Hessen zwischen Motten und Hanau

Irgendwo im Mittelfeld Deutschlands treibt sich Hessen rum. Der durchschnittliche Reisende fährt gerne durch, auf dem Weg nach Sonstwo. Länger als ein Rastplatz oder einmal Umsteigen bleiben wenige. Ein Fehler! Ein großer Fehler! Wer den Fußball liebt, kann zwischen Hanau und Motten so vieles entdecken. Vieles außerhalb der üblichen Fußballlandkarte.  Jonas Schulte kennt jeden hinterhessischen Winkel. Kürzlich ist sein Buch "Fußballheimat Hessen" erschienen. Die vielleicht größte Leistung des Hessenaktivisten: Er hat sich auf 100 Fußballorte beschränkt. Als Autor der württembergischen Fußballheimat wollte ich von Jonas wissen, was so speziell am hessischen Fußball ist.  Ich habe ihn dabei ausdrücklich nicht gebeten, sich kurz zu fassen. Locker kontert er Eintracht Frankfurt mit dem FC Nieder-Florstadt. Sein Alltime-Hero spielt für Adler Weidenhausen. Man muss ihn lieben, diesen Kreisklassenromatiker.

Jonas, gibt es spezifische Charakterzüge oder Eigenschaften der Hessen, die sich im Fußball wiederfinden?

Wenn man das Land Hessen als menschlichen Charakter symbolisieren wollte, dann hat es für mich eine manchmal unterhaltsame, bipolare Persönlichkeitsstörung. Wir müssen uns ja nur mal die Landkarte anschauen. Es gibt diese zwei Pole. Da ist auf der einen Seite das riesige, teilweise protzige und aufmerksamkeitsfressende Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt als Schmelztiegel. Für die meisten hier hört der Horizont kurz hinter von Marburg auf. Nordhessen ist hier eher egal. Andersherum gibt es mit Nordhessen eine beschauliche, weitgehend ländlich geprägte Region mit Kassel als Zentrum. Und die Nordhessen finden es eher doof, dass sich in Südhessen niemand so recht für sie interessieren mag. Desinteresse auf der einen und der Ärger darüber auf der anderen Seite nähren sich stetig und wechselseitig. Und das spiegelt sich auch im Fußball wider. Wenn man sich mit Fans des KSV Hessen Kassel unterhält, dann kommen alle Vereine südlich von Marburg aus „Scheiss Südhessen“ - wobei auch Teile Mittelhessens gleich mit in Sippenhaft genommen werden. Umgekehrt habe ich selten Jemanden aus Südhessen „Scheiss Nordhessen“ brüllen hören. Und zwischen diesen Polen gibt es dann noch Regionen, die sich dieser Bipolarität entziehen und ihr eigenes Ding machen. Als Beispiel sei hier ganz grob Osthessen genannt, wo gefühlt jeder Dorfverein allwochenendlich Begeisterungsströme auslöst und die Menschen auf den Sportplatz pilgern, weil sie Lust haben, hinter ihrem Ort zu stehen. Und diesen Enthusiasmus merkt man ihnen auch an. Das alles sind übrigens meine persönlichen, subjektiven Eindrücke aus 12 Jahren Hessenhopping. Sie halten möglicherweise keiner wissenschaftlichen Überprüfung Stand. 

Die größte Mannschaft, die Hessen jemals gesehen hat, war die Eintracht, die 1960 im Finale des Europacups gegen Real gespielt hat? Oder hab ich was übersehen?

Rein sportlich mag das ja stimmen. Und tatsächlich kommt nach der Eintracht ja lange erstmal gar nichts. Mit Darmstadt 98 und den Kickers aus Offenbach vermochten auch andere Hessen, die Bundesliga aufzumischen. Aber Größe kann man ja auf verschiedenen Ebenen zeigen. Klar, die Eintracht ist auf Profifußball-Ebene schon ganz vorne. Aber zu wahrer Größe auf Amateurebene wuchs für mich auch die Mannschaft des FC Nieder-Florstadt aus dem Jahr 1972/73 heran. Die Männer aus der Wetterau sind bis heute der einzige Kreisligist, der es jemals vermocht hat, den Hessenpokal zu gewinnen. Das, finde ich, hat auch etwas mit sportlicher Größe zu tun, wenn man allein mit so Tugenden wie Kampfgeist und unbedingtem Zusammenhalt als Underdog die eigentlich Größeren zur Verzweiflung bringt und am Ende Pokalsieger wird. Auf der Amateurebene gäbe es noch einige weitere gute Beispiele für Größe. Die gibt’s dann im Buch. 

Wer ist dein All-Time-Hero des hessischen Fußballs?

