Wer stehen bleibt, kommt nicht voran

Ob in Stuttgart oder bei der Hertha und dem HSV: Warum zwischen Anspruch und Wirklichkeit oft gleich mehrere Tabellenplätze liegen… 

Der Abstiegskampf in der Ersten und das Rennen um den Aufstieg in der Zweiten Bundeliga versprechen auch in dieser Saison mal wieder weitaus spannender zu werden als die überflüssige Frage, ob der FC Bayern tatsächlich abermals Deutscher Meister wird. Die Boulevardsportpresse versucht seit Wochen verzweifelt etwas Spannung in den Kampf um die Meisterschaft in der Bundesliga hineinzudichten, was jedoch kaum gelingt. Da kam der letztendlich souveräne Sieg der elf bis zwölf Bayern gegen tapfere Freiburger gerade recht. Falls die Freiburger Einspruch gegen den Münchener Wechselfehler einlegten, sei ja durch eine Niederlage der Bayern am grünen Tisch für die Konkurrenten wieder alles drin. Als ob die aussichtsreichsten Bayernjäger aus Dortmund sich nicht am selben Tag eine Klatsche gegen die Leipziger Brausenkicker eingefangen hätten und als ob jemals ein Schiedsgericht des DFB wegen so einer Lappalie den Stab über das „Aushängeschild des deutschen Fußballs“ brechen würde. Viel Wind um nichts. In der Regel verstehen es die Verantwortlichen beim Sportclub bestens ihre Ansprüche an der Realität auszurichten und sie täten gut daran, wenn sie es einfach ablehnten, mit einem wenig Erfolg versprechenden Einspruch in diesem Bayerntheater mitzuspielen. 

Anderen Mannschaften sei dagegen das Mitspielen dringend angeraten, vor allem, wenn es um Punkte gegen den Abstieg aus der Ersten geht oder um Punkte um den Aufstieg in der Zweiten. Beginnen wir mit der Hertha aus Berlin. Die Süddeutsche überschrieb die 1zu2-Niederlage des Big-City-Clubs gegen Leverkusen mit feinster Wortspielhöllenlyrik und nannte Trainer Felix Magath darin den „Häuptling der Apathischen“. Und mit „apathisch“ war das müde Gekicke der Berliner Zigmillionentruppe zumindest in der ersten Halbzeit auch sehr treffend beschrieben. Ein trister Anblick, vor allem aus der Herthafroschperspektive. Der Hauptstadtclub büßt auf einem Abstiegsplatz stehend nun selbst den letzten Rest von Glanz und Glamour ein. Dem sonst nie um Ausreden verlegenen Fredi Bobic fehlten danach die passenden Worte und Magath fand das alles gar nicht so schlimm. Teil seines Plans. Herthas Großinvestor Windhorst sieht das vermutlich ganz anders. Er bangt weiter um sein Investment, das im Abstiegsfall noch mehr an Wert verliert. Am liebsten würde er seine Anteile an Hertha vermutlich verkaufen. Doch wer soll ihm die nach seinen Erfahrungen mit dem Verein denn noch zu einer nennenswerten Summe abnehmen? Den Fans ist das vollkommen Wumpe. Die meisten hielten den ganzen Hype um den Big-City-Club vermutlich sowieso für vollkommen übertrieben. Viele Jahre in der Versenkung der zweiten Liga haben sie resistent gegen allzu vollmundige Versprechen gemacht.

Bei der Hertha hatten die Macher und Investoren Ansprüche, die der Realität nicht im Geringsten entsprachen. Es fehlt an der für den angestrebten Erfolg notwendigen Qualität und zwar auf allen Ebenen. Das erhöht im Fall des Niedergangs die Fallhöhe beträchtlich. Beim VfB Stuttgart ist es ganz ähnlich, nur dass dort die Ansprüche der Vereinsführung bestens zum realen Tabellenplatz passen. Laut Sportdirektor Sven Mislintat sei selbst ein Abstieg in die Zweite Liga mit dieser jungen Mannschaft keine Schande und in ihre Entwicklung mit einkalkuliert. In Stuttgart sind es die Ansprüche vieler Fans, die mit der Realität wenig gemein haben. Sie sehen in ihrer Mannschaft ein Potenzial, das sie nicht annähernd besitzt. Ein Abstieg käme für viele Fans einer Katastrophe gleich, obschon sie bei genauerer Betrachtung der Leistungsparameter ihrer Mannschaft doch wissen sollten, dass der knappe Klassenerhalt in diesem Jahr das allerhöchste der Glücksgefühle sein dürfte. 

