Fußball, Rohstoff und meine Konsequenz

Boykott Katar, aber flüssig Gas? Abschalten und heimlich Halbfinale glotzen? Meine Strategien als eine sehr persönliche Vorschau auf die WM in Katar und eine Vorweihnachtszeit mit wenig Fußball.

Je näher das Turnier in Katar rückt, um so unsicherer werde ich, was meinen TV-Boykott betrifft. Nicht aus politischen Gründen. Nicht weil Katar gegenüber Saudi-Arabien möglicherweise ein kleineres Übel sein könnte. Und auch nicht wegen Herrn Habeck. Meine Entschlossenheit zum Boykott wackelt – das will ich an dieser Stelle zugeben – aus astreiner Charakterschwäche. Ich gestehe: Meine Qualitäten auf dem Gebiet der freiwilligen Askese sind lausig. Fleisch, Komma, schwach. Ich stelle mir vor: Fünf Wochen lang abgeschnitten vom aktuellen Fußballgeschehen. Kann ich das aushalten? Wenn die Expertinnen und Experten über das neue afrikanische WM-Wunderteam räsonieren, antworte ich: „Tut mir leid, hab ich nicht mitbekommen, ich boykottiere“. Mal ehrlich: Spätestens dann, wenn Deutschland gegen Italien im Halbfinale steht (ich fantasiere wild), lege ich das gute Buch zur Seite, das ich mir als Ersatzprogramm ausgesucht hatte. Ich spicke in die Glotze. 

Bange Frage: Wäre mein Boykott damit gescheitert? Eine schnelle Antwort fällt mir schwer. Ich versuche mich an einer langsamen. In drei soliden Grundsätzen.

Grundsatz eins: Kein Pay-TV

Pay-TV kommt mir nicht in die Tüte. Von 64 Spielen werden 48 frei zu empfangen sein. Für 16 Spiele müsste ich separat zahlen, und zwar bei MagentaTV. Das wird nicht passieren, Haken dran. Bei weiteren rund 30 Spielen, das zeichnet sich jetzt schon ab, fällt mir das Abschalten ebenfalls leicht. Wegen galoppierender Irrelevanz. Ich verrate an dieser Stelle gerne, dass ich belgisches Querfeldeinrennen oder südschottisches Snooker spannender finde. Eine der seltenen Momente, bei denen mir die eigene Schrulle das Leben erleichtert.

Grundsatz zwei: Nichts ignorieren

So gerne wie ich Fußball schaue. Ich werde keine Sekunde lang ein gutes Haar an diesem Turnier lassen. Den Aufruf der Initiative Boykott Katar unterstütze ich: „Unser Ziel ist es, das lukrative Zusammenspiel zwischen FIFA, Sponsoren und autokratischen Regimen zu stören. Es darf für sie nicht mehr attraktiv sein, die WM auf diese pervertierte Art zu präsentieren und den Fußball weiter zu ruinieren.“ Anders ausgedrückt: Durch aktives Wegschauen mache ich nichts besser. Im Gegenteil. Tatsächlich ist die allgegenwärtige Diskussion über die Mega-Sportevents nicht völlig nutzlos. Wie das Handelsblatt kürzlich meldet, müssen sich Olympiasponsoren wie Allianz, Intel und Coca Cola inzwischen rechtfertigen für ihr Engagement. Sie geraten in Erklärungsnot, werden gebrandmarkt als Unterstützer unmenschlicher Regime. Gut so. Der Werbenummer verkehrt sich ins Gegenteil. Die Vermarktungsblabla mit dem Weltfrieden und Jugend der Welt zieht nicht mehr. Endlich. Auch den Sponsoren der WM droht diese Gerechtigkeit. Da hilft kein PR-Geschwätz. Von der segensreichen Wirkung des großen Fußballs predigen nur noch Funktionäre, bei denen Dollars in den Augen blinken. In ihrer Ignoranz und Unmenschlichkeit spielen sie mit den katholischen Bischöfen in einer Liga.

Grundsatz drei: Fußball ist kein Notfall

Kein Gasdeal der Welt verändert meine Einstellung zum Fußball. Bei der Energie lügt sich niemand in die Tasche, beim Fußball der gesamte Weltverband.

Robert Habeck besucht Katar aufgrund einer akuten Notlage. Gianni Infantino wohnt dort. Deutschland ist gezwungen, russisches Erdgas ersetzen, sonst könnten ein paar Lichter ausgehen. Die FIFA gönnt sich goldene Wasserhähne. (Das ist übrigens keine Übertreibung. Ich habe die Armaturen im Home of Fifa in Zürich selbst bestaunt.) Ohne Gasdeal könnten wir energiepolitische Transformationen vergessen. Ohne WM-Deal wäre die Welt im selben Moment ehrlicher, aufrichtiger und womöglich tolerant.

Eins, zwei, drei, ...

Eins, zwei, drei,… so sieht mein Boykott aus. Die Frage, ob ich ein paar Minuten auf die Glotze spicke, nur um zu sehen, wie Manuel Neuer einen italienischen Abstauber aus dem Netz holt, erscheint mir plötzlich kleingeistig. Wichtiger dagegen sind folgende Tatsachenentscheidungen: Auf WM-Baustellen sind reihenweise Arbeiter gestorben. Das Land praktiziert eine Staatshomophobie. Rechte und Menschen werden mit Füßen getreten, oft auch umgebracht. Katar finanziert Terrororganisationen wie die Hamas und kaum weniger terroristische Staaten wie den Iran. Außerdem unterstützt Katar aktiv den FC Bayern München.

Photo by ekrem osmanoglu on Unsplash