Der Fußball und das Vorurteil

Wie sich unser Blick auf den Fußball verändert, wenn wir gar nicht wissen, wer ihn zelebriert und was das mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit zu tun hat …

Die WM 2018 in Russland war eine sehr umstrittene Fußballweltmeisterschaft und von der Vergabe bis zum Endspiel mit vielen Skandalen verbunden. Von den nordkoreanischen Bauarbeitern, die in Rekordzeit bei übelsten Arbeitsbedingungen neue Stadien aus dem Boden stampften, über den Dopingskandal im russischen Team bis hin zu den gegen Manuel Neuer gerichteten, homophoben Sprechchören mexikanischer Fans. Großen Anlass zur Kritik boten auch die rassistischen Anfeindungen, denen sich die Spieler aus dem Senegal auf Schritt und Tritt ausgesetzt sahen. Und das erst recht, nachdem sie Polen gleich im ersten Spiel der Gruppenphase überlegen mit 2-1 besiegten. 

Auch der amerikanische Journalist Zito Madu aus Detroit hatte sich damals am Beispiel von Senegal mit dem Thema Rassismus bei der WM 2018 auseinandergesetzt. Madu hatte die Übertragung des Polen-Senegal-Spieles gesehen und konnte nicht glauben, was er sah. Oder besser gesagt was er hörte. In einem Artikel für das Sportmagazin SB-Nation machte er seinem Ärger Luft. Bereits bevor das Spiel überhaupt angefangen hatte, regte er sich über die Einschätzung des Co-Kommentators Slaven Bilic auf, der meinte, dass Senegal vermutlich chancenlos sei und sich ganz auf seine Schnelligkeit und Kraft verlassen müsse. Während des Spiels missfiel ihm dann der durchgängig mit rassistischen Narrativen gespickte Sprachstil des Kommentators, der für die Spieler Senegals nur die Begriffe Geschwindigkeit, Kraft, Physis, Grobmotorik, taktische Naivität, unorganisiert, Leichtsinnigkeit usw. im Repertoire gehabt habe. All das, was sie als Fußballspieler sprachlich ganz unverblümt auf ihre körperliche Physis reduziere, ohne dass sie dazu in der Lage seien, das Fußballspiel als solches überhaupt zu verstehen. So reaktiviere man das historische Zerrbild von Menschen mit schwarzer Hautfarbe als „senseless brute“, also sinngemäß nicht zum Denken befähigter Kreaturen, wie Madu es in seinem Artikel formulierte. 

Wer nun denkt, amerikanische Kommentatoren verstünden ohnehin nichts vom Fußball und die USA sei doch die internationale Hochburg der Rassisten, nehme bitte die einleitende Kommentarsequenz aus dem Live-Ticker des Sportmagazins Kicker zu diesem Spiel zur Kenntnis, die exakt die gleiche Sprachnote verwendet: „Der Senegal verfügt über eine Mannschaft mit enorm viel Tempo, Athletik und Physis. Star des Teams ist Offensivspieler Mané vom FC Liverpool, der viel Kreativität und Torgefahr einbringt. Doch trotz ihres Superstars sind die "Löwen von Teranga" nur schwer auszurechnen.“ Auch der scheinbar unbestechlich korrekte Sportkommentar eines hiesigen Fachblattes scheint es nicht besser zu machen. Der hochtalentierten Mannschaft des Senegals, den „Löwen von Teranga“, nur einen „kreativen Spieler mit Torgefahr“ inmitten vor ansonsten nur vor Kraft strotzender Kampfmaschinen zuzugestehen, spricht schon Bände. Und das etwa ein Spieler wie Antonio Rüdiger trotz überragender Leistungen von deutschen Sportkommentatoren regelmäßig noch das Etikett „Bruder Leichtfuß“ verpasst bekommt oder sein technisch sehr versierter Chelsea-Mannschaftskollege Romelu Lukaku den Beinnamen „Urgewalt“ ist ja auch nicht zu überhören oder zu überlesen.
 
Zito Madus Artikel über die TV-Kommentare zum WM-Spiel Polen gegen Senegal erregte 2018 auch international großes Aufsehen und die Problematik des sogenannten „Racial Bias“ im Sportkommentar war plötzlich in aller Munde. Vereinfacht gesagt bezeichnet der Begriff „Racial Bias“ den Effekt, dass rassistische Stereotype und Vorurteile unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen unbewusst beeinflussen. Manche Diskutanten sahen darin nur einen erneuten Beleg für die überbordenden Einflüsse der „Wokeness“ und „Political Correctness“ auf den allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs. Andere in der Sportwelt, ob als Kommentator oder von anderer Profession, erkannten sich selbst als Teil dieses Problems wieder und machten sich Gedanken darüber, ob und wie sie unbewusst von Stereotypen und Vorurteilen in ihrem Denken und Handeln beeinflusst werden und was dagegen zu tun sei.

