Stell Dir vor, es ist WM und Du schaust nicht hin

Wenn die Murmel wieder rollt. Wenn Du wieder richtig Fußball schauen kannst. Wenn Du wieder hin kannst in Deine Kneipe zu den anderen Fans. Wenn Deine Clique wieder vollzählig ist. Dann sollst Du freiwillig auf die WM verzichten? Geht's noch??

"Uruguay! Nochmal!" Was willst Du als treusorgende Mutter anderes machen, wenn Dein Vierjähriger die Aufstellung von Uruguay auswendig lernen will. Dann nimmst du halt nochmal das Sonderheft und liest die Namen unter dem Mannschaftsbild nochmal vor. Nochmal und nochmal. "Mazurkiewicz, Ancheta, Matosas, Montero,..." "Mama, nochmal!" Nach ein paar Tagen konnt ich sie endlich auswendig, die exotischen Kicker in den hellblauen Trikots. Bei der Weltmeisterschaft 1970 war ich vier Jahre alt. So richtig erinnern kann ich mich nicht mehr. Auch die Urus kann ich nicht mehr auswendig. Meine Mutter erzählt die Geschichte häufig. Und gerne auch nochmal.

Von der WM 74 habe ich schon mehr Details parat. Wir hatten bereits einen Farbfernseher. Marke Wega. Mit runden Designertasten. Ein Hauch Colani-Design in der guten Stube. Fast wie Science fiction im Hause Sautter. Ich durfte das ganze Turnier schauen. Meine Eltern hatten eingesehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Sohn will alles gucken. Am Nachmittag des Endspiels war meine Familie bei Freunden eingeladen. Zu Kaffee und Kuchen. Nicht zur WM. Die Freundin meiner Mutter war Musiklehrerin, verheiratet mit einem Ingenieur. Ich wusste, dass sich keiner von denen für Fußball interessierte. Ich kannte das schon. Da war die erste Halbzeit noch nicht rum (in schlechtem Schwarz-Weiß) - und man musste sich brav an den Kaffeetisch hocken. Ohne Blick auf den Bildschirm. Dieser Kaffeekränzchen-Diktatur musste ich weiträumig aus dem Weg gehen. Den WM-Titel feierte ich mit mir selbst vor dem Wega. Bernd allein zu Haus. Aber in Farbe.

Ein Leben von Welt(meisterschaften)

WM-Turniere sind treue Wegbegleiter. Egal, wohin Dein Lebensweg führt. Sie bringen Struktur in Deine Erinnerungen. Noch heute weiß ich genau, wo ich welches Turnier gesehen habe – und was drumherum los war. Ich kann meinen Lebenslauf auswendig aufschreiben, dank den WM-Turnieren. Nach der WM 1998 wechselte ich den Job. Vor der WM 2002 schon wieder. Nach der WM 2006 ging meine Beziehung flöten. Die korrekten Jahreszahlen werden präsentiert von der Weltmeisterschaft. Die WM-Gruppen von damals kann ich auswendig aufsagen. Die Französisch-Vokabeln von damals hab ich vergessen, samt und sonders. Als ich die Jugend längst hinter mir hatte, hab ich mir die Endlichkeit des Lebens mit Weltmeisterschaften vor Augen geführt, die mir noch bleiben. Als ich vierzig wurde (natürlich während der WM 2006) dachte ich, dass ich es noch auf acht oder neun Turniere bringen könnte. So etwa. Und jetzt plötzlich: Jetzt soll mir das alles wurscht sein? Kaum zu fassen.

Boykott Qatar - echt jetzt?

Fußballromatik hin oder her. Boykott Qatar muss sein. Weil die Romantik am Arsch ist. Sie liegt als Kollateralschaden in einem Massengrab in Qatar begraben. Auf den November 2022 bin ich trotzdem gespannt. Weniger auf die WM. Mehr darauf, wie das mit der WM funktioniert – und mit mir selbst. Dem Aufruf "Boycott Qatar" hab ich mich selbstverständlich angeschlossen, etwa so als hätte ich unterschrieben, dass ich in anderthalb Jahren die Zigaretten weglegen würde. Völlig klar, dass mir beim Turnier und all dem Rauch drumrum längst das Kotzen kommt. Aber konsequent boykottieren? Keine Freunde zum gemeinsamen WM-Schauen einladen? In keine Kneipen gehen, in denen die WM läuft? Schwierig. Hat was von Geister-WM. Aber freiwillig.

Daher studierte ich den Aufruf sehr genau, den Prophet Bernhard an dieser Stelle veröffentlicht hat. Die Werkstatt-Autoren Dietrich Schulze-Marmeling und Bernd Beyer hatten gefordert: Nicht nach Qatar reisen. Nichts von Firmen kaufen, die das Turnier unterstützen. Nicht an Public Viewing oder Ähnlichem teilnehmen. Wie gut, dass von Nicht-WM-Gucken nicht die Rede ist. Das könnte helfen.

Und dann noch die Jahreszeit. Im Sommer wär's ja einfach. Aber im November! Fußball war stets ein treuer Verbündeter wenn es darum ging, sich von der puppenstubigen Glücksseligkeit vor Weihnachten abzulenken. Wenn wir alle Glück haben, werden wir Ende nächsten Jahres wieder sorglos ins Stadion gehen können. Und dann machen wir den Laden freiwillig dicht, weil die herrschenden Großmogule der FIFA ihren Hofstaat mit Öl-Geld schmieren müssen? Eigentlich unvorstellbar. Aber notwendig.

Ich schließe mich mit Nachdruck dem Aufruf Boycott Qatar an. Und verspreche zusätzlich: Wenn die WM läuft, werde ich jeden Spieltag bei einem Amateurteam am Spielfeldrand stehen. Ich werde frieren. Aber ich werde mich freuen: über den Kick, über die Stadionwurst und das lokale gebraute Bier. Boykott Qatar. Support your local Brewery. Ich werde mich wärmstens an diese WM erinnern. Live und in Farbe.