Die Cannstatter Verschwörung

Wie Claus Vogt und Alexander Wehrle angeblich den VfB Stuttgart zugrunde richten und was das mit Verschwörungstheorien zu tun hat…

Es steht offenbar schlimm um den VfB Stuttgart. In den einschlägigen Fan-Foren von Twitter über Facebook bis hin zum Portal Transfermarkt.de wird von zahlreichen Fans seit einigen Wochen mit einem nicht nachlassenden Furor der ganz nahe bevorstehende Untergang des VfB beschworen. Und dass der nur zu verhindern sei, wenn in der Geschäftsstelle an der Mercedesstraße endlich mal die Köpfe rollen. Und zwar die der Richtigen. Namentlich stehen vor allem der Geschäftsführer Alexander Wehrle und dazu der Vereinspräsident Claus Vogt im Visier der selbsternannten Schutzpatrouillen des VfB. Ganz grob gezeichnet werfen ihnen die wortführenden Vertreter der Social-Media-Anklage Folgendes vor.

Claus Vogt und Alexander Wehrle, synonym auch häufig nur die „Grinser“ genannt, werden verdächtigt, eine Verschwörung gegen den Verein zu planen und ihm vorsätzlich Schaden zuzufügen, in dem sie durch ihre getroffenen Personalentscheidungen die zuvor vorhandenen Machtstrukturen des Vereins zum Nachteil verändern. Im Detail sieht das so aus: Claus Vogt gilt als Strippenzieher dieser Verschwörung, da er mutmaßlich eigenmächtig die Berufung Alexander Wehrles zum Geschäftsführer des Vereins durchgesetzt habe, als Nachfolger des überaus beliebten Thomas Hitzlsperger, der dem Präsidenten Vogt zuvor immer schon ein Dorn im Auge gewesen sei. Wehrle habe zuvor den FC Köln im Alleingang zugrunde gerichtet, was Vogt eher als Referenz denn als Hindernis gesehen habe. Wehrle diene ihm als willfähriges Werkzeug nur dazu, endlich die Ära des Sportdirektors Mislintat und des Trainers Matarazzo zu beenden, die untrennbar mit seinem angeblichen Intimfeind Hitzlsperger und dessen Amtszeit verbunden sei. Bei Matarazzo sei das schon erfolgreich geschehen und perfiderweise habe man Mislintat dazu auch noch dazu gezwungen, seinen Freund Rino selbst hinauszuwerfen. Vogts Rachefeldzug kenne keine Grenzen.

Mislintats Position sei zudem, hinterhältigerweise, durch die Einbindung der ehemaligen VfB-Spieler Khedira, Lahm und Gentner als Berater und zusätzliche sportliche Kompetenz in den Entscheidungsgremien, erheblich geschwächt worden. Es könne nur noch eine Frage der Zeit sein, dass auch Mislintat ein Opfer dieser Verschwörung werde, was definitiv den vollständigen Untergang des Vereins zur Folge habe, was es unbedingt zu verhindern gelte. Selbst bei der Auswahl des neuen Trainers suche man vorsätzlich nur nach Kandidaten, mit denen Mislintat nicht zusammenarbeiten könne, was ebenso seiner Person schade. Selbst eine Petition namens „Wehrle raus“, die aus dem Nichts heraus anonym gestartet und von 10000 Fans unterschrieben wurde, habe es bisher nicht vermocht, dieser Verschwörung ein Ende zu bereiten. Erschwerend komme noch hinzu, dass sich das Duo Vogt und Wehrle dabei auf ein suspektes Netzwerk von Propagandisten in der Fanszene verlassen könne, die Vogt bereits ins Amt geschrieben hätten und nun als Lohnschreiber in Vogts Auftrag ohne Unterlass versuchen, die Existenz dieser Verschwörung zu leugnen.

Das Ganze lässt sich auszugsweise am besten mit einigen Originalzitaten der selbsternannten Social-Media-Ankläger illustrieren. Sie sind willkürlich ausgewählt, aus unzählig vielen mit ähnlichen Inhalten:

