Großer Sport

Liebe Propheten

Die Bundesliga läuft. Die Kulisse ist wieder da. Sogar das arroganteste Tippspiel des World Wide Web ist zurück. Wir selbsterklärten Propheten der Liga lassen ja keinen Zweifel daran, dass unsere Vorhersehungen eintreffen. Und falls doch nicht, haben eben VAR oder DFB versagt. Wir, unzulänglich? Auf gar keinen Fall. Wir halten es mit dem Pott-Romancier Frank Goosen. Der ließ neulich verlautbaren, in seinem Revier würde das ungeschriebene Gesetz gelten, dass man eine große Klappe haben soll, so lange es nur geht. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Das Große-Klappen-Gesetz gilt schließlich für alle Fußballfans. Nicht nur die aus dem Pott. Goosens Ansatz, mit seiner großen Klappe den Herzensverein VfL Bochum die Championsleague vorher zu sagen, ist natürlich richtig und alternativlos. Wir Propheten haben das gleich gewusst, auch wenn wir den VfL im Schnitt nur auf Platz fünfzehneinhalb tippten. Die uferlose Selbstüberschätzung der Fans ist jedenfalls immer dann obligatorisch, wenn der eigene Verein oberhalb der gefühlten Erwartungshaltung spielt. Bei Bochum ist das schon durch Bundesligazugehörigkeit der Fall. Beim VfB Stuttgart durch die aktuelle Tabellenführung auch. Gurkt ein Klub unterhalb dieser gefühlten Erwartungslinie, verkehrt sich die große Klappe sofort in ihr Gegenteil. Dann bleibt die Lippe schmal und der Fanpimmel hängt schlapp nach unten, mindestens in den Bereich ewiger Selbstverzweiflung. Weil das Mundwerk trotzdem sprudelt, zieht das rhetorische Hilfskonstrukt "aber wir sind die besten Fans der Welt." Das gilt auch für uns Propheten. Wenn wir daneben liegen, konnten wir als Fußballexperten das natürlich nicht vorhersehen. Müssen andere versagt haben. Der Trainer, der Manager, der Schiri, der Spielplan, die Corona-Pandemie oder RB Leipzig sind in der engeren Auswahl. Jedenfalls irgendetwas, was zum Zeitpunkt der Prophezeiung nun wirklich niemand einschätzen konnte.

Liebe Prophetinnen

Darum feiert diese Plattform die großen Propheten. Also alle, die mitmachen. Inzwischen schon seit einem Jahrzehnt. Einen Geburtsfehler haben wir allerdings behalten. Bei der Namensgebung wurde die weibliche Form ignoriert. Das hatten wir damals nicht bedacht. Soll keine Ausrede sein. Gerade jetzt, wo Bewusstsein für Diskriminierung sogar die letzte Bastion des männerzentrierten Konservatismus erreicht hat, nämlich den Fußball, fällt das einzig herrliche Prophetenattribut, das wir dem Tippspiel mit auf den Weg gaben, als besonders rückständig auf. Vielleicht taugen die Propheten der Liga wenigstens als Negativbeispiel. Tatsächlich haben wir in unserem erlauchten Kreis der Vorhersehung viel zu wenig Prophetinnen. Da eine Lösung des Problems nicht in Sicht scheint, bleibt uns nur übrig, schnell vom Thema abzulenken. Wir kümmern uns also ebenso ansatzlos wie wild entschlossen um die positiven Eigenschaften die der Sportart Fußball inne wohnen. Neue Saion. Große Klappe. Toller Fußball. Lassen wir uns vom großen Frank Goosen anstecken und feiern den Transfer von Lionel Messi, diesem wunderbaren Leuchturm gegen die alltägliche Diskriminierung der Normalgewachsenen.

