Das philippinische Fußballwunder

Nächstes Jahr findet in Down Under die Frauenweltmeisterschaft statt und die Philippinen sind dabei. Eine der schönsten Erfolgsgeschichten, die der Fußball gerade zu bieten hat…

Die Philippinen sind in der Historie des weltweiten Fußballs so etwas wie eine Terra incognita. Fußball ist in dem über 7000 Inseln umfassenden Archipel in etwa so populär, wie bei uns zum Beispiel Biathlon oder der Faustballsport. Das hat viel mit der jahrhundertelangen, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauernden, kolonialen Fremdherrschaft zu tun. Auf die spanischen „Entdecker“ und Eroberer folgten Ende des 19. Jahrhunderts die US-Amerikaner, die über fast 50 Jahre, bis zur Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1946, das Sagen hatten. Und genau diese Zeit erklärt das Diaspora-Dasein des Fußballs in den Philippinen. Obschon der Fußball auf einigen der bevölkerungsreichsten Inseln und insbesondere in der Metropolregion Manila um 1900 bereits durchaus populär war und das kurz darauf sogar zur Gründung eines Fußballverbandes führte, übernahm die Bevölkerung schnell den American Way of Sport und der Fußball war in kürzester Zeit zur Randsportart geworden. Basketball, Boxen, Billard und Badminton dominieren deshalb bis heute das Sportgeschehen, da ist nicht viel Platz für Sportarten, die nicht mit B anfangen. 

Neben so weltberühmten Athleten wie dem Boxer Manny Pacquiao und den Basketballstars in der philippinischen Liga, in der sich Vereine mit Namen wie etwa „Alaska Aces“, „Burger King Batang“ und „Coca Cola Tigers“ tummeln, fällt der Fußball kaum auf und schon gar nicht ins Gewicht. Das gilt potenziert auch für den philippinischen Frauenfußball, obwohl die Emanzipation der Frauen dort als durchaus fortgeschritten betrachtet werden kann. Eine Frau als Präsidentin ist dort nichts Ungewöhnliches. Seit der Etablierung der Demokratie 1986 schafften es Frauen gleich zweimal in dieses Amt. Und auch der durchaus verbreitete philippinische Machismo spanischer Prägung, den keiner besser zu verkörpern vermag als der ehemalige Boxweltmeister Pacquiao, hat in vielen Lebensbereichen dem weiblichen Pragmatismus oft nichts entgegenzusetzen. Ist ja vielerorts so. Die Männer reden viel und die Frauen machen es einfach. 

Das haben auch die philippinischen Fußballerinnen am 30. Januar 2022 eindrucksvoll belegt. An dem Tag fand beim Women‘s Asian Cup in Indien das Viertelfinale statt und die Philippinas schlugen Taiwans Elf im Elfmeterschießen. Die in Kalifornien geborene und zurzeit in der japanischen Liga spielende Stürmerin Sarina Bolden schoss den entscheidenden letzten Elfmeter zum 3-4 in die Maschen und sicherte damit den Einzug ins Halbfinale des Asian Cups. Und da dieser Sieg gleichzeitig die Teilnahme an der Frauenweltmeisterschaft 2023 garantierte, war die Freude hinterher grenzenlos. Die vier Nationen in den Halbfinals qualifizierten sich nämlich automatisch für das WM-Turnier. Nach einem sehr knappen Scheitern 2018 hatte es nun endlich geklappt. Die erstmals von 20 auf 32 Länder aufgestockte Teilnehmeranzahl bei der kommenden WM hatte dieses kleine Fußballwunder nicht erst möglich gemacht, jedoch deutlich wahrscheinlicher. 

Es ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die philippinische Fußballnationalmannschaft der Männer, die einen weitaus höheren Stellenwert im Land besitzt, sich seit 1956 trotz namhafter Trainer wie Thomas Dooley oder Sven-Göran Eriksson bisher nur ein einziges Mal für die Asienmeisterschaft qualifizieren konnte und noch niemals auch nur den Hauch einer Chance auf die Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft hatte. Vielleicht hat es mit dem Spitznamen des Männerteams zu tun, ohne den in Asien keine Fußballmannschaft aufläuft. Sie nennen sich die „Azkals“ was übersetzt so etwas wie „Straßenköter“ bedeutet. Da ist das Außenseiterdasein eben im Namen bereits festgeschrieben. 

Den philippinischen Fußballerinnen ist durchaus bewusst, dass auch sie bei der WM über eine Außenseiterrolle kaum hinauskommen werden. Sie wollen nächstes Jahr trotzdem ihr Bestes geben und sind überaus stolz, es überhaupt bis zur WM geschafft zu haben, wusste Alen Stajcic kürzlich gegenüber dem Guardian zu berichten. Der australische Trainer der Nationalelf ist seit letztem Oktober im Amt und verfügt über reichlich Berufserfahrung im Frauenfußball. Dazu sei er überzeugt davon, dass dieser Erfolg dem Fußballsport insgesamt und der Begeisterung für den Frauenfußball in den Philippinen einen großen Schub verleihen wird. Die Spiele seines Teams während des Asian Cups hätten Rekordeinschaltquoten verzeichnet, da die die große Anzahl der im Ausland lebenden Menschen philippinischer Abstammung weltweit mitfieberten. 

Auch eine kleine Anekdote am Rande illustriert die Dimension dieser sportlichen Sensation. Angesichts der jüngsten Erfolge und dem baldigen erstmaligen Auftritt auf internationaler Bühne sah der philippinische Fußballverband nämlich im Spitznamen der Frauennationalelf plötzlich ein Problem. Bereits seit geraumer Zeit nennen sich die Fußballerinen „Malditas“. Das aus dem Spanischen entlehnte Wort Maldita bedeute in der im Land am weitesten verbreiteten Sprache Tagalog soviel wie „kämpferisch und selbstbewusst auftretend“ als Gegenteil von „eingeschüchtert“ erklärte der Team-Manager der Malditas, Jeff Cheng, auf Nachfrage des philippinischen Online-Portals GMA News. Doch kürzlich sei den Verbandsfunktionären offenbar bewusst geworden, dass das Wort „Maldita“ in Spanisch und Portugiesisch heute eine vollkommen andere, weniger positiv besetzte Bedeutung besitze. Nämlich synonym zu etwa „Schlampe“ oder „Bitch“ gebraucht werde und gern auch als Fluch, im Sinne von „Fahr zur Hölle“ oder einfach „Fuck!“. Das sei der Grund gewesen, warum man vor kurzem den Spitznamen in „Filipinas“ abgeändert habe. Man wolle hier Missverständnissen vorbeugen und die Fußballerinnen schützen. Wie dem auch sei, das Problem schmälert die sensationelle Leistung der Malditas kein fucking bisschen.

Foto: PFC