Der Fußabdruck der Liga

Klimaschutz wird klein geschrieben. Im Fußball und anderswo. Wenn der DFB Kampagnen bastelt und die DFL Mini-Stufen verkündet, ist Misstrauen höchst angebracht.

Nur weil gerade die Welt untergeht, sollten wir uns das Lachen nicht verbieten lassen. Nur weil wir mit rasender Geschwindigkeit auf fatale Kipppunkte des Klimas zusteuern, sollten niemand drauf verzichten, mit dem Privatjet von Paris nach Nantes zu fliegen. Man muss Kylian Mpappé und PSG-Trainer Christophe Galtier dankbar sein. Die auf der PSG-Pressekonferenz zur Schau gestellte Arroganz erinnert uns seither täglich daran, dass weder überbezahlte Profis, noch die Championsleague oder gar Katar im unsere Welt zu einem besseren Planeten machen. Was war passiert: Auf die Frage, ob man eventuell zugunsten des Klimas mit dem TGV nach Nantes fahren könnte, schlug Galtier vor, man sollte prüfen, ob man auch einen Strandsegler nehmen können. Spitzenwitz. Kylian Mpappé lachte sich pflichtschuldigst kaputt.

Excuse moi.

Galtier wollte sich später entschuldigen. Doch im Namen des globalen Klimas müssen wir feststellen: Seine Entschuldigung ist wertlos. Genau in diesem Moment steht Pakistan unter Wasser, mit rund einem Drittel seiner Fläche. Darüber mag das PSG-Team hinweg fliegen. Alle Anderen stehen knietief im Schlamm. Ihnen hilft nur noch Dekarbonisierung. Konkrete Maßnahmen. Und zwar zackig.

Mini-Stufen statt Mindeststufen.

In Deutschland könnte die Sache natürlich besser sein. Tatsächlich marschieren einzelne Amateurclubs vorbildlich vorneweg. Doch die guten Ansätze werden von DFB und DFL wirksam verhunzt. Wenn sich der Verband kümmert, ist nur eines offensichtlich: Das Klima wird zusätzlich belastet, und zwar durch einen dichten Nebel der Selbstbeweihräucherung. Die DFL hat Mindeststandards für Klimaschutz definiert. Doch die Kriterien sind schwammig formiert. Und zwar so, dass sie bloß niemandem weh tun. Damit alle so weiter machen können wie bisher. Schließlich wird das üppig vorhandene Geld dringend an anderer Stelle gebraucht. Für teuere Transfers zum Beispiel. Was Nachhaltigkeit betrifft, hat die DFL ab März 2023 die Standards der Mini-Stufe 1 ausgerufen. Dazu stellt die Initiative Zukunft Profifußball fest: „Die Mindestkriterien 1 gehen kaum über deutsches Recht oder in der freien Wirtschaft längst etablierte Anforderungen hinaus.“

Im Wesentlichen geht es in Mini-Stufe 1 nur darum, dass die Clubs ihren CO2-Fußabdruck ermitteln. Sollte eigentlich selbstverständlich sein. Verringerung des Ausstoßes oder gar Klimaneutralität bleiben in weiter Ferne. Keine konkreten Klimaziele, keine Transparenz. Auch nicht in Mini-Stufe 2. Keiner der Klubs muss befürchten, dass veröffentlicht wird, in welcher Weise die Kriterien erfüllt werden. Das ist konsequent. Wo nichts veröffentlicht wird, ergeben verbindliche Klimaziele keinen Sinn. Wer über dem komplizierten Regelwerk und seinen verschleiernden Formulierungen brütet, erkennt: Bayern München kann auf Jahre hinaus sorglos und ohne jede Kompensation ins Trainingslager nach Katar fliegen. Das dortige Treffen mit dem PSG steht unter dem Motto: Die besten Klimawitze 2022.

Weit daneben statt nur vorbei.

Auch der DFB legt sich ins Zeug. Fürs Klima ist das kontraproduktiv. Wie üblich ist der Kampagnennebel des Verbandes dichter als jede Bengalo-Batterie. Im Frankfurter Wald übersieht man gerne, dass man zuerst selbst Gutes tun sollte, um dann Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu produzieren. Aber mit Glaubwürdigkeit hat’s der DFB nicht so. Statt den eigenen CO2-Fußabdruck nachweislich zu reduzieren, pinselte der Verband den ersten Pokalspieltag mit Klimastreifen an. Auch der Anpfiff wurde eine Minute nach hinten verlegt. Bei eingeschaltetem Flutlicht selbstverständlich, der schlimmen Schatten auf dem Fernsehbild wegen.

Währenddessen hat das Klima lauthals zurückgepfiffen – und entsprechende Transparente gezeigt. Fanszene Leverkusen: „1 Minute gegen Klimawandel? Viel Spass bei 90 Minuten Klimaanlage in Katar“. Fanszene Union Berlin: „Jedes Spiel von Dubai nach Katar im Flieger: Aber eine Minute fürs Klima. Scheiß DFB“. Fanszene Schalke: „DFB: Eurer einziges Nachhaltigkeitsziel ist mehr Kohle scheffeln“. Die Erinnerung der Fans sollte alle Ernst nehmen, Verbände, Clubs und Fans. Jeder muss was tun, und dabei am besten vor der eigenen Haustüre kehren. Und lassen wir die Kirche im Dorf: Dass die Welt untergeht, ist wirklich übertrieben. Im schlimmsten Fall könnte die Menschheit vor die Hunde gehen. Also bloß kein Aktionismus.

 

Die Kolumne erscheint im Zeitspiel Magazin #28, die sich im Schwerpunkt mit der Fußballstadt Berlin auseinandersetzt. www.zeitspiel-magazin.de

Wer das Thema CO2-Fußabdruck vertiefen mag, dem sei die Talkrunde zum Thema empfohlen, die von VfB-Fanprojekt und Hospitalhof gemeinsam veranstaltet wurde. Mit dabei: Ramona Steding (BVB-Fanaktivistin), Alexander Wehrle (Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG), Franz Reiner (Aufsichtsrat VfB Stuttgart) und Matthias Walter (Deutsche Umwelthilfe). Lohnenswerte Diskussion trotz prophetischer Moderation. Bald im youtube-Channel des VfB-Fanprojekts.