Lieber Lionel Messi

Ja, auch beim Begriff des "großen" Sports gehen wir der Sprache beinahe auf den Leim. Groß im Sinne von "großartig" oder von "Körpergröße"? Korrekte Sprache, schwierige Sprache. Schließlich ist der Fußball eine der wenigen Sportarten, die nicht die Großen in einer Weise bevorzugt, dass man bereits von Diskriminierung der durchschnittlich Aufrechten sprechen könnte. Basketball, Volleyball, Schwimmen, Handball, Rudern, Hochsprung, Golf, und, und, und. Man kann durch das gesamte olympische Dorf spazieren. Alle stoßen an die Decke. In so vielen Sportarten werden die Großen strukturell bevorzugt. Warum, verdammt nochmal, hängt der Basketballkorb dort oben, wo nur die Funktürme rankommen? Das ist doch ungerecht! Nur in wenigen Disziplinen haben die kompakt gebauten Körper eine adäquate Wettkampfchance. Der Fußball ist dagegen eine leuchtende Sportart, in der alle Konfektionsgrößen die gleichen Chancen haben. Sascha Kalajdzic und Lorenzo Insigne trennen rund 40 Zentimeter. Und trotzdem darf man den feinen Napolitaner mit seinen aufrechten 1,63 cm Höhe als den aktuell wertvolleren Stürmer bezeichnen. Vielleicht ist an der Kreisklassen-Parole mit dem niedrigen Körperschwerpunkt tatsächlich was dran. Beispiel Maradona: Wenn man seine Figur mit einem geometrischen Körper beschreiben wollte, würde man ja auch nicht beim Trapez landen, eher schon bei Würfel oder Kugel. 

Das liebe Geld

Feiern wir zu Beginn dieser verheißungsvollen Fußballsaison den wunderbaren Lionel Messi, das Vorbild aller überschaubar Aufgeschossenen. Laut Vermögensmagazin verdient er mehr als der größte aller Pfauen, der mit der Kurzform CR7. Der große Messi kommt im Jahr 2021 auf stattliche 110 Mio Euro. Sein Netto-Gehalt beläuft sich bei PSG auf rund 41 Mio (statt nur 35 Mio bei Barca). Messis Gesamtvermögen wird mit rund 510 Mio angegeben. Wie vom renommierten Fachmagazin Body&Money zu erfahren war, reicht Messi in Bezug auf den allgemeinen Größe-Reichtum-Quotient fast Günther Oettinger heran. Messi spielt kurz unterhalb also in einer Liga mit Madonna und Jennifer Lopez. Schade nur, dass sich der einst unangefochtene Tabellenführer Prince bereits ins Himmelreich der Körperlosigkeit verabschiedet hat. 

Wahre Größe

Doch zurück auf die Bühne von Sport und Vorhersehung. War doch allen Prophetinnen und Propheten längst vor diesem Transfersommer klar, dass Messi in Paris landen würde. Wo sollte er sonst hinpassen als an den Ort, an dem Nicolas Sarkozy und Napoleon Bonaparte einst regierten. Von den beiden französischen Feldherren fühlte sich übrigens nur der selbstgefällige Sarkozy mit 1,66 cm etwas zu kurz gekommen. Von Sarkozy sind Hocker-Geschichten und Komplexe überliefert. Von Napoleon nicht. Tatsächlich war Napoleon größer als jede Yucca-Palme. Auf Napoleon konnten nur wenige herunterschauen. Das lag nicht am Thron der Herrschers, sondern daran, dass er mit runden 1,70 cm eine angenehm durchschnittliche Größe hatte. Napoleon war gar nicht so klein. Am nach ihm benannten Komplex ist genau viel dran, wie an der guten Seele von Uli Hoeneß.

Johann Wolfgang von Goethe brachte es übrigens auf 1,69 cm. Hat das jemand interessiert? Was soll also das Geschwätz über Körpergröße? Lassen wir das. Randy Newman hatte sich mit seiner Betrachtung über Short People auch nur ne Menge Ärger eingehandelt. Körpergröße wird überbewertet. Sie hilft nur in Randsportarten wie Basketball und anderen olympischen Zeugs, das uns nur alle vier Jahre interessiert. Wenden wir uns den wichtigen Dingen des Lebens zu. Freuen wir uns auf eine große Fußball-Saison. 

 

Bild: Кирилл Венедиктов, CC BY-SA 3.0 GFDL, via Wikimedia Commons