Die Aussitzer

Eine Satire. Jede Ähnlichkeit mit einem Verein in Stuttgart, mit handelnden Personen oder mit Versammlungsprotokollen ist rein zufällig.

Gepflegtes Aussitzen gilt als eine hohe Kunst. Spätestens seit Helmut Kohl. Damals in der CDU-Spendenaffaire am Ende des letzten Jahrhunderts tat Kohl mit größtmöglicher Beharrlichkeit genau: Nichts. Seither gilt Aussitzen als edle Kulturtechnik. Vollendete Erstarrung in bequemer Haltung als effizientes Machtinstrument. Viele Politiker haben es versucht. Die Meisten sind irgendwann vom Stuhl geflogen. Als enger Verwandter des Aussitzens gilt im Fußball die hohe Kunst des Zeitspiels. Meist zelebriert als weinerliche Orgie des Selbstmitleids auf grünem Rasen. Schmerzgrimassenwettbewerb. Silas Wamangituka, eine feine Person, die in so vielem das gerade Gegenteil von Helmut Kohl darstellt, beherrscht das Zeitspiel mit besonderer Finesse. Er hat dem Aussitzen bewegende Variationen hinzugefügt. Die dreifach-vertikalen Toeloops, die er in seligen Zweitligazeiten präsentierte, haben sie ihm inzwischen abgewöhnt. Damals auf den Äckern der zweiten Liga nahm er sich rund eine halbe Minute, handgestoppt, bis er als Opfer eines rüden Fouls endlich ruhig liegen blieb, so dass man ihn behandeln konnte. In der Vorrunde anlässlich des Auswärtsspiels in Bremen fügte der fantasievolle Silas dem Aussitzen eine weitere, Aufsehen erregende Variante hinzu: Ausstehen statt Aussitzen. Allein. Erstarrt. Mit dem Ball direkt vor dem Bremer Tor. Aber lassen wir das. Die Szene ist längst ausgestanden. Die wahren Meister des Aussitzens findet man sowieso einige Etagen höher. Es ist die gute, alte VfB-Machtclique. Sie erscheint selbst dann noch als meisterhafte Sitzkünstlertruppe, wenn sie sich durch Abberufung der Finanz- und Marketingvorstände einen Aussetzer vom Aussitzen erlaubt. Fallen da noch mehr vom Stuhl? Es darf spekuliert werden.

Spekuliert wird seit Jahresbeginn rund um den Verein, der eigentlich gegründet wurde um Bewegungsspiele zu zelebrieren – und nicht das gepflegte Aussitzen. Warum, so fragen sich viele, haben die versammelten Schwergewichte auf den Bürostühlen nicht im letzten Herbst die verantwortlichen Marketingsoldaten weggelobt, fein abgefunden, ihnen neue Stellen besorgt, in aller Freundschaft und würdevoller Lautlosigkeit? Warum hat man sich nicht abgesprochen "zum Wohle des VfB" (bitte Geigenklänge einspielen) und sich stattdessen auf eine Blockade geeinigt, die lediglich von boden- und haltlosen Attacken auf den Aufklärungspräsidenten Vogt unterbrochen wurde?

Der Kitt, der die Clique auf den Stühlen fesselt

Einfach gefragt: Was verbindet die alte VfB-Mafia eigentlich? Als selbsterklärte Propheten der Ligaist diese Plattform natürlich wie kein zweites Medium dazu berufen, eine Spekulation zu vertiefen, die seit einigen Tagen durch die Presse geistert. Spiegel, Kicker und taz sind schließlich journalistische Medien. Der prophetische Blog ist das ausdrücklich nicht. Wir prophezeien lediglich, was noch kommen wird. Mehr nicht. Schließlich hat vor einer Woche der VfB Stuttgart selbst mit dem Finger in den Kitt getapst, der die Clique verbindet: die Ausgliederungsabstimmung. Sie könnte als wahre Meisterleistung des Aussitzens im großen Stil in die Fußballgeschichte eingehen. Schauen wir ins Protokoll der außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 1. Juni 2017.

Frage 1 von 6: Wer hat da eigentlich abgestimmt?

Notar Hagen Krzywon beurkundet, Stand 19.10 Uhr genau 12.778 Stimmberechtigte. Uhrzeit ist wichtig. Bei einer solchen Veranstaltung erscheinen viele unpünktlich. Laut übereinstimmenden Augenzeugenberichten gab es in den zwei Sektoren nur wenige Lücken. Ein Sektor bildete die Haupttribüne, auf der 10.000 Mitglieder Platz fanden. Als zweiter Sektor wurde die Untertürkheimer Kurve hergerichtet für ungefähr 4.000 Mitglieder. Ebenfalls erwähnt werden darf die Tatsache, dass es sich bei den 12.788 Menschen um Stimmberechtigte im Präsenzbereich handelte. Das bedeutet: All diejenigen, die sich damals nur eine Gratiswurst und ein Gratistrikot abgeholt hatten, wurden nicht gezählt. Es sei denn, sie haben sich genau um 19.10 Uhr kurz die Innenarchitektur des Stadions angeschaut. Unwahrscheinlich. Ergo: Zum Zeitpunkt der entscheidenden Abstimmung um 22.03 Uhr waren mehr Stimmberechtigte im Stadion, die korrekt beurkundeten 12.778. In der letzten Präsenzversammlung dieser Art, als Präsident Vogt gewählt wurde, kamen mehr als 10 Prozent zusätzliche Stimmen zustande als bei Versammlungsbeginn Mitglieder gezählt wurden. Begründete Spekulation: Am 1. Juni 2017 waren es mindestens 13.500, die für oder gegen die Ausgliederung ihre Stimme abgeben (wollten). Augenzeugen vermuten sogar noch mehr.

Frage 2/6: Wieviel Menschen haben abgestimmt?

Endlich eine einfache Antwort. Schauen wir ins Protokoll. Es gab vier Abstimmungen. Die ersten drei sind relevant. Nach der Ausgliederung drehten viele ab.

- Erste Abstimmung ab 19.35 Uhr: 9.038 abgegebene Stimmen.
- Zweite Abstimmung ab 21.38 Uhr: 8.735 abgegebene Stimmen.
- Dritte Abstimmung ab 22.03 Uhr (Top 4: Ausgliederung): 9.099 abgegebene Stimmen.

Frage 3/6: Wie wurde abgestimmt?

Es gab zwei verschiedene Abstimmungssysteme. Für den Bereich der Haupttribüne waren rund 10.000 Menschen vorgesehen. Wer später kam, wurde auf die Plätze der Untertürkheimer Kurve verwiesen. Der VfB wurde Opfer seiner eigenen, semi-aufrichtigen Ja-zum-Erfolg-Kampagne. Es kamen mehr Menschen als ursprünglich gedacht. Aber man wähnte sich gut vorbereitet. Für die Untertürkheimer Kurve stand ein zweites, fast separates Abstimmungssystem zur Verfügung. Die Menschen in der Kurve hielten Geräte mit Druckknöpfen sowie roten und grünen Lämpchen in der Hand. Wenn sie nicht funktionierten, also nur rotes Licht erschien, wurden die Abstimmenden angewiesen, mit dem Gerät auf die Masten zu zeigen. Schon bei der ersten Abstimmung bildeten sich Schlangen beim kurz eingelernten Hilfspersonal. Rote Lämpchen zuhauf. Dabei sollten die armen Helferinnen und Helfer die Leute nur in der Bedienung anleiten. Sie waren nicht ausgebildet, um technische Probleme zu beheben. Erst sagten sie den Mitgliedern, das grüne Licht wäre wichtig. Als zu viele rote Lämpchen leuchteten, setzte sich die Ansicht unter den Helferinnen und Helfern durch, dass trotz roten Lichts die Stimme zählen würde. Die Menschen auf der Haupttribüne hatten diese Sorgen nicht. Sie steckten eine persönliche Chipkarte ins Gerät und nahmen die Abstimmung vor. Man tauschte sich die Geräte aus, davon waren deutlich weniger als Chipkarten vorhanden. Alles funktionierte bestens. Die Haupttribüne wunderte sich nur über die Schlangen vor dem Hilfspersonal in der Kurve und über das Pfeifen, als jemand auf der Bühne feststellte, dass alles in Ordnung sei.

Frage 4/6: 3,2,1 - ist das nicht offensichtlich?

- Drei Abstimmungen mit jeweils unter 10.000 abgegebenen Stimmen.
- Zwei Stimmsysteme, eines davon für die Hauptribüne, die mit knapp unter 10.000 Mitgliedern voll besetzt war.
- Ein Abstimmungsergebnis, das perfekt zur Haupttribüne passt. Aber so gar nicht zu Haupttribüne und Kurve zusammen.

Etwa so offensichtich wie in Bremen, wenn Silas allein vor dem Tor steht, kein Werder-Spieler weit und breit. Die gewöhnlich gut unterrichteten Kreise bestätigen, dass für die Haupttribüne nicht mehr als 10.000 persönliche Chips zur Verfügung standen. Der VfB schweigt dazu in seiner Erklärung vom 6.2.2021. Von Antworten auf gestellte Presseanfragen, die auf diesen Punkt zielen, ist bisher nichts bekannt. Interessant an der VfB-Erklärung scheint vor allem das, was nicht drin steht: die Anzahl Stimmberechtigter, die ihre Stimme mit Chipgeräten abgegeben hatten. Offenbar wurden die Mitglieder in der Kurve schon frühzeitig ausgegliedert. Und zwar schon vor der Abstimmung.

Frage 5/6:
Was haben rund 4.500 stimmberechtigte Menschen im Stadion gemacht als gegen 22.03 Uhr die Abstimmung zur Ausgliederung geöffnet wurde?

Farben raten? Abendstimmung genießen? Alle Männer und Frauen auf der Toilette, gleichzeitig? Getränke holen? Die Abstimmung stand bis 22.21 Uhr fast 20 Minuten lang offen. Da tummeln sich also rund 4.500 stimmberechtigte Mitglieder aus reinem Spaß an der Freude an einem Donnerstagabend bei einer Veranstaltung, die nur für Hardcore-Bürokraten als "entertaining" erscheint? Der VfB spricht in seiner Erklärung davon, dass sie von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machten, nicht abzustimmen. Kann man so sehen. Wenn man den Brustring auf Augenhöhe hochzieht.

Frage 6/6 (eigentlich unwichtig): Selbst wenn, was würde es ändern?

Für die Ausgliederung wurden 75 Prozent der abgegebenen Stimmen benötigt. 84 Prozent wurden offiziell erreicht.
Allerdings: Bei nur 9.009 Stimmen. Die Augenzeugen berichten übereinstimmend, dass in der Kurve vermehrt ausgliederungskritische Mitglieder versammelt waren. Es ist mühsam zu spekulieren, ob das Verhältnis dort 70:30 pro Ausgliederung oder 50:50 gewesen sein könnte. Fest steht nur: Wenn eine Person bis zur Abstimmung bis 22.03 Uhr drei Stunden ausharrt, dann liegt die Vermutung nahe, dass sie gerne abstimmen würde. VfB-Mitglieder haben dies zu Tausenden nicht getan.

Es hat nicht funktioniert.

Zurück zum Aussitzen. Der Notar saß vorne auf der Bühne. Eine technische Prüfung, ob die Geräte in der Kurve wirklich funktionierten, hatte er laut Protokoll dem VfB-Justitiar überlassen. Alles in Ordnung, so ist es beurkundet. Klarer Fall. Der VfB-Justitiar hatte eine technische Prüfung beaufsichtigt, bei der zwei verschiedene Abstimmungssysteme verdeckt (anonyme Abstimmung) ineinander laufen. In wenigen Minuten. Ohne Zweifel. Tausendsassa Hilfsausdruck. Übrigens: Der selbe Dienstleister der Abstimmungstechnik lieferte zwei Jahre später für eine weitere VfB-Versammlung die Technologie. Ging (wieder) schief. WLAN-Gate. Dieser Dienstleister strandete später in der Insolvenz. Der Verein war daran nicht unbeteiligt. Der VfB wollte ihm nachweisen, dass er schuld am Debakel sei. Bei der Ausgliederung lief aber alles suuuper, selbstverständlich.

VfB-Fans können auch mal verlieren.

Nachdem diese Grundsatzentscheidung gefallen war, drehten viele Mitglieder resigniert ab. Nicht wenige traten postwendend aus dem Verein aus. Die große Diskrepanz der Stimmen wollte niemand ernsthaft problematisieren. Aus Gründen der sportlichen Fairness. Aus Frust. Weil man nicht als schlechter Verlierer da stehen wollte. Weil der Kampf sowieso verloren war. Weil es ja nicht sein konnte, dass in der Abstimmung etwas schief gelaufen war. Manche der Nein-Stimmerinnen und -Stimmer waren überhaupt nicht gegen eine Ausgliederung. Sie fanden nur, dass es dafür redliche Menschen gebraucht hätte. Und diese konnten sie weder auf dem Podium, noch dahinter erkennen. All dies erklärt, warum bis heute niemand befriedigend die tausenden Nicht-Wähler im Stadion erklärt. Außer dem VfB Stuttgart, dem Verein für perfektes Aussitzen einer technischen Panne, die er - Spekulation - als Geschenk genüsslich aussitzen konnte. Bis heute.

Ja, der Verdacht ist ungeheuerlich. Nochmals sei's gesagt: Es ist ein Verdacht. Mehr nicht. Niemandem soll Absicht unterstellt werden. Weit entfernt davon. Die Geräte haben 9.099 Stimmen angezeigt. Alles super: Ausgliederung! Olé, olé, VfB. Was Helmut Kohl konnte, können wir beim VfB schon lange. Vollendete Erstarrung in bequemer Haltung. Mal sehen, was passiert, wenn jetzt ein paar Leute aus der alten VfB-Machtclique von den Stühlen fallen. Die satirisch-seriöse Plattform "Propheten der Liga" hat da eine Ahnung.

 

PS.: Vielen Dank an alle, die an dieser Satire mitgearbeitet haben. Weiß jemand mehr zu den Punkten, die die offizielle VfB-Version einer Erklärung offen lässt? Freie Technik-Mitarbeiter? Jede und jeder im Verein würde sich freuen, wenn diese anhaltenden Zweifel endlich aufhören würden. Bitte aufstehen. Danke.