Auch Sam Gregory und Devin Pleuler wollten es damals ganz genau wissen. Die beiden Kanadier sind Spezialisten für die Erfassung und Analyse von statistischen Daten im Sport. Devin Pleuler, Direktor für Analytik beim FC Toronto, kam nach der WM 2018 mit einer Idee auf Sam Gregory zu, der damals bei dem Datenanbieter Sportlogiq als Analyst tätig war und heute beim NSL-Club Inter Miami angestellt ist. Pleuler erklärte ihm, dass sich dieses „Racial Bias“ doch wissenschaftlich recht einfach beweisen ließe, wenn man die Aufnahmen eines Fußballspiels softwaretechnisch so manipulieren könne, dass der Betrachter gar nicht weiß, welche Hautfarbe oder auch welches Geschlecht, für den Fall des „Gender Bias“, die Fußballspielenden haben. Sam Gregory war fasziniert von dieser Idee und machte sich ans Werk.

Im Oktober dieses Jahres präsentierte er nun das Ergebnis, eine wissenschaftliche Studie, in der er den Effekt des Racial und Gender Bias bei der Betrachtung von Fußballspielen untersucht hat. Das Ganze fand im Harvard University Science Center, in der Oxford Street 1 in Cambridge, Massachusetts, statt, während des alle zwei Jahre abgehaltenen „New England Symposium on Statistics in Sport“. Auch in dieser Studie spielt das WM-Spiel Polen-Senegal von 2018 eine wichtige Rolle. Sam Gregory und anderen Mitarbeitenden von Sportlogiq war es gelungen, die Aufnahmen des Spiels mit einem 2D-Renderingverfahren so zu verändern, dass die Fußballer allesamt nur auf eine Strichmännchen-Silhouette reduziert zu sehen sind und nur an den willkürlich gewählten Trikotfarben zu unterscheiden. Das Spiel wurde dann in kurzen Sequenzen Probanden in zwei Vergleichsgruppen entweder im Original oder als Rendering zu Bewertung präsentiert. Es galt dabei die Körperlichkeit des Spiels, die Athletik und Schnelligkeit der Spieler, ihre taktische Organisation sowie ihre technischen Fähigkeiten zu beurteilen.

Bei der Frage, welches Team über mehr Athletik und Schnelligkeit verfüge, entschieden sich bei den originalen Spielsequenzen 70 Prozent der Probanden für das Team Senegal. Bei der gerenderten Version dagegen sahen 62 Prozent in diesem Punkt Polen ganz vorn. Bei fast allen Fragestellungen wichen die Antworten zwischen den Vergleichsgruppen signifikant voneinander ab. Der Racial Bias-Effekt zeigte sich verlässlich immer in den Sequenzen, in denen die Spieler an ihrer Hautfarbe zu erkennen waren. In der gleichen Studie wurde auch das sogenannte „Gender Bias“ untersucht. Dabei hatten die Probanden zwei Video- und Rendering-Sequenzen zu beurteilen in denen ein Spiel zwischen Frauen in der amerikanischen NWSL und ein Spiel zwischen Männern der League 2 zu sehen waren. Und das Ergebnis dieser vergleichenden Blindverkostung von Frauen- und Männerfußball war ebenso eindeutig. In der Video-Sequenz, in der das Geschlecht der Spielenden zu identifizieren war, wurde die Qualität des Spiels deutlich schlechter als das der Männer bewertet. In der Rendering-Version war es umgekehrt. 

Die Ergebnisse dieser Studien belegen trotz einiger limitierender Faktoren sehr eindrucksvoll, dass das Problem des „Racial Bias“ und des „Gender Bias“ im Sport tatsächlich existiert. Da gibt es nichts mehr zu leugnen oder zu relativieren. Das sollte allen Sportkommentator*innen und Sportjournalist*innen sowie auch allen Fußballfans zu denken geben. Niemand muss sich in seinen Bewertungen und Urteilen weiterhin unbewusst von Stereotypen und Vorurteilen leiten lassen, wenn er sich derer bewusst ist. Mit etwas Selbstreflexion und mehr Sorgfalt bei der Auswahl von Worten wäre dabei schon viel gewonnen.
 

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