Kneipen gegen Katar

Die unsägliche WM in Katar beginnt schon sehr bald. Höchste Zeit, sich über angemessene Aktionen zum Boykott der WM Gedanken zu machen …

Die aktive Fanszene in den meisten Teilnehmerländern ist sich einig, dass es ein absolutes No-Go darstellt als Fan zur WM nach Doha zu fliegen. Doch auf deren Besuch in Katar hatte vermutlich selbst die FIFA nicht gehofft. Mit den engagierten Fans reisen ja politische Komplikationen gleich mit ins Land. Und Fans die in Scharen auch ohne Tickets ein Gastgeberland friedlich behelligen, um dort mit den heimischen Fans und denen aus vielen anderen Ländern gemeinsam ein großes, ausgelassenes Fußballfest zu feiern, auch das hatte die FIFA bei der Vergabe der WM an Katar bestimmt nicht im Sinn. Katar hat keine Fan-Szene und auch das Feiern ist in dem Wüstenstaat nicht möglich. Es ging der Fifa vor allem darum, in Tateinheit mit den Sponsoren, zu denen vor allem auch der Staat Katar gehört, möglichst viel Geld für sich selbst und ihre internationalen Mitgliederverbände zu generieren. Nicht, dass das Geldverdienen nicht ohnehin bei jeder WM das Primärziel wäre, doch so offensichtlich wie bei der letzten WM in Russland und nun bei der WM 2022 in Katar, trat das sehr selten zutage. Und der DFB spielt dabei, wie schon so oft, wieder mal keine besonders gute Rolle.

Dass der deutsche Fußballverband sich den zahlreichen öffentlichen Boykott-Aufrufen nicht anschließen mochte, ist ja angesichts der besonderen Umstände, wie die WM 2006 nach Deutschland kam, noch ganz gut nachzuvollziehen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Dass jedoch sämtliche Aufforderungen, sich zumindest zu den Menschenrechtsverletzungen in Katar eindeutig zu positionieren, mit wachsweicher Haltung ignoriert wurden, brachte in der Vergangenheit selbst die traditionell konservative Fanbasis der Nationalmannschaft gegen den DFB auf. Der DFB faselt trotz des lupenreinen Sportwashings durch einen totalitären Staat immer noch von der notwendigen Unterstützung eines Landes im Wandel durch den Sport. Die Fans sind jedoch nicht ganz so bescheuert, wie der DFB dachte und begehren schon seit längerem gegen die Teilnahme an der WM auf. Selbst die Bild-Zeitung befürchtet nun schon das Schlimmste: „Brisante Studie zu Katar! Gibt’s in den Kneipen keine WM-Übertragungen? Die neueste Fan-Befragung offenbart, dass die Stimmung hinsichtlich der Winter-WM 2022 in Katar deutschlandweit im Keller ist. Die brisanten Ergebnisse lesen Sie exklusiv mit Bildplus!“ Habe ich natürlich nicht gemacht, denn die Fan-Studie, auf die sich das ‚Organ der Niedertracht‘ hier bezieht, ist ja auch im Original recht einfach erhältlich und sehr viel besser lesbar.

Was die Bildknechte in dieser Studie gelesen haben, weiß ich nun leider nicht. Jedenfalls sind die darin aufbereiteten Ergebnisse einer mittels App durchgeführten Fan-Befragung weder besonders brisant noch sind sie in irgendeiner Weise überraschend. Die Studie trägt den Titel: „WM 2022 - Erwartungen an Fußballverbände und Sponsoren - Eine Studie aus Perspektive der Fans“. durchgeführt von den Herren Dr. Joachim Lammert und Kilian Weber von der FanQ GmbH, mithilfe der dazugehörigen FanQ-App des Unternehmens. Die Studie ist solide gemacht und dürfte trotz der ausschließlichen Möglichkeit einer Online-Teilnahme ein durchaus repräsentatives Bild der Fan-Meinung zum Thema widerspiegeln. Sehr verkürzt zusammengefasst ist ein Großteil der befragten Fans der festen Meinung, dass sich die FIFA, der DFB und vor allem die Sponsoren mit der WM in Katar sozusagen selbst ins Knie geschossen haben. Eine große Mehrheit sieht bereits die Teilnahme an der WM in Katar als kritisch an, das Verhalten des DFB in dieser Sache ohnehin, und ist ebenso der Meinung, dass diese unpopuläre WM den dabei involvierten Sponsoren gehörig schaden wird. Ach ja. Da ist dann noch der „brisante“ Punkt, bei dem die Zeitung mit den großen Buchstaben vermutlich hängen geblieben ist. Eine große Mehrheit der für die Sponsoren enorm wichtigen Zielgruppe der solventen Fans mittleren Alters von 30 bis 39 Jahren lehnt es komplett ab, sich auch nur ein Spiel dieser WM im Fernsehen oder sonst irgendwo anzusehen.

Das hat tatsächlich eine gewisse Brisanz. Die Einschaltquoten bei den die WM übertragenden TV-Sendern sind für die auf einen hohen Verbreitungsgrad ihrer Werbebotschaften angewiesenen Sponsoren weitaus wichtiger als die Live-Zuschauer in den klimatisierten Stadien Katars, für deren Bau zahlreiche Menschen ihr Leben ließen. Dass vor allem Letzteres für die ablehnende Haltung der Fans verantwortlich ist, haben die meisten Sponsoren bisher geflissentlich ignoriert. Viele Unternehmen werden vermutlich in den nächsten Wochen erst begreifen, dass ein aktiv kommunizierter Verzicht auf das Sponsoring bei der WM in Katar der klügere Schritt zu einer nachhaltigen Markenbindung bei potenziellen Kunden im Rahmen der WM gewesen wäre. Die Teilnahme am Sponsoring kostet sie dagegen ein Vermögen und wertvolle Reputation geht bei den Kunden noch dazu verloren. Gelänge es, in mehreren Ländern große Teile der Fans dazu zu mobilisieren, die TV-Übertragung der WM-Spiele durch das reine Nichtanschauen zu boykottieren, hätte das einen signifikanten Effekt auf die Einschaltquoten der Sender und somit auch auf den teuer erkauften Werbeeffekt der Sponsoren.

Und die als Frage in die Headline gegossene Schlussfolgerung der Bildknechte, ob deswegen nun im Winter keine WM-Spiele in Kneipen zu sehen sein werden, haben viele Kneipenbetriebe landauf und landab für sich bereits beantwortet. Keine WM in den „Kneipen gegen Katar“! Den Ball nehmen wir doch hier gerne auf. Wer sich bislang ohnmächtig gefragt hat, wie man für sich selbst diesen Boykott während der WM gestalten kann, bekommt hier nun eine Steilvorlage. Vernetzt Euch, tut Euch zusammen und unterstützt die „Kneipen gegen Katar“, als Wirte und Wirtinnen und vor allem auch als Gäste, die diese idealen Multiplikatoren des Katar-Boykotts unterstützen. Die wahre Marktmacht liegt bei den Konsumenten. Schadet den WM-Sponsoren, wo es geht! Bildet Stammtische! Stellt Promo-Material, Plakate, Aufkleber, Spuckis, Memes und was weiß ich noch her. Der Fußballfernseher bleibt aus! Unterstützt die Kneipen gegen Katar. Und wer in den paar Winterwochen trotzdem an Unterfußball leidet, dem lege ich die Amateurligen wärmstens ans Herz, ob bei Bier, Bratwurst oder Glühwein: Boykottiert die WM in Katar wo ihr könnt und habt auch noch Spaß dabei!