenten Wolfgang Dietrich. Wer es gut mit dem Blauen meint, verweist in diesem Zusammenhang auf die erfolgreichen Spielzeiten in Liga 3. Wer nicht, erzählt von Stühlerücken, Kompetenzgerangel und anderen Turbulenzen in der Kickers-Familie. Gefolgt von einem eindrucksvollen Absturz. Inzwischen ist der Name Quattrex aus den Kassenbüchern verschwunden.

Auf Dinkelacker folgt Alexander Lehmann. Der Minol-Chef gilt als guter Netzwerker. Verheiratet ist er mit der Tochter von Wolfgang Porsche. Zwei weitere Schwergewichte aus dem Porsche-Umfeld sitzen im Aufsichtsrat. Der Hauptsponsor MHP (A Porsche Company) bleibt treu. Andere haben im Frühjahr demonstrativ verlängert. Unter anderem der Namenssponsor des Stadions, bei dem der Kickers-Präsident im Aufsichtsrat sitzt. La Famiglia funktioniert eben besser als Quattrex. Ein Großteil der Werbeverträge von rund 1,5 Mio. Euro pro Jahr gelten bis auf Weiteres als gesichert. Das ist dringend notwendig. Die Kickers waren Zuschauerkrösus in der Oberliga. Die Beschränkungen haben in der letzten Saison einen sechsstelligen Betrag gekostet. Trotzdem steht unter Strich eine schwarze Zahl. Gerade so. Kurzarbeitergeld, entfallene Prämienzahlungen, städtische Unterstützung und ein virtuelles Geisterspiel als Rettungsaktion haben das Plus unterm Strich knapp über den letzten Bilanzzeitraum gerettet. Geschäftsführer Matthias Becher bestätigt, dass der Verein eine weitere Saison in der fünften Liga verkraften könnte. Notfalls!

Aktuell wird jeder Cent, der im Frühjahr umgedreht wurde, nochmals umgedreht. Mit schwäbischem Klischee hat es nichts zu tun. Investitionen sind aufgeschoben. Ebenso die Instandhaltung. Das Flutlicht auf den Trainingsanlagen trübt schon seit Jahren ein. Neue LED-Strahler statt der alten Energiefresser wären das Mindeste. Aber der Etat gibt nichts her. Ein Crowdfunding wurde gestartet, um Licht ins Dunkel zu bringen. Auf der Online-Mitgliederversammlung betont Präsident Dr. Rainer Lorz: „Wir dürfen uns nicht täuschen lassen, die wahren Herausforderungen kommen in der laufenden Saison. Ewig

Die Zukunft: im Nachwuchsleistungszentrum

Dass die Kickers zur Bodenständigkeit zurückgekehrt sind, dafür steht Matthias Becher. Er will sich nicht nur an der Klassenzugehörigkeit messen lassen. Die Entwicklung stehe im Vordergrund. Das Thema seines Sportmanagement-Masters: Wissensmanagement unter Trainern. Sein Thema bei den Kickers: die Jugend. Der Verein verfügt über ein Nachwuchsleistungszentrum, das vom DFB als solches anerkannt wurde. Weil die U17 in der Bundesliga spielt, sind die Verbandszuschüsse sogar als Fünftligist gesichert. Rund 400.000 Euro kostet das NLZ pro Jahr. Für die Talente, die nicht zu den Mega-Senkrechtstartern gehören, sind die Blauen eine ideale Adresse. Der Druck auf dem Kessel ist etwas niedriger dosiert, wenn man es mit VfB und TSG vergleicht. Für die Entwicklung kann das ein Vorteil sein, weiß Becker. Auch die räumliche Nähe zur ersten Mannschaft und ein machbarer Übergang dorthin spricht fürs blaue NLZ. Tatsächlich sind die Jugendteams erfolgreich. U17 spielt Bundesliga, Südgruppe. Auch die U19 befindet sich vor der plötzlichen Saisonpause auf bestem Weg dorthin. Sponsoren und Fans gefällt das. Gute, alte Kickers-Tradition.

Die letzten Spielzeiten: Zweiter

Den Aufstieg am nötigsten hat freilich die erste Mannschaft. Aber jedes Mal kommt etwas dazwischen. Erst schnappt die renommierte Fußballmacht aus Bahlingen am Kaiserstuhl den direkten Aufstiegsplatz weg. Dann reicht in der Relegation gegen Alzenau schon ein Unentschieden, um nicht aufzusteigen. In der letzten Spielzeit liegt die zweite Mannschaft der Lampen vor den Blauen. Statt Aufholjagd kommt dann Corona. Auch zur aktuellen Spieltagspause ist der SVK wieder Zweiter. Immer einen zu tief. Vorne liegt die SGV Freiberg/Neckar.

So unterdurchschnittlich der Kassenstand, so überdurchschnittlich die Strukturen, wenn man sie mit anderen Oberligisten vergleicht. Das wurde im Laufe der aktuellen Corona-Unterbrechung sogar amtlich bestätigt. Während die Konkurrenz den Trainingsbetrieb gezwungenermaßen einstellen musste, dürfen Profi-Mannschaften laut Stuttgarter Verordnung im November weiter trainieren, wenn sie sich an die Hygienevorschriften halten. Das gilt für die Lampen, aber auch für die Kickers. Die versteckte Botschaft: Die Kickers machen viel zu wenig aus ihrenRahmenbedingungen. Stadt und Region würden eine ehrliche Alternative zum abgehobenen Cannstatter Fußball-Business vertragen.

Enges Stadion. Ehrliche Jungs. Knackige Wurst. Es ist angerichtet. Vor Corona erschienen im Schnitt rund 2.500 Besucher zum Heimspiel. Kein Oberligaclub in Deutschland hat mehr Zuschauer. Mehr Potential geht kaum. Auf die Blaue – am besten schnell. Aber immer schön fair bleiben! Darum verzichten die Kickers trotz Erlaubnis auf Teamtraining. Der SVV Reutlingen, CfR Pforzheim und die anderen Oberligisten hatten das von ihren Gesundheitsämter verboten bekommen. Also hörten auch die Blauen wieder damit auf, übrigens gemeinsam mit Tabellenführer SGV Freiberg. Die Aktion sollte eigentlich als Fairplay-Geste des Jahres ausgezeichnet werden. Aber Preis wurde erst kürzlich vergeben. Für ein Eigentor.

tl_files/propheten_dark/stories/20_12_Blog im Dezember/Zeitspiel Grossstadt.JPGDer Text wurde entnommen aus dem Zeitspiel Magazin, Ausgabe #21. Das Heft erscheint vierteljährlich und kann uneingeschränkt zum Abo empfohlen werden. Natürlich auch deshalb, weil es unter Mitwirkung der prophetischen Bulletinschreiber entsteht. Die nächste Ausgabe erscheint im Laufe des Monats. Schwerpunktthema: Fußball und Europa.

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