Wie man mit Fußball die Tour de France gewinnt

Ex-Ajax-Trainer Erik ten Haag hat das Team Jumbo Visma im strategischen Bereich beraten. Eventuell geht der Tour-Sieg von Jonas Vingegaard auf seine Kappe. 

Endlos lang können diese Sommerabende werden. Keiner kickt. Nirgends. Nicht mal auf sportdigital. Auch der Transfermarkt gibt nichts her. Wie gut, dass die Franzosen ihre Tour erfunden haben. Endlich mal Athleten, die wirklich leiden - und es nicht nur vortäuschen. Sportler, die auch mal runterpurzeln, aber schneller wieder aufs Rad klettern als Neymar gelb reklamiert. Und wer von den Damen und Herren Fußballfans mir jetzt mit Doping kommt, soll bitte zuvor in den Arzneischrank des FC Barcelona schauen. Zu weit hergeholt? Dann zoomen wir näher ran. In den ach so heilen Siebzigern sind hochdekorierte VfB-Profis regelmäßig nach Freiburg gefahren. Die Privatpatienten klopften spätabends an den seitlichen Rolladen der Praxis Dr. Klümper in Freiburg. Dort sind sie eingestiegen. Keiner hat's gesehen. Erst Jahrzehnte später haben sie es erzählt. Wie sie retour gefahren sind mit einem frischen Klümper-Cocktail im lädierten Body. Und wie es am nächsten Tag im Training geholfen hat. Gut für den Kreislauf sie der Cocktail gewesen. Mindestens. Also hör mir auf mit Doping, falls Du den Fußball loben magst.

Darum zurück zum Sport. Zum echten. Also Radsport. Neulich stolperte ich in einem niederländischen Magazin über bemerkenswerte Schlagzeile. Frei übersetzt: „Wie Erik ten Haag half, die Tour de France zu gewinnen.“ Wie bitte? Der langjährige Ajax- und jetzige ManU-Trainer soll Fußball-Strategien auf Radrennen übertragen haben. Das scheint aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens aus fußballerischer Sicht, zweitens aus der Perspektive des Radsports. Der Reihe nach. Der kickende Teil der Menschheitsgeschichte ist verdutzt. Denn die großen Strategen der Sportart haben uns jahrelang erzählt, wie sie Spielstrategien aus anderen Sportarten kopierten.

Das deutsche Standardwerk zur datengetriebenen Fußball-Taktik, "Die Fußball-Matrix" von Christoph Biermann von 2009, stellt eine längere Betrachtung zum Baseball voran. Zugegeben, dort lässt sich einfacher zählen, auswerten und analysieren als im Fußball, wo mangels brauchbarer Datenerfassung noch Ende der Neunzigerjahre ein deutscher Vorstopper dem Mittelstürmer selbst dann noch manngedeckte, wenn dieser auf die Toilette sprintete. Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als die TSG Hoffenheim als Newcomer die Bundesliga aufmischte? Maßgeblich daran beteiligt war ein Hockeytrainer namens Bernhard Peters. Die Botschaft war klar: Bei der Spielanalyse war sogar die Randsportart Hockey besser entwickelt als die Massensportart Fußball. Neulich erzählte Sven VfB-Sportdirektor Mislintat im STR-Podcast von den Anfängen seiner Analysen. Zählen und Erfassen hat er sich vom Handball abgeschaut. Vor diesem Hintergrund erscheint die Nachricht aus den Niederlanden als Sensation. Erstmals behauptet jemand, dass der Fußball nicht kopiert, sondern kopiert wird. Ein Ritterschlag.

Aber wie in aller Welt, lassen sich Fußball-Strategien aufs Radfahren übertragen? Der sportliche Direktor von Team Jumbo Visma Merijn Zeeman gibt einen Einblick in die Fragen, die er Erik Ten Haag stellte: „Wie kommst du zur Taktik? Was ist für dich die Essenz deines Sports? Bevor du dir einen Spielplan machst, was steckt dahinter?“ Weit daneben werden ten Haags Ausführungen nicht gelegen haben. Jumbo Visma gewann mit Jonas Vingegaard die Tour. Das niederländische Team präsentierte eine Strategie, die mächtiger war als der große Favorit Tadej Pogacar. Zeeman erinnert sich an einen entscheidenden Hinweis von ten Haag: die Schwächen des Gegners analysieren.

