Systemfehler

Nichts ist so störrisch wie ein deutscher Verband. Als größter Sportverband ist der DFB ein Vorbild - für Intrigen und Untreue.

Der Klüngel ist ein Meister aus Deutschland. Das System der deutschen Fußballverbände ist so verschachtelt, dass die Bundeschefs in oligarchischer Tradition machen können, was sie wollen. Die Gremien darunter sind zwar demokratisch gewählt. Doch der Weg von der Basis bis zur Otto-Fleck-Schneise nach Frankfurt dauert mehrere Jahrzehnte. Es gibt Kreise, Bezirke, Regionalverbände und schließlich den DFB-Bundestag, der den DFB-Präsidenten wählt. Ist man einmal im oberen Klüngelkasten angekommen, kann man sich auf die Solidarität der Kollegen verlassen. Es sei denn, man ist ein Außenseiter, dann wird man weggemobbt.

Tiki-Taka der Intrigen

Beweise? Bitteschön. Schauen wir uns an, wie die letzten DFB-Präsidenten gegangen wurden. Wohlgemerkt: Bei Keller und Grindel handelt es sich um Personen, die dem Frankfurter Klüngelkasten von außen verordnet wurden. Die Affaire ums gekaufte Sommermärchen war schuld. Der Oberklüngel um den jetzigen Interimspräsidenten Koch, den Schatzmeister Osnabrügge und den Generalsekretär Curtius war unter Druck geraten. Strohmänner mussten her. Am besten welche, die als DFB-Präsident taugen. Zuerst wurde einer aus der Politik auf den Chefsessel gehievt, dann einer aus der Bundesliga. Blöd nur, dass beide kritische Fragen stellten. Die Strohmänner taugten nichts, wurden abgefackelt.

Der letzte Präsident Keller wurde angezündet durch eine gezielte Indiskretion. Wäre er gelitten gewesen, wäre seine Bemerkung nie an die Öffentlichkeit geraten. Er hatte sich allerdings blöde angestellt. Mit seiner Freisler-Äußerung gegenüber dem DFB-Chef-Klüngler Koch hatte Keller einen Fehlpass in seinem eigenen Fünf-Meter-Raum gespielt. Klarer Nazi-Richter-Vergleich. Tatsachenentscheidung. Das DFB-Abräumkommando um die Herren Osnabrügge, Curtius und Koch musste die interne Beleidigung nur mutwillig an die Öffentlichkeit bringen. So einfach. Das Zentrum der Macht war fast unterfordert, nachdem die vorige Abservierung weitaus filigraner exerziert wurde.

Damals hatte man mit dem Medienberater Kurt Diekmann einen Doppelagenten engagiert. Thomas Kistner von der Süddeutschen spürt gerade den 360.000 Euro nach, die Diekmanns Engagement gekostet hatte. Am Ende der Beweiskette wird deutlich: Der innere Klüngel um Koch, Curtius und Osnabrügge hat Verbandsmittel eingesetzt, um den Chef loszuwerden. „(Wir haben) die Munitionskammer des Grinch erwischt“, triumphierte Diekmann in einer internen Mail, die kürzlich an die Öffentlichkeit kam.  Vielleicht hätte er sich einen besseren Tarnnamen ausdenken können. Sonst hat Diekmann seinen Job gründlich erledigt. Darum hat ihm das Machtzentrum einen 360.000-Euro-Auftrag erteilt. Komisch nur, dass heute beim DFB niemand erklären will, wofür eigentlich.

Beweisführung abgeschlossen

Die fortgeschrittene Intrigantenkultur macht deutlich: Einzelne Umbesetzungen sind keine Lösung. Das Problem liegt im System. Warum können die DFB-Großmogule so ungestört vor sich hin denunzieren? Andreas Rettig lieferte kürzlich eine Diagnose: „Um DFB-Präsident zu werden, muss man eine Ochsentour vom Kreis über den Bezirk zum Verband absolvieren, um irgendwann Regionalfürst zu sein. Dann hat man einen grauen Bart und weiße Haare – und landet schließlich im DFB-Präsidium, hat aber schon 25 Jahre lang Allianzen geschmiedet. Das System bedingt genau diese Abhängigkeiten, die dem deutschen Fußball mehr schaden als nutzen, daher bekommen wir auch kein frisches Blut in den DFB.”

Der DFB braucht eine Revolution von unten. Anders geht es nicht. Es liegt nicht an den Leuten. Sondern am System, das in ausdauernder Kleinarbeit sogar die fähigsten Leute zu typischen DFB-Funktionären formt. Die Namen der Gescheiterten kennen wir alle. Gestern waren es Osnabrügge und Curtius und Keller. Heute sind es Koch und Peters.

