Das Eigentor im Sport – von Borna Sosa bis Wilfried Porth

Das Eigentor steht der Zielrichtung des eigenen Bemühens diametral entgegen und passiert trotzdem immer wieder. Überwiegend ummerweise!

Nimm du ihn, ich habe ihn sicher! Epic Fail! Slapstickartige Fehler mit hohem Schenkelklopffaktor und ungeahnten Folgen haben im Fußball Tradition. Dazu gehört auf jeden Fall das meines Wissens erste durch einen Einwurf verursachte Eigentor in der Bundesligageschichte. Es fiel 2018 im Heimspiel der Stuttgarter gegen Werder Bremen. Der VfB-Linksverteidiger Borna Sosa fand auf dem Spielfeld vor ihm so recht keinen Abnehmer für seinen Einwurf und kam in seiner Not auf die Idee, seinen Kollegen Ron-Robert Zieler im Tor mit ins Spiel einzubinden. Keine gute Idee. Der sah nämlich an seinem Stutzen nestelnd das nahende Unheil nicht kommen. Zieler wurde der Gefahr erst gewahr, als gefühlt das halbe Neckarstadion bereits in Sosas verzweifelte Warnrufe einstimmte. Da war es aber schon zu spät. Beim Versuch, den Ball noch vor der Torlinie zu erwischen, berührte er ihn ganz leicht, machte Sosas Einwurf so erst zu einem Eigentor und verhalf ihm und natürlich sich selbst zu ewigem Ruhm in der Pleiten-, Pech- und Pannengeschichte der Bundesliga. Dumm gelaufen. Borna Sosas Karriere geriet beim VfB danach kurz ins Stocken. Geschadet hat ihm dieses offensichtlich nicht, da er heute zu den unbestrittenen Leistungsträgern seines Vereins gehört. Borna Sosas aktuellstes Eigentor hat dagegen ein ganz anderes karrierehemmendes Kaliber.

Der 23-jährige kroatische „Flankengott“ der Schwaben, der angeblich auch beim FC Ruhmreich aus München bereits auf dem Einkaufszettel steht, wollte vor zwei Wochen ganz hoch hinaus. Zu hoch. Und so kam es Ikarus-gleich zum tiefen Fall. Mit einer „Blitzeinbürgerung“ bot er sich selbst als Lösung für die ewige Baustelle der Linksverteidigung in der deutschen Nationalmannschaft an. Leider bootete sich der nunmehr kroatisch-deutsche Jungstar damit unfreiwillig für eine weitere Karriere als Nationalspieler aus. Zumindest für die nahe Zukunft und egal für welches Land. Er selbst oder seine Einflüsterer in solchen Dingen hätten es wissen können oder gar müssen. Sein Mitwirken als 22-Jähriger im kroatischen U21-Nationalteam machte einem Fahnenwechsel dieser Art unmöglich. Ob Jogi Löw das als Verlust bewertet, ist fraglich. Der DFB hatte sich in der Vergangenheit zwar immer mal wieder aktiv per Einbürgerung Talente als potenzielle Nationalspieler gesichert, doch im Fall Borna Sosa ist dazu nichts Sachdienliches bekannt. Das war wohl eher so etwas wie eine misslungene Initiativbewerbung mit leicht geschöntem Lebenslauf, die eben aufgrund dessen nicht berücksichtigt werden konnte. Er kann einem etwas leidtun, der Borna Sosa. Dumm gelaufen.

Sein Image dürfte deshalb bei seinen deutschen Landsleuten aber keinen Schaden genommen haben. Bei der eher nationalistisch gesonnenen Fangemeinde der kroatischen Nationalelf dürfte dieses klassische Karriere-Eigentor weniger gut angekommen sein. Daher fiel vor ein paar Tagen Borna Sosas Entschuldigung bei seinen kroatischen Landsleuten entsprechend dramatisch aus. Die Entscheidung, die er getroffen habe, sei falsch gewesen, und er müsse nun selbst die Verantwortung dafür übernehmen. Er habe sich Illusionen hingegeben und wie jeder Sportler schon als Kind davon geträumt, bei großen Sportereignissen anzutreten. Ohne an Geld oder andere materielle Werte zu denken (selbstveständlich!), habe er davon geträumt, einmal bei Europa- oder Weltmeisterschaften aufs Feld zu laufen. Wenn der kroatische Verband der Ansicht sei, dass er, Sosa, zum Erfolg der kroatischen Auswahl beitragen könne, stünde er zur Verfügung. Ob’s hilft? Es hört sich fast so hilflos an, wie einst beim Gesundheitsminister Jens Spahn, der ob vieler grober Schnitzer in der Corona-Politik meinte, „Wir werden einander vieles verzeihen müssen.“ Warum er dabei die Notwendigkeit sah, dass ausgerechnet er selbst jemandem etwas verzeihen müsse und warum, das wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Ob in der Politik oder im Fußball, selbst die allergrößten Schnitzer sind so wie die Eigentore schnell vergessen und bleiben langfristig ohne Folgen. So wird Borna Sosas Karriere als kroatischer Nationalspieler früher oder später nichts im Wege stehen. Dafür ist er der Junge einfach zu gut. „Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär!“, wie es der Wiener Fußballspieler, Popsänger und Hobbyphilosoph Hans Krankl mal auf den Punkt brachte. Im Fußball zählt nur die „Performance“. Außer beim FC Bayern München, möchte man dieser Tage meinen. Für die Personalpolitik an der Säbener Straße gelten offensichtlich andere Gesetze. Mit Hansi Flick verlässt nach der aktuellen Saison, gemessen an der „Performance“, einer der erfolgreichsten Bayerntrainer aller Zeiten den Verein. Angeblich auf eigenen Wunsch. Und sein Trainerkollege Miro Klose, eine Bayernlegende mit hohem Identifikationspotenzial, tut es ihm stillschweigend nun gleich. Ein Trainer mit solch ausgewiesener Expertise wie Hansi Flick fällt in der Regel eher die Treppe rauf als runter. Was aus der Perspektive der Münchner Bayern für Flick einzig und allein das Amt des Bundestrainers bedeuten kann, weil alles andere eine Treppe runter ginge. Logisch.

