Nachhaltigkeit im Stadion

Ab der Saison 2023/24 ist das Thema Nachhaltigkeit ein Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens für Mitgliedsvereine der DFL. Was bedeutet das?

Fangen wir mal mit dem vielerorts diskutierten und häufig sinnentfremdeten Begriff der Nachhaltigkeit an. Die erste schriftlich dokumentierte Verwendung des Wortes im heutzutage diskutierten Zusammenhang ist auf den Anfang des 18. Jahrhunderts zu datieren: Carl von Carlowitz forderte 1713 in seiner Schrift ‚Sylvicultura oeconomica – Anweisung zur wilden Baumzucht’ den Schutz und den Anbau von Wäldern so anzustellen, dass es ‚...eine continuierliche, beständige und nachhaltige Nutzung gebe...’. Carlowitz war Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg in Sachsen und zuständig für die Belieferung des Bergbaus mit Holz. Aufgrund der Waldzerstörung im Dreißigjährigen Krieg und der Missachtung der mittelalterlichen Waldordnungen zeichnete sich zu seiner Zeit ein Holzmangel ab. Eine menschengemachte Naturkatastrophe dieser Zeit.  In seinem Buch präsentierte er Gegenmaßnahmen und Konzepte für den nachhaltigen Umgang mit der Ressource Wald. Damals war Nachhaltigkeit jedoch ganz klar ein der Ökonomie zuzurechnender Begriff und nicht der Ökologie, wie es heute häufiger der Fall ist. 

Was jedoch blieb ist der ökonomische Anspruch, dass Nachhaltigkeit auf unterschiedlichsten Gebieten zwar gesellschaftlich erwünscht sein möge, aber bitte nicht allzu viel kosten solle. Und so liest es sich teilweise auch in der Summe der DFL-Bemühungen, Nachhaltigkeitskriterien zu einem Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens zu machen. Der Nachhaltigkeitsbegriff wird in der DFL-Satzung in den Dimensionen „ökologisch, ökonomisch und sozial“ definiert. Dazu wurden zur Implementierung im Lizenzierungsverfahren der DFL sogenannte Mindestkriterien definiert, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden und die in einem mehrstufigen Modell über die nächsten zwei Spielzeiten von 2023/24 bis 2024/25 nach und nach implementiert werden sollen. Im Klartext bedeutet das: bis zur nächsten Saison gibt’s für die Lizenzerteilung auch ein Pflichtenheft zum Thema Nachhaltigkeit abzuarbeiten und zur darauffolgenden Saison werden die Daumenschrauben nochmals angezogen. Ein kleines bisschen jedenfalls. Aber nicht, dass deswegen in den nächsten zwei oder drei Jahren ein Verein wegen Versäumnissen in Sachen Nachhaltigkeit um die Lizenzerteilung fürchten müsste. 

Die Implementierung ist als eine Art „Learning by doing“-Verfahren konzipiert, dass vor allem der Datenerhebung und der Sensibilisierung für das Thema dient und an dessen Ende dann nur ganz vielleicht einmal tatsächlich auch mal ein Sanktionskatalog stehen könnte. Bis dem FC Bayern wegen eines CO2-intensiven Trainingslagers in Katar ein Lizenzentzug drohen könnte, wird also noch etwas Zeit vergehen. Möglicherweise, bis es in Bayern winters fast schon so warm ist wie in Katar und sich das Ganze ohnehin erledigt hätte. Denn so schnell schießen die DFL-Schützen zurzeit noch nicht. Vorerst gilt zudem, dass bei den Kriterien nach finanzieller Leistungsfähigkeit unterschieden wird. Einem Europokalteilnehmer könne man beim Thema Nachhaltigkeit ökonomisch doch etwas mehr zumuten als einem Aufsteiger in die Zweite Liga. Manche Kriterien sind für ärmere Klimasünder auch schon mal zeitweise auszusetzen. Ganz konkret richten sich die bis zur nächsten Saison zu erfüllenden Mindestkriterien an folgenden drei Themen aus. Die „Clubführung und -organisation“, „Umwelt & Ressourcen“ sowie die sogenannten „Anspruchsgruppen“.