Peter Peters ist eine besonders symptomatische Figur. Er verkörpert nicht nur einen den systematischen Mangel an Demokratie, sondern zusätzlich ein persönliches Defizit an Kompetenz. Aktuell amtiert er als Interims-Co-Präsident. Andreas Rettig rätselte neulich, wie Peters zu dieser Ehre kommen konnte: "Ehrlich gesagt erschließt sich mir nicht, welche Erfolge ihn für dieses Amt qualifizieren, sein Wirken auf Schalke kann es ja nicht sein.“ Die Erklärung liefert ein altes Interview der Sportschau. Peters über Peters: „Ich habe ein gutes Netzwerk.“

Auftritt der Ethik-Marionetten

Wie solch ein Netzwerk im fortgeschrittenen Zustand funktioniert, demonstrierten die beiden Co-Vizes Peters und Koch im Juni. Zu diesem Zeitpunkt lagen der DFB-Ethikkommission brandgefährliche Eingaben vor. Eine stammte von Bibiana Steinhaus-Webb, die sich in ihrem Engagement für die Fraueninitiative „Fußball kann mehr“ unfair angegangen fühlte. Die Präsi-Buddies Koch und Peters konnten sich nicht sicher sein, ob die DFB-Ethikkommission im Sinne ihres Systems entscheiden würde. Darum wurde die Kommission gesprengt. Zumal die Gelegenheit günstig war. Ein Amateurgremium, das über den weiteren Vorsitz der Ethik-Kommission zu entscheiden hatte, wurde mit einer Falschinformation gefüttert. Der unabhängige Theologe Schneider wollte zwar weiter machen. Aber weil seine Gesundheit in Zweifel gezogen wurde, nominierte man den honorigen Theologen nicht mehr. Von zwei anderen Ethikern aus der vierköpfigen Kommission wusste man, dass sie folgen würden, wenn Schneider nicht bestätigt werden würde. Um die letzte verbliebene Ethikerin, die systemtreue Irina Kummert, wurde rasch ein neuer Rat zusammengeflickt. Bei der gehorsamen Neubesetzung war der angegriffene Präsident Koch selbstverständlich verhindert. Peters übernahm das. Wie man das so macht – unter Netzwerkern.

Das Problem, dass Netzwerkpflege dringender ist als Sacharbeit, hat der DFB nicht exklusiv. Gegenseitige Abhängigkeiten und die damit verbundenen Verkrustungen sind in jedem Verband gefürchtet. Beim DFB ist es besonders krass. Kleiner Verband – kleine Krusten. Großer Verband – fette Krusten. Der Deutsche Fußball-Verband gilt als größter Einzelsportverband der Welt. Inzwischen kreist er mit Vorliebe um sich selbst. Dabei gibt es genügend echte Probleme: Im Amateurlager wird das Geld knapp, nicht nur coronabedingt. Die Jugend hat den Mief in den maroden Umkleiden satt. Auch weltanschaulich liefert der Fußball ein erbärmliches Bild. Echte Vorbilder sind kaum zu finden. Kein Wunder, dass Ehrenamtliche rar werden. Sponsoren übrigens auch. In den Metropolen fehlt Fläche für Fußballplätze. Auf dem Land fehlen die Leute. Mannschaften werden abgemeldet. Fusionskonstrukte kommen immer abenteuerlicher daher. Aus dem Profifußball dringt kaum Geld nach unten. Der DFB ist so schwach, dass die DFL ihre Almosen nach eigenem Gutdünken steuert.

Der Handlungsbedarf ist riesig. Trotzdem dringen durch die Wände der noblen DFB-Zentrale kaum wirksame Konzepte, die geeignet wären, den Verfall aufzuhalten. Stattdessen beherrscht die Verbandspolitik die Schlagzeilen. Kein Wunder bei einer Organisation, die sich außer Stande sieht, die größte Korruptionsaffäre des deutschen Fußballs aufzuklären. Obwohl sich diese in den eigenen Betonmauern abgespielt hatte.

Radikale Lösung

Ein rettender Vorschlag kommt von Gerd Thomas, Präsident des FC Internationale Berlin. Er fordert eine Urwahl. Nicht die Landesfürsten sollen über die zukünftige DFB-Präsidentschaft befinden sondern die Basis. Diesen Ansatz kann man nur unterstützen. Dann hätte auch die mutige Fraueninitiative eine echte Chance. Der DFB braucht konstruktiven Diskurs statt destruktive Ochsentouren. Mehr Opposition und weniger Krusten. Wenn die Opposition weiblich ist, um so besser. Das wichtigste Element sind jedoch echte Wahlen – also Wahlgänge, die nicht schon vorher orchestriert wurden. Darum: Schließt dem Verband die Hinterzimmer ab! Ob das schon vor dem März 2022 passiert, wenn der nächste DFB-Präsident gewählt wird, darf leider bezweifelt werden.

Bildnachweis: : Chivista - Own work, Danke fürs Bereitstellen auf WikiCommons

Der Text Systemfehler wurde neulich im Zeitspiel #24 veröffentlicht.
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