Die Propheten der Saison

Schalke und Bremen steigen ab. Bochum und Fürth steigen auf. Da sag einer, der Profifußball sei vorhersehbar geworden.

Selbstverständlich ist der Fußball vorhersehbar, vor allem oben, wo mit viel, viel Geld die Machtverhältnisse festbetoniert sind. Der Rest der Liga spielt Fußball, wie es sich gehört. Da gilt der alte Spruch von Max Kruse: "Man weiß nie, was im Fußball passiert, das ist ganz normal." Prophet und Werder-Fan Tim Bandisch zitiert diesen Satz seit Jahren mit Vorliebe. Er muss jetzt mit Prophet und Schalke-Fan Bernhard Ubbenhorst diskutieren, was wohl besser ist: Wenn Du Dich lange auf die Zweite Liga vorbereiten kannst, oder wenn es plötzlich über Dich herein bricht. Einen Vorteil haben die Beiden: Eine sagenhaft spannende Zweite Liga voller Traditionsclubs. Längst ist die Rede von der anderen 1. Bundesliga Gruppe Nord. Nur Sandhausen stört. Lieber mit Freunden in der Zweiten Liga als mit Trotteln in der Ersten. Darum jetzt zu den Freunden, und zwar zu denen, die in der ersten und zweiten Liga mit ihrem dritten Auge die Zukunft vorhersehen.

Erster Prophet der Saison 20/21: Manfred Merz

Bayern, Leipzig und Dortmund tippen kann jeder. Schon vor der Saison Schalke auf den letzten Platz zu setzen, das ist der wahre Champion. Aber auch an den anderen Stellen sieht die Prophezeiung von Manfred Merz der Abschlusstabelle täuschend ähnlich. Drittes Augen eingebaut. Rätselhaft bleibt nur eines: Wie schafft der das? Manfred Merz gewinnt nun schon zum dritten Mal in wenigen Spielzeiten. Sa-gen-haft! Prophet Merz war bereits Erster-Zweitligaprophet und Ehrenprophet der Bundesliga. Als Erster in unserer kleinen Tipprunde stellt er nun den dritten Pokal in seine Vitrine. Können wir den alten Kruse-Spruch wirklich in die Tonne treten, weil Prophet Merz tatsächlich weiß, was im Fußball passiert? Könnte sein. Auf seine seherischen Fähigkeiten angesprochen, verweist Merz auf seinen zweiten (oder ersten) Wohnsitz in Griechenland, viereinhalb Steinwürfe von Delphi entfernt. Aber sollen wir ihm diese Geschichte wirklich abnehmen? Wir glauben: Ja. Denn wir wissen, am Ersten Propheten sollte man niemals zweifeln. Und wir als Fußvolk schon gar nicht.

Vize-Prophet der Saison 20/21: Christian Kohler

Bayern, Leipzig und Dortmund hat natürlich auch Christian Kohler vorne gesehen. Den knappen (Wortspielalarm) Punktabstand auf Manfred Merz hat Prophet Kohler vermutlich am Tabellenende kassiert. Es ist ja auch zum Verrücktwerden. Da prophezeist du mit größtmöglicher Präzision eine ganze schwierige Saison, und am Ende bemerkst du: Hättest du Schalke auf 18 gesetzt und Werder auf 17 (statt Schalke auf 16 und Werder auf 18), wärst du nicht nur zum Ersten Propheten der Liga aufgestiegen, sondern hättest gleich ein Appartement in der Nähe von Delphi abstauben können. Aber bitte: Nicht, dass ein Missverständnis entsteht. Überall im Sport wird der zweite Sieger als erster Verlierer geführt. Nur hier nicht. Welch grandiose Leistung von Prophet Kohler. Der Tusch für den Zweiten hat dieselbe Lautstärke wie zuvor beim Ersten Propheten.

Ehrenprophet der Saison 20/21: Andreas Gühring

Sechs exakt richtige Prophezeiungen hat neben Manfred Merz nur noch ein weiterer Prophet zu verzeichnen: Unser Ehrenprophet Andreas Gühring. Natürlich hat er Bayern, Leipzig und Dortmund vorne, aber Stuttgart (9.), Hoffenheim (11.) und Köln (16.) präzise auf die richtigen Plätze zu setzen, das hat nur einer geschafft. Der große Andreas Gühring rangiert mit 116 Punkten unter den Top 10 dieser Saison. Hätte sich zum Beispiel der Tabellendritte Frank Maul oder der Tabellenvierte Matthias Wimpff etwas von der prophetischen Präzision des Ehrenpropheten abgeschnitten, wer weiß, vielleicht hätten sie eine Nische am Hang des Parnass, in direkter Nachbarschaft zum Orakel von Delphi erhalten. So wird für maximale Präzision Andreas Gühring geehrt. Nicht jedem ist es vergönnt, dem Orakel Konkurrenz zu machen. Andreas Gühring hatte den Anstand, den Göttern den Vortritt zu lassen. Auch dafür ehren wir ihn mit einem verdienten Pokal.

Roter Prophet der Saison 20/21: Max Christian Graeff

Canaille du Saison. Endlich. Nach fast einem Jahrzehnt ausdauernd grenzwertiger Prophetie hat es der Wuppertaler Weltklasse-Prophet Max Christian Graeff endlich durchgezogen. An dieser Stelle ehren wir den wortgewaltigen Kreativ-Propheten mit der höchsten Würde, die wir im Rahmen einer Lobhudelei parat haben. Wir kaschieren seine Leistung mit dem Goldstaub verdreckten Mantel des Schweigens.

Zweitliga-Propheten der Saison 20/21: Christoph Weiß und Marcus Müller

So spannend wie die Zweite Liga muss die Bundesliga erst noch werden. In den letzten 45 Minuten der Saison tauscht die halbe Liga die Plätze. Holstein Kiel fängt sich von Darmstadt noch drei Kisten ein und verweigert auf fast spektakuläre Weise den direkten Bundesligaaufstieg. Auch in der Prophetentabelle ging es kurz vor Schluss nochmals hin und her. Das Ergebnis: Totes Rennen. Christoph Weiß und Markus Müller gehen gemeinsam über die Ziellinie. Keine Tausendstelsekunde liegt zwischen den Beiden. Als Fan des Hamburger SV (Prophet Weiß) und des Karlsruher SC (Prophet Müller) sind beide bestens mit allen Unwägbarkeiten der Liga vertraut. Tatsächlich scheint sich in unserer keinen Tipprunde zu bestätigen: Wer einer Zweitliga-Mannschaft die Daumen drückt, hat offenbar größere Chancen unsere Zweitliga-Prophetie zu gewinnen. Die Historie unseres Wettbewerb scheint das zu beweisen. Manche mögen es bedauern, dass in der nächsten Saison ein spannender Wettbewerb in der neuen 1. Bundesliga Gruppe Nord entstehen wird.

In eigener Sache

Vielen Dank an alle Prophetinnen und Propheten, die in dieser Saison unserer Plattform und dem konfusen Bulletin die Treue gehalten haben. Es war uns eine Ehre. Wir verabschieden uns an dieser Stelle von der altehrwürdigen Propheten-Plattform und hoffen, dass wir uns im Laufe des Sommer wieder melden. Um ehrlich zu sein, liegt es nicht nur in unserer eigenen Hand. Stichwort: Migration. Wir sind selbst gespannt, welche Folgen sich daraus ergeben. Wir wollen die Plattform etwas benutzerfreundlicher und handytauglicher machen. Hoffentlich sind uns die Pixel gewogen.

Auf Wiedersehen.

 

Bild:
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