  •  „dringender appell an die herren wehrle, vogt und co: reißt euch im Sinne des VfB zusammen. sonst fahrt ihr nicht nur den laden komplett an die wand, sondern habt auch bald beliebtheitswerte unterhalb dem Dietrich/Mäuser Gefrierpunkt“
  • „(Vogt) Ein untragbar intriganter, feiger Hund, der einen nach dem anderen auf übelste Weise über Dritte schädigt und mobbt. Es gibt viele Opfer nicht nur Hitzlsperger, Rino und Sven. Das hoffen auf oder gar erzeugen von Krisen, um daraus hochzuklüngeln ist der Weg.“
  • „Wenn Wehrle, Vogt und Co. Mislintat loswerden wollen muss man halt auch die Eier haben dies auszusprechen. Dies wäre Führungsstärke, auch wenn es eigene Sympathiewerte kostet. Dieses subtile, inszenierte Gemobbe über alle Kanäle schadet dem #VfB schon seit langem.“
  • „Dieses unterschwellige, süffisante Grinsen von #Wehrle im Interview bringt mich fast dazu meinen TV zu beschädigen. #WehrleRaus“
  • „In der Art wie Wehrle den Sportdirektor diskreditiert und angeht, bin ich gespannt WEN Wehrle dann als Ersatz präsentieren will, der vermeintlich besser als Mislintat ist.“
  • „Anderer Take - Laut meinem Kumpel hat Vogt am Mittwochabend völlig von Hoeneß geschwärmt in der Bahn, was wenn es Wehrle sein Vorschlag war, aber Sven abgelehnt hat? #VfB Weil Vogt ist ja eher Pro Wehrle - Tag davor kam Zsolt Löw was eher nach Sven sich anhörte.“
  • „Hannes Wolf wäre nicht abgeneigt beim #VfB wieder Trainer zu werden. Doch die ungewisse Zukunft von Mislintat verhindert Gespräche.“
  • „MAN ES KOTZT MICH AN, WEHRLE RAUS ECHT Ich wollte eigentlich meine Fresse halten, einfach dass ich meine Ruhe hab, aber es geht mir so krank auf den Zeiger wie dieser Kasper uns jede Chance auf nen guten Trainer verbaut, weil er mit FUCKING SVEN MISLINTAT nicht verlängert!!!“

Was geht da ab?

Diese „Cannstatter Verschwörung“ ist bei Licht betrachtet nichts anderes als eine durch die sozialen Medien verbreitete und durch die Boulevardmedien durch Desinformation getriggerte Verschwörungstheorie, die nicht so einfach aus der Welt zu schaffen ist. Sie ist dazu ein Musterexemplar dafür, mit welchen Mechanismen Verschwörungstheorien in den sozialen Medien entstehen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind für die Entstehung von Verschwörungstheorien einige Grundfaktoren nötig. Die Voraussetzung, die Menschen überhaupt für Verschwörungstheorien anfällig macht, sind beispielsweise äußere Umstände, die durch Unsicherheit und Ungewissheit gekennzeichnet sind. Das können Krisen sein wie beispielsweise die Corona-Pandemie, ein Vertrauensverlust in die handelnden Personen in der Politik oder die Bedrohung des persönlichen Status in finanzieller oder existenzieller Hinsicht. Auf die „Cannstatter Verschwörung“ übertragen, ist die Grundvoraussetzung exemplarisch erfüllt. Die sportliche Krise des VfB ist real, vor allem vor dem Hintergrund gleich zweier frustrierender Abstiegsszenarien in der Vergangenheit sorgt sie für Unsicherheit und Ungewissheit bei den Fans. Das Vertrauen in die handelnden Personen beim VfB wurde bereits häufig zuvor und wird nun aufs Neue gerade auf eine harte Probe gestellt. Und das ist der perfekte Humus für eine Verschwörungstheorie.

Fußballfans neigen dazu, bei Erfolgen den Status Quo und die handelnden Personen mit Verve zu glorifizieren und jene bei Misserfolg mit einer gewissen Zeitverzögerung mit der gleichen Verve zu kritisieren. Beim VfB hat es zudem seit Jahrzenten eine gewisse Tradition, die Gründe für das Ungemach und die sportlichen Krisen des Vereins vor allem in der Vereinsführung zu suchen und weniger bei den Akteuren auf dem Platz. In den letzten zwanzig Jahren gingen von Manfred Haas bis zuletzt Wolfgang Dietrich gleich fünf Präsidenten, jeweils in krisenhaften Zeiten von Bord. Der Abgang des letzten Präsidenten stellte für die Fans ein geradezu traumatisches Erlebnis dar, hatte Dietrich doch durch seine Machenschaften die Mitglieder zu reinem Stimmvieh degradiert und das Vertrauen der Fans in die verantwortlichen Gremien scheinbar irreparabel zerstört. Die Mitglieder und Fans wünschten sich danach einen anderen VfB. Mit einer anderen Führungskultur und einem durchgängig integren Auftreten der handelnden Personen. Mit der Wahl Claus Vogts bekam man einen Präsidenten, der versprach sich stets energisch für die Belange der Fans und Mitglieder einzusetzen. Das tat er eher im Hintergrund und ohne viel Getöse, als kompletter Gegenentwurf zu seinem Vorgänger. Ob mit Erfolg das sei dahingestellt. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Die nachfolgenden Erfolge und Sympathi-Boni fielen nicht so sehr auf ihn, sondern vor allem auf das bei den Fans äußerst beliebte Trio Hitzlsperger, Mistlintat und Matarazzo zurück. Nachdem Hitzlsperger mit seinem offenen Brief den Präsidenten Vogt angegriffen hatte, war er trotz eines umgehend mit ihm geschlossenen Burgfriedens in seiner Position nicht mehr haltbar. Und genau das ist die Wurzel der Verschwörungstheorie, die sich nun aktuell hartnäckig in den Köpfen einiger Fans festgesetzt hat und teilweise skurrile Blüten treibt. Denn nun steht in der nächsten sportlichen Krise Claus Vogt im Zentrum der Kritik, dem unterstellt wird, die vom allseits beliebten Trio übriggebliebenen Matarazzo und Mislintat nun auch bis aufs Blut bekämpfen zu wollen. Die beiden, genießen bei vielen Fans quasi einen Kultstatus und gelten als unantastbar. Sie sind die beiden Galionsfiguren des Vereins, von denen man sich in der Krise noch Halt verspricht. Die Grundlage für dieses plötzliche Misstrauen in den Präsidenten ist nicht nur in seinem Machtkampf mit Hitzlsperger zu suchen, sondern auch in der Bestellung von Alexander Wehrle zum Geschäftsführer zu seinem Nachfolger als Vorstandsvorsitzender, nachdem diese Position sehr lang vakant war.

Womit wir schon beim ersten Narrativ der Verschwörungstheorie wären. Wehrle sei auf ausdrücklichen Wunsch Vogts Geschäftsführer beim VfB geworden, weil er einen Nachfolger suchte, der ihm gegenüber, anders als Hitzlsperger, loyal sei. Was natürlich vollkommener Humbug ist, da der Verein das Auswahlverfahren auf viel Schultern verteilt hatte und Vogt keinen normativen Einfluss auf das Verfahren hatte, aus dem Wehrle letzten Endes als bester Kandidat hervorging. Dass hindert aber manche Anhänger der Cannstatter Verschwörungstheorie nicht daran, in Wehrle trotzdem nur einen willfährigen Gehilfen Vogts zu sehen, der von ihm aufgrund dieser Eigenschaften ausgewählt wurde.

Das zweite Narrativ der Verschwörungstheorie dreht sich um Wehrles Qualifikation als Geschäftsführer. Vogts Verschwörung gegen den Verein lässt sich umso plausibler begründen, je schlechter die Reputation Alexander Wehrles dargestellt wird. Über Wochen gaben sich deshalb die Adepten der Verschwörungstheorie große Mühe, Beweise dafür zu erbringen, dass Wehrles Amtszeit in Köln ein komplettes Desaster gewesen sei. Bis auf ein paar negativen Zitate aus Kölner Fan-Foren kam dabei nicht viel heraus. Dass im Prinzip alle Fußballmedien die Ära Wehrle beim FC durchweg als Erfolg für den Effzeh gesehen haben, wurde nicht wahrgenommen, weil es nicht ins Narrativ passte. Was manche nicht daran hinderte, mit weiteren rufschädigenden Spekulationen rund um Wehrle das Ganze noch anzuheizen.

Dass dritte Narrativ der Verschwörungstheorie wurde aus dem Deal gesponnen, den der Vorstandsvorsitzende Wehrle auf seine Initiative in Kooperation mit dem Aufsichtsrat mit den ehemaligen Spielern Lahm, Khedira und Gentner geschlossen hat. Insbesondere die Vereinbarung mit Gentner, der perspektivisch in der Sportdirektion einen Posten bekleiden soll, war hier der Stein des Anstoßes. Sie löste bei den Verschwörungsinteressierten sogleich den Reflex aus, dass auf diese Weise der unantastbare Sven Mislintat durch Vogt und Wehrle aus dem Amt gedrängt werden solle.  Und das Ganze, in diesem Punkt stieg dann die Bildzeitung mit ihrer Desinformationskampagne ein, ohne dass Sven Mislintat darüber informiert worden sei, dass sich zukünftig in seinem Verantwortungsbereich etwas ändern soll. Einige offizielle Statements von Seiten Wehrles und Mislintats später war eigentlich schon gut erkennbar, dass Mislintat nicht großartig darüber verstimmt war, sondern ganz im Gegenteil und dass das Ganze als Beispiel für schlechte Kommunikation und Kooperation auf der Führungsebene zu den Akten gelegt wurde. Doch die Boulevardmedien hatten Blut geleckt und ließen nicht locker über einen Dissens im Verein zu spekulieren und die Spekulation ist nun mal das Elixir, das derartige aus dem Nichts geborene Narrative am Leben erhält.