Das Thema „Clubführung und -organisation“ beinhaltet in Sachen Nachhaltigkeit vor allem die Kernforderungen, dass dieses ein Thema in der Satzung oder Geschäftsordnung zu sein hat und das jemand namentlich dafür Verantwortung trägt (einfach mal Meuschi fragen). Dazu gehört das übliche Gedöns, wie es in jedem Konzern handelsüblich in der Unternehmensstatuten steht sowie auch bei den meisten Clubs in der Regel schon seit längerer Zeit. Verhaltenskodex für Manager und Mitarbeiter_innen, Schulungsmaßnahmen zu Fairplay und Anti-Doping etc. sowie ein zu veröffentlichender Nachhaltigkeitsbericht. Das Thema Umwelt & Ressourcen wird bei den Mindestkriterien vor allem auf die Datenerhebung beschränkt. Klar, wenn man wissen will, wie umweltdreckig der Verein genau wirtschaftet, steht das an erster Stelle. Beim Thema „Anspruchsgruppen“ wird es dann schon ein wenig anspruchsvoller. Es geht um den Umgang mit Menschen. Miteinander, untereinander, von oben und nach unten, umgekehrt und nach innen sowie außen. Dazu wird der Club verpflichtet, alle zwei Jahre eine sogenannte Anspruchsgruppenanalyse durchzuführen. Die soll herausfinden, was die Fans, die Sponsoren, die Heimatstadt des Clubs, die Lieferanten etc, sowie die Mitarbeiter_innen zum Thema Nachhaltigkeit beizutragen haben oder etwa herausfinden, wo bei ihnen zu diesem Thema etwas im Argen liegt. Das Ganze geschieht auf jeden Fall unter dem Motto „gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion“. Die Bereiche Gesundheit und Sicherheit spielen eine Rolle, wie etwa auch das Postkarriere-Management für Spieler_innen oder der Schutz des Fußballnachwuchses vor Mobbing, Diskriminierung oder sexualisierter Gewalt in Wort und Tat. 

Bei der Anspruchsgruppe der Fans werden die Kriterien dann schon etwas übersichtlicher aber umso interessanter. Pflicht ist ein „Nachweis über ein unabhängiges und barrierefrei zugängliches Meldesystem für Diskriminierungsvorwürfe sowie das Aufzeigen klarer Sanktionsbestimmungen.“ Was ist damit gemeint? Etwa eine Stelle, bei der die Träger von Dietmar-Hopp-Bannern auch barrierefrei anonym gemeldet werden können und wie lange das Stadionverbot für jene danach auszufallen hat? Oder was? Konkreter wird es nicht. Hinzu kommt der Nachweis, dass der Club preisreduzierte Tickets für mindestens vier Personengruppen“ anbietet. Dazu auch die Pflicht des Vereins, die unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammengefassten Themen im Dialog mit den Fans zu erörtern sowie das Vorgehen gegen Gewalt und verschiedene Formen der Diskriminierung und das Konfliktmanagement. Das Wort „Fans“ kommt in dem 21-seitigen Gesamtkonzept der Nachhaltigkeitskriterien zur Lizenzierung der Clubs insgesamt nur 4-mal vor. Dabei gibt es sicherlich von der Fanseite noch gehörig Gesprächsbedarf. Gelegenheit dazu hätte es beim DFL-Nachhaltigkeitsforum am 28. Juli im Futurium in Berlin zur Genüge gegeben. Nur das sich unter den 200 illustren Teilnehmern aus Sport, Wirtschaft Politik, Kultur und Gesellschaft kein einziger Fan-Vertreter befunden hat. Vielleicht hätte man dort besser auch den Fans zugehört, die immerhin den Großteil dieses Milliardengeschäftes mitfinanzieren. So blieb am Ende des Forums nur das Bekenntnis, die Übertragungen der Fußballspiele in Kooperation mit dem Sender SKY künftig klimaneutral zu produzieren. Was das genau bedeuten soll, blieb vollkommen offen.

Fazit: Die bisher beschlossenen Kriterien und das Konzept ihrer Umsetzung sprechen den anfangs durchaus lobenswerten Ansätzen der DFL das Thema Nachhaltigkeit in der Welt des Ligafußballs präsenter zu machen nur noch Hohn. Etwas so wachsweich und feigenblattartig ohne jegliche Zielvorgaben und einen konkreten Maßnahmenkatalog formuliert zu beschließen, sodass in der Praxis auf Jahre gesehen für die Clubs bei Verstößen gegen die Nachhaltigkeitskriterien keinerlei ernsthafte Probleme bei der Lizenzierung zu erwarten sind, ist angesichts der sich derzeitig bereits drastisch abzeichnenden Folgen des Klimawandels schlicht ein Skandal. 

--- Veranstaltungshinweis ---

Jung. Wild. Klimapositiv.
Wie Profifußball nachhaltig wird.

Podiumsdiskussion mit
Ramona Steding (Fan-Aktivistin, Mitglied der Task Force Zukunft Profifußball)
Alexander Wehrle (VfB Stuttgart 1893 AG)
Franz Reiner (Mercedes Mobility AG und VfB-Aufsichtsrat)
Matthias Walter (Deutsche Umwelthilfe)

Eine Kooperation von VfB-Fanprojekt und Evang. Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart
11. Oktober 2022, 19.00 Uhr
Hospitalhof, Stuttgart-Mitte, Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart