Der bodenlose Fußball

Tut mir leid. Ich hatte am Wochenende eine fußballromatische Phase. Beste Therapie: ein fünfzehn Jahre alter Bildband von Hans van der Meer. Ein hochaktuelles Kunstwerk.

Spaziergang, Händewaschen, Kräutergarten, Getränkemarkt - was haben wir nicht alles wieder entdeckt in dieser Pandemie. Nur nicht den guten Bildband. Die teuren Schinken schimmeln im Regal vor sich hin. Trotz zeitweiser Ausgangssperre keine Renaissance von Bildbänden. Was steht nicht alles rum bei mir: Bildbände sozialistischer Architektur und ecuadorianischer Eisenbahnlinien. Sammlungen von Naturaufnahmen. Alles toll, aber maximal einmal angeschaut. Wenn überhaupt. Mit einer Ausnahme: Hans van der Meers grandiose Sammlung "Spielfeld Europa." Das 2006 erschienene Meisterwerk ist aktueller denn je. Van der Meer zeigt Spielfelder von Portugal bis Rumänien. Das ist tatsächlich berührend. Vor allem wenn man sich im Vergleich die heutigen Bundesligaspiele vor Augen führt. Zugegeben: Etwas ungerecht ist der Vergleich. Gerade sind die Leute ausgesperrt. Laut ist allein das Gähnen des Stadions. Das müssen wir pandemisch hinnehmen. Klagen hilft nicht. sky-Kommentatoren tun dies übrigens besonders eifrig. Sie schleimen sich damit bei den Fans ein. Ihr Lamento übertüncht ein anderes Dilemma. Ohne Publikum sieht jedes Stadion gleich aus. Der Ort des Geschehens verschwindet. Wo gekickt wird, kann niemand mehr lokalisieren. Ein Blick in den Bildband wirkt wie Balsam auf die geschundene Seele des Fußball-Romantikers. Er erinnert daran, dass zum Fußball mehr als ein Spielfeld gehört. Ein Dorf, eine Landschaft, eine Betonsiedlung, Berge, Brücken, Meer – egal was. Aber etwas, woran man einen Ort erkennt.

tl_files/propheten_dark/stories/21_X_Blog/Spielfeld Europa 2.JPGDer Fotograf studierte in holländischen Archiven alte Fußball-Aufnahmen aus den Zwanzigerjahren. "Der Platz bildet nur den Vordergrund", schreibt er. Auf seinen Bilder verschafft er dem Betrachter einen umfassenden Überblick. Eigentlich etwas ganz Normales – und doch gänzlich ungewöhnlich: Fußball in seiner angestammten Umgebung. Als Fernsehzuschauer sehen wir heute so vieles: Superzeitlupen, kalibrierte Linien, Heatmaps. Aber wir sehen nicht mehr, wo sich alles abspielt. Wir sind ganz nah dran – und wissen trotzdem nicht wo.

Der Fußball verliert den Ort. Und jedes Maß.

Bevor bei Bulletinschreiber behandlungswürdige Fußballromantik im fortgeschrittenen Stadion diagnostiziert wird, schnell folgende Klarstellung: Der moderne Fußball ist nicht das Problem. Sondern der postmoderne. Bei diesem Entwicklungsschritt verliert der Sport seine Verwurzelung. Die Kickerei wird beliebig. Man muss kein Esoteriker sein, um zu begreifen, dass von jedem Schauplatz eine Aura ausgeht. Der Fußball arbeitet mit hohem Tempo an der Abschaffung seines eigenen Mythos. Inzwischen benötigt man ein seltsames Faible für Stadien, wenn man von innen die Unterschiede noch erkennen will. Egal ob Championsleague. Oder dritte Liga. Oder sonstwo. Innen sieht alles gleich aus – von Madrid bis Zwickau.

Schauen wir kurz nach, wer am Sonntag gespielt hat: Köln gegen Freiburg. Frankfurt gegen Mainz. Berlin gegen Bielefeld. So würde man es in der Umgangssprache beschreiben. Bei Berlin vielleicht noch Hertha dazusetzen. Berlin ist auch das einzige Stadion, das man erkennen würde. An der blauen Aschenbahn. Alle anderen Stadien ähnlich sich bis zum Schalensitz. Die Umgebung von Köln oder Frankfurt müssen wir uns schon dazu denken. Überall dasselbe: Ein durchoptimiertes Stadion. Einst waren es Tempel. Inklusive Charakter. Jetzt sitzen wir in anonymen Riesenschüsseln. Komplett überdacht. Keine Ecke offen. Die leeren Tribünen wirken wie ein Brett vorm Kopf. Die Spiele finden im Irgendwo statt. Köln hatte ein Heimspiel. Die Mannschaft hat es nicht gespürt, wegen der Pandemie. Wir haben es nicht bemerkt, wegen der Architektur.

Übrigens: Freiburg hat gewonnen. So sagen wir es. Weil wir den Ort als sinngebendes Merkmal einer Mannschaft begreifen. Vielleicht ein altmodischer Gedanke. Aber, Stand heute, ein entscheidender. In den meisten Fällen ist der Standort das verbindende Merkmal, auf das sich die Fans geeinigt haben. Trotz aller Kommerzialisierung und Globalisierung. In Deutschland entdeckt man nur zwei Klubs, die diesen Standortbezug einigermaßen überwunden haben. Erstens Bayern. Das sind die, die immer gewinnen. Zweitens St. Pauli, das sind die, für die man ist, wenn man weltanschaulich anders ist als Bayern. Der Rest lebt von seinem Standort.

Willkommen im Paradox des modernen Fußballs. Wir wollen von Klubs schwärmen. Von Identität. Am besten von Spielern, die sich mit dem Klub identifizieren. Wenn wir ehrlich wären: Die Spieler spielen vor allem für sich selbst. Die Klubs sind Unternehmen. Fussball ist eine Unterhaltungsindustrie. Mit Investoren wird er noch besser. Dass diese per Definition den Profit im Auge haben, und nicht den sportlichen Erfolg, das blenden Fans gerne aus. Globalisierung ist super. Aber gefällig nach Fußballregeln. Geht das überhaupt?

Antwort: schwierig.

Zum Beispiel RB Leipzig. Die Retortenversion eines Bundesligisten ist ein österreichisches Projekt. In Leipzig wurde es angesiedelt. Ein Leipziger Verein wird es niemals. Ein Kunstprodukt. Nicht zu akzeptieren, bevor der letzte Fußballromantiker zu Grabe getragen wurde. Die Superleague hätte es auf die Spitze getrieben. Neulich hatten wir im Halbfinale das Spitzenspiel einer Weltauswahl, die von Abu-Dhabi-City zusammengekauft wurde (mit Stadion in Manchester) gegen eine andere Weltauswahl von Qatar (mit Stadion in Paris). An welchem Ort das Spiel stattgefunden hat, interessiert schon lange keinen. Bemerkenswert: Die Scheichs haben die Idee der Ortsgebundenheit ebenfalls gut verstanden. Sie bestehen auf das Flair des Standorts. Sie interessieren sich nicht für ein Spiel des qatarischen Tabellenführers Al-Sadd Doha gegen den Tabellenführer der Arabian Gulf League Al-Jazera Abu Dhabi. Schade eigentlich. Dann könnten sie Manchester City in Ruhe lassen.

Die Speerspitze des entwurzelten Fußballs

Überraschung: Die deutsche dritte Liga entpuppt sich als First Mover. In dieser Spielzeit demonstriert sie mustergültig, wie beliebig ein Spielort in der Postmoderne sein kann. Uerdingen spielt in Lotte. Türkgücü irgendwo in München. Saarbrücken spielt in Völklingen oder Frankfurt. Verl in Paderborn. Falls Viktoria Berlin aufsteigt, oder der TSV Havelse, werden mehr als ein Viertel der Klubs dauerhaft an einem anderen Ort spielen. Heimvorteil ist irgendwie Achtziger. Eine logische Entwicklung. Das Geld wird im TV verdient. Wo das Spiel in der Realität statt findet, verliert jede Bedeutung. Selbst wenn Zuschauer erlaubt sind, wird sich das nicht mehr ändern. Milliardäre wie Ismaik (60 München), Ponomarev (Ex-Uerdingen) oder Kivran (Türkgücu) sind an der Kohle interessiert. Es geht um die Zweite Liga. Das Hier und Jetzt ist nur ein lästiges Zwischenstadium. Für sie spielt es keine Rolle, wo ihre Mannschaften in der Dritten Liga auflaufen. Sie lehnen sich zurück, und fordern die Städte Krefeld und München auf, ihnen gefälligst ein Fußballstadion aus Steuermitteln hinzustellen. Willkommen im postmodernen Fußball. Ein bodenloses Geschäft.

Nochmal zurück in die Bundesliga. Wer steigt noch ab, außer Schalke? Vielleicht Köln, vielleicht Bremen, vielleicht Bielefeld und Augsburg. So ist das im Fußball. Im Eishockey könnten Haie absteigen, Eisbären oder Wild Wings. Handballer heulen mit den Löwen und starren auf Eulen. Allein die Fußballtradition hält den Etikettenschwindel aufrecht, die Städte und Dörfer in den Mittelpunkt zu stellen. Die Soziologen sprechen von einer Identifikationsfläche. Die Romantiker fühlen sich erkannt. Kein Wappen, keine Farbe, kein Marketing-Lametta wird die Magie des Standortes je ersetzen. Nicht im Fußball.

tl_files/propheten_dark/stories/21_X_Blog/Spielfeld Europa 3.JPGDrum lohnt es sich, nochmal im schönen Bildband zu blättern. Er zeigt den Fußball, wo er hingehört. Das Spielfeld niemals größer die untere Bildhälfte. Der Blick fällt unweigerlich auf Hochhäuser, Landschaften und den großen weiten Horizont. Van der Meer fuhr mit einem Kleintransporter an Schauplätze. Er hatte eine Leiter dabei, manchmal sogar eine kleine Hebebühne. Von oben fotografiert, wird der Horizont weiter. Dieses optische Gesetz gilt für alle Orte der Welt. Nur die Stadien des postmodernen Fußballs bilden eine Ausnahme. Du siehst immer nur leere Tribüne. Beton der Postmoderne.