Das gesamte Gedankengebäude der Verschwörungstheorie kam dann plötzlich statisch kurz ins Wanken, in dem Moment als der in den Augen der Verschwörungstheoretiker unantastbare Mislintat den Trainer Matarazzo, also den anderen Unantastbaren, wegen Erfolgslosigkeit entlassen musste. Dieser nicht zu leugnenden Tatsache begegnete man jedoch gleich mit dem nächsten Narrativ, um die Statik wieder zurechtzurücken. Mislintat habe diese Entlassung garantiert nur widerwillig ausgesprochen, auf Geheiß von Wehrle und, natürlich, auf Betreiben des Präsidenten Vogt. Die von Mislintat und allen anderen Beteiligten bestätigte Tatsache ist jedoch die, dass diese Entscheidung nach reiflicher Überlegung und im Konsens getroffen wurde.

Die Spekulationen zu der daraufhin umgehend einsetzenden Suche nach einem neuen Trainer bilden nun das vorerst letzte Narrativ der Verschwörungstheorie. Es wurden von den Spezialisten der Desinformationskampagne per Name-Dropping alle möglichen, gerade verfügbaren Trainer, als Nachfolger Matarazzos ins Spiel gebracht. Von Hoeneß über Tedesco bis hin zu Yogi und Zsolt Löw wurde alles was sich Trainer schimpft mit dem VfB in Verbindung gebracht. Die Verschwörungstheoretiker spekulierten fleißig mit und waren sich jeweils ganz sicher, dass ausgerechnet die Trainer, die Mislintat favorisierte, immer gleich von Wehrle und Vogt verhindert wurden. Da kam ihnen zu Pass, dass etwa Sebastian Hoeneß Alexander Wehrle telefonisch mitgeteilt haben soll, dass er nicht zur Verfügung stehe. Und das, obwohl sich im Nachhinein herausgestellt hatte, dass niemand vom VfB überhaupt mit ihm verhandelt hatte. Genauso wenig wie mit den anderen im Boulevard genannten Trainern. Da den Verschwörungsspezialisten das Narrativ um die Trainersuche zu entgleiten drohte, setzte man einfach noch eins oben drauf und behauptete einfach, dass Wehrle nicht nur einen Trainer ausschließlich seines Gnadens suche, sondern im gleichen Zuge auch Mislintat zu ersetzen gedenke und zwar durch Horst Heldt.

Egal welches dieser Verschwörungsnarrative man sich anschaut. Darin ist nichts aber auch wirklich gar nichts der Realität entlehnt. Den Verschwörungstheoretikern ist tatsächlich selbst die dümmste Spekulation als vermeintliche Wahrheit unterzujubeln. Sie sind ihrer kognitiven Dissonanz offensichtlich so sehr selbst auf den Leim gegangen, dass ihnen ein Rückschritt und die Erkenntnis dieser Dissonanz als unmöglich erscheint. Das würde einen Gesichtsverlust bedeuten. Sie sind so sehr auf die durch diese Verschwörungstheorie zu schützenden Protagonisten fixiert, dass sie selbst deren Fehlbarkeit und Fehler nicht als solche erkennen wollen. Matarazzo wurde angeblich ein Opfer dieser Verschwörung und nicht der mangelnden Ergebnisse auf dem Platz und Mislintat wird in ihren Augen, egal was er sich beim VfB noch leistet, ebenfalls immer das Opfer sein. Und das wird dann der Gegenstand des nächstes Narrativs der Cannstatter Verschwörung sein. Da kann Mislintat noch so oft beteuern, dass er mit Vogt und Wehrle kein Problem hat.

Doch diese Betrachtung wäre nicht vollständig, wenn ich sie nicht selbst noch um ein Verschwörungsnarrativ bereichern könnte: Ihr Mislintat-Beschützer habt seit letzter Woche neue Mitspieler, die das manipulative Narrativ-Geschäft als Kampagnenprofis aus dem Effeff beherrschen. Die machen keine „Wehrle raus“-Plakate zum Selbstausdrucken, die keine Sau interessieren. Die arbeiten mit größerem Besteck. Weiß ich aus dem Internet. Gegen die seid ihr Verschwörungsdilettanten. Die wollen nicht nur Mislintat an den Kragen, sondern Claus Vogt gleich dazu. Wenn die den Verein wieder übernehmen, dann gute Nacht. Die Reconquista läuft bereits auf Hochtoren. Und ihr seid gerade nur ihre Steigbügelhalter und nützlichen Idioten.  Na, was haltet ihr davon?