Also schauten sie alle Rennen von Pogacar und hörten alle Interviews des Slowenen. Und tatsächlich: Man entdeckte eine Schwäche. Lange Anstiege auf große Berge. Die Etappen 11 und 18 gerieten in den Blickpunkt, eine in den Alpen, eine in den Pyrenäen. Auf kurzen und mittleren Bergen war kein Kraut gewachsen. Nur an diesen elend langen Anstiegen mit vielen Höhenmetern in den Etappen, da konnte man ihn vielleicht packen. Im Ziel der Etappe 7, auf dem giftigen aber nicht ewig langen Anstieg zum Planche des Belles Filles, sprintete Pogarcar den späteren Sieger Vingegaard ab. Kurz vor der Ziellinie. Eigentlich zermürbend, aber Vingegaard blieb cool. Er wusste: Seine Stunde schlägt auf Etappe 11.

Die Stärke von Jumbo Visma bestand im besseren Team. Zusammen waren Wout van Aert, Primož Roglič, Jonas Vingegaard und Steven Kruijswijk klar stärker als das Team UAE Emirates rund um Pogacar. Aber wie könnte ein Einzelner davon profitieren? Auf der legendären Etappe 11 wurde die Taktik umgesetzt. Die Radsportwelt fiel aus allen Wolken. Schon 60 Kilometer vor dem Ziel am mächtigen Galibier griffen die Fahrer von Jumbo Visma abwechselnd an. Bei jeder Attacke musste Pogacar mit. Er wusste nicht, wer von Jumbo Visma gefährlicher sein würde. Vingegaard oder Roglič? Die beiden griffen abwechselnd an. Erst Roglič, dann Vingegaard, dann Roglič, dann Vingegaard. Van Aert war zu dem Zeitpunkt bereits vorne in der Ausreißergruppe. Hätte Pogacar einen Konkurrenten ziehen lassen, hätte dieser im Windschatten von van Aert kräftesparend zum Schlussanstieg gelangen können. Pogacar sass in der Falle. Er musste jede Attacke mitgehen. Am letzten langen Anstieg gingen ihm die Kräfte aus. Es war der Tag, an dem Vingegaard die Tour gewann.

Der Bluff von Jumbo Visma hatte schon Monate zuvor begonnen. Das niederländische Team wusste genau, dass Vingegaard bessere Chancen hatte als Roglič. Trotzdem schickten sie Roglič als Team-Kapitän ins Rennen. Um Überzahl zu erzeugen. Doch die Tour ist kaum zu berechnen. Auf Etappe 5 gings fast schief, bevor es hätte losgehen sollen. Die berüchtigten Kopfsteinpflastern des Nordens. Dort standen Vingegaard und Roglič fast zeitgleich am Straßenrand. Beide Maschinenschaden. Und wen hatte der große Sportskamerad Wout Van Aert wieder ans Peloton herangefahren? Es war sein junger Teamkollege Vingegaard, nicht der eigentliche Kapitän Roglič, wie man hätte erwarten können. Auch ein anderes Detail hatten findige Radsportexperten bereits bei Etappe 5 entdeckt: Sie hatten Vingegaards Ersatzrad entdeckt. Es befand sich auf den Dach des Teamwagens, wo es der Mechaniker im Auto am schnellsten greifen konnte. Rogličs Ersatzrad befand sich nur an Position 2. Der Verdacht war in der Welt: Jumbo Visma setzt auf den jungen Dänen. Hätte Pogacar diese Hinweise ernst genommen, hätte er gewusst, dass es sein großer Widersacher nicht sein eigener Landsmann Roglič ist. Ihn hätte er vermutlicher ziehen lassen können, in diesen legendären Minuten am Galibier als Radsportgeschichte geschrieben wurde. Aber er hatte die Schwächen seiner Gegner nicht genau genug studiert. Nur die Jungs von Jumbo Vimsa kannten seine. Und zwar sehr präzise.

Für diese Taktik, sagt Merijn Zeeman von Jumbo Visma, seien die Teambesprechungen mit Erik ten Haag eine wichtige Inspiration gewesen. Man möchte dem niederländischen Sport-Direktor zurufen, er mögen sich in diesen Tagen vielleicht nochmal bei ten Haag melden. Der hat so eben eine 0:4-Blamage in Brentfort zu verdauen, nachdem er sein Auftaktmatch gegen Brighton&Hove Albion verlorem hat. Der neue Trainer von Manchester United ist Tabellenletzter. Vielleicht könnten einige Inspirationen aus dem Radsport hilfreich sein.

Foto: Team Jumbo Visma