Gegenüber manchen anderen Vereinen ist jedoch beim VfB sowie auch bei der Arminia und bei Augsburg zurzeit so etwas wie eine Entwicklung zum Positiven auszumachen. Sie agieren im Abstiegskampf mit all ihren limitierten Mitteln, während Vereine wie Hertha, Wolfsburg und auch Gladbach nur zu reagieren scheinen, stillstehend verharren und gar nicht merken, wie sie sich trotzdem dem Abstiegskampf unentrinnbar wie einem Schwarzen Loch nähern. Zwischen der Hertha auf dem vorletzten Platz und den Gladbachern auf Platz 12 liegen gerade einmal acht Punkte. Ein viel zu dünnes Polster, um sich bei 18 noch zu vergebenden Punkten bereits sicher vor dem Abstieg zu wähnen. Wer stehenbleibt, kommt nicht voran und wird eben oft auch von anderen überholt. Das Vertrauen in die nominelle Stärke und die vergangenen, erfolgreicheren Zeiten verschleiert den Blick auf die Realität. Wenn sich, durch welche Maßnahmen auch immer, keine Entwicklung zum Positiven herbeiführen lässt, herrscht weiterhin Stillstand. Ob Felix Magath bei Hertha dazu in der Lage ist, den zu beheben, das wird sich sehr bald zeigen. Und auch andere Trainer müssen sich in dieser Hinsicht erst noch beweisen.

Beim Aufstiegskampf in der Zweiten Liga gelten ganz ähnliche Spielregeln. Der Verein, der dort mit den höchsten Ansprüchen und finanziellen Aufwendungen den Kampf aufgenommen hat, darf nun bereits als gescheitert gelten. Der HSV verliert Spieltag um Spieltag an Boden, da die Mannschaft ständig die gleichen Fehler wiederholt. Der hochrisikoreiche Angriffsfußball beschert dem HSV zwar beeindruckende Ballbesitzwerte und Eckballstatistiken, doch die dazu enorm hoch im Feld stehende Abwehr wird dabei regelmäßig viel zu einfach überlistet. Der HSV-Trainer Tim Walter, der einst bereits beim VfB Stuttgart mit dieser Hurra-Fußballtaktik scheiterte, zeigt sich dahingehend Spiel für Spiel als beratungsresistent. Er sprach dem HSV hinterher immer wieder eine positive Entwicklung zu, die nicht der Realität entsprach. Seine hochtalentierte Mannschaft wiederholt immer wieder die gleichen Fehler in der Defensivarbeit, eigentlich Tim Walters Fehler, da es sich in der Liga herumgesprochen hat, wie leicht dieser HSV und Tim Walters Spielsystem aus einer gesicherten Abwehr heraus zu toppen ist. Wer zu lange sorglos stehenbleibt, der verliert. Shit happens!

Das hat auch das Finish der diesjährigen Flandern-Rundfahrt im Radsport am Sonntag bewiesen. Dieser sehr unterhaltsame Radrennklassiker in Belgien fand ein nahezu kurioses Ende und in dem Holländer Matthieu van der Poel einen würdigen Sieger. Er allein schaffte es, sich vom allmächtig auftrumpfenden Favoriten aus Slowenien, Tadey Podacar, nicht abhängen zu lassen, bis die zwei etwa einen Kilometer vor Schluss ihr Tempo fast bis zum Stillstand drosselten, um ein bei Radrennfahrern beliebtes Spielchen vor dem Zielsprint zu spielen. Wer zuerst zuckt und den Sprint anzieht, der verliert. Meistens. Doch bevor sie sich diesem finalen Duell überhaupt stellen konnten, wurden sie überraschend von der in voller Fahrt anrauschenden Verfolgergruppe gestellt. Der Sprintexperte van der Poel rettete sich mit Mühe und Not trotzdem noch als Sieger ins Ziel. Der große Favorit Pogacar hatte sich jedoch verzockt und wurde nur Vierter. „Shit happens“, nicht nur im Fußball.

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