Warum man Hansi Flick das Vertrauen entzog oder vielleicht auch andersherum, er dem FC Bayern das Vertrauen entzog, hat so oder so mit „Brazzo“ Salihamidzic zu tun. Der bereits als ewiger Praktikant abgetane, ehemalige Sportdirektor und heutige Sportvorstand der Münchner Bayern, hatte offensichtlich ein Problem mit Flick. Im Business-Sprech würde man sagen: Ein „High performer“ entlarvte seinen Vorgesetzten als „Low performer“, was selten gut ausgeht. Brazzo und seine Förderer kamen nur mit Flicks „freiwilligem“ Abgang ohne Gesichtsverlust aus dieser Nummer wieder raus. Auch das taugt zum klassischen Eigentor. Die Messlatte für Flicks Nachfolger liegt erfolgsbedingt nun jedenfalls ziemlich hoch. Ob Julian Nagelsmann der richtige für diesen Job ist? Mir kommt die strahlende Aura des Erfolgstrainers, die ihn bereits seit Jahren umgibt, irgendwie unwirklich und sozusagen „gefaked“ vor. Nagelsmann gilt als Toptrainer und wird nicht selten in einem Atemzug mit den „High performern“ Klopp und Tuchel genannt. Gefühlt kann er erfolgs- und trophäentechnisch bereits heute mit diesen mehrfachen Meistertrainern mithalten. Tatsächlich steht dort aber, trotz einer Ablösesumme von summa summarum 30 Millioenen, nur der Titel des Deutschen A-Jugendmeisters 2014 zu Buche, den er, selbst gerade einmal 25-jährig, als Trainer der U19 in Hoffenheim errang. Das traute man sich selbst bei meinen nicht gerade erfolgsverwöhnten Schalkern nicht als Trophäe zu verkaufen. Wünsche Nagelsmann trotzdem viel Glück. Das wird er noch brauchen. Der Trainerlegende Hermann Gerland nun schon aus der Ferne über die Medien mitzuteilen, dass er ihn zukünftig bei Bayern keinesfalls benötigen wird, das wird den Fans jedenfalls so gar nicht schmecken. Kein guter Move, Herr Nagelsmann, und vermutlich auch so ein klassisches Eigentor.

Abschließend soll auch ein besonders schönes Eigentor nicht unerwähnt bleiben, das jemand kürzlich und wiederum in Stuttgart geschossen hat. Der Schütze heißt Wilfried Porth, ein Aufsichtsratsmitglied beim VfB Stuttgart von Daimlers Gnaden. Herr Porth erfreut sich bei den Fans und Vereinsmitgliedern seit Jahren zunehmender Unbeliebtheit. Es ist vor allem seine selbstherrliche und arrogante Art, mit der er, ohne dabei jemals rot zu werden, die Interessen und Belange der Fans und Mitglieder des VfB Stuttgart, zumindest derer, die kein VIP-Ticket ihr Eigen nennen, aufs Gröbste zu missachten und zu verachten. In die anstehende Präsidentenwahl des Vereins VfB Stuttgart hat er sich nun als Aufsichtsrat der VfB AG satzungswidrig zum wiederholten Male eingemischt, um dem amtierenden Präsidenten Claus Vogt zu schaden. Zuerst mit der unverhohlenen Drohung, dass eine Wiederwahl Vogts das finanzielle Engagement der Daimler AG beim VfB infrage stellen könnte. Und nun aktuell, mit der an Hybris und Selbstüberschätzung kaum zu überbietenden Drohung, dass er, der Unverzichtbare, dem Aufsichtsrat nach einer Wiederwahl Vogts keinesfalls mehr angehören wolle. Wer also Vogt wähle, wähle ihn, den Unverzichtbaren, automatisch aus dem Amt. Ein Eigentor, wie es schöner nicht geht. Dumm gelaufen. Oder besser gesagt, wie es dümmer nicht geht. Und eine Steilvorlage, die sich viele Vereinsmitglieder bei der demnächst anstehenden Präsidentschaftswahl vermutlich nicht entgehen lassen.