Wo fange ich da nur an? Wenn die Frage auf eine Persönlichkeit abzielt, dann ist es für mich Sören Gonnermann. Der Vollerwerbs-Landwirt aus dem Nordosten Hessens. Der Mann schießt für seinen Verein Adler Weidenhausen Jahr für Jahr die Verbandsliga Hessen Nord in Schutt und Asche. Er hat mehr als 300 Pflichtspiele für Weidenhausen gemacht und noch mehr Tore. Mehr Tore als Spiele, das ist sowas, das man sonst ja nur von Gerd Müllers Länderspiel-Statistik kennt. Und trotz höherklassiger Angebote und dem zweimaligen Werben von Hessen Kassel, entschied sich Gonnermann für seinen Beruf als Landwirt und sein familiäres Umfeld bei Adler Weidenhausen. Und daran, Sören Gonnermann nicht verpflichten zu können, sollte Hessen Kassel noch zu knabbern haben. Denn 2019 mussten die Kasseler im Hessenpokal nach Weidenhausen. Klar war Kassel turmhoher Favorit, aber das scherte Sören Gonnermann herzlich wenig. Vier Tore schenkt er dem KSV ein und sicherte seinem Verein Adler Weidenhausen so das überrascchende Weiterkommen – als wäre das noch nicht kitschig genug, passierte das Ganze auch noch zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins. Das Beste an Sören Gonnermann: Trotz seines Heldenstatus' ist er einer der bescheidensten Menschen, die ich im Fußball je erlebt habe. 

Welche Klubs dominierten in der Gründerzeit des Fußballs vor dem 1. Weltkrieg und was ist heute noch von denen übrig?

Die Eintracht war irgendwie immer schon da. Beziehungsweise deren Vorgängervereine Kickers und Victoria. Aber neben Frankfurt waren es vor allem die Städte Kassel und Hanau, die schon einen gewissen Erfolg vorweisen konnten. Der 1. Hanauer FC 1893 sollte ja schon 1894 zum Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft antreten. Da gab es noch keinen DFB und der Fußball wurde von vom Cricket-Verband mitorganisiert. Weil sich die Hanauer aber die Bahn-Anreise nach Berlin nicht leisten konnten, ging die erste Fußballmeisterschaft kampflos an Viktoria Berlin. Das Finale wurde ja 2007 nachgeholt. Da konnte Viktoria Berlin den Titel dann auch sportlich gewinnen. Auch der Casseler FV 95 hat schon 1903/04 an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft mitgemischt. Mit Gustav Hensel stellte der Verein sogar einen Spieler der allerersten deutschen Fußnall-Nationalmannschaft, die beim Premieren-Länderspiel 1908 in Basel gegen die Schweiz verlor. Der allererste Torschütze für eine DFB-Elf war natürlich auch ein echter Hessebub. Es war Fritz Becker vom Eintracht-Vorgänger Frankfurter Kickers. Die Flanke zum Tor gab – wenig überraschend – eben schon erwähnter Gustav Hensel. Der hatte übrigens schon nach nur einem Länderspiel wieder genug vom Fußball und konzentrierte sich auf seine berufliche Laufbahn als Weinhändler. 

Welche Clubs bestimmten in Hessen die Zwischenkriegszeit?

Die Eintracht war auch da natürlich mit dabei und erreichte 1932 das Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen Bayern München. Aber auch der FSV Frankfurt stieg zu formidabler Stärke auf. 1925 haben die Bornheimer sogar ebensfalls das Endspiel um die deutsche Meisterschaft erreicht. Und die damals ja berühmten Kicker vom 1. FC Nürnberg brauchten sogar die Verlängerung um den 1:0-Sieg klarzumachen. Was man aber nicht vergessen darf: Die Stadt Kassel war zu der damaligen Zeit ein echter Fußball-Hotspot. Mit den Rothosen vom CSC 03, dem Spielverein 06 Rothenditmold und dem SV Kurhessen Kassel haben gleich drei Vereine aus dem Stadtgebiet regelmäßig in der höchsten Spielklasse mitgemischt. Und mehr noch: Alle drei Vereine haben auch dann und wann mal die Endrunde um die deutsche Meisterschaft erreicht. Wenn man die Statistik durchliest fällt auf, dass Schalke 04 immer mal wieder nach Kassel zu Endrunden- oder Pokalspielen nach Kassel reisen musste. Und dann muss man wieder auf Hanau 93 zu sprechen kommen, die sich auch stetig in die Meiterschafts-Endrunden vorspielte. Der VfB Stuttgart kann übrigens ein Klagelied davon singen, denn im April 1935 haben die Hanauer den VfB mit einem 3:0-Heimsieg wieder heim in „The Länd“ geschickt. Gut, der VfB ist damals trotzdem bis ins Finale gekommen. Aber für die Hanauer war das ein bemerkenswertes Erlebnis. Ländlicherseit war es der FC Großalmerode aus dem heutigen Werra-Meißner-Kreis. Der Verein etnstand durch die Ansiedlung eines Glasbau-Unternehmens und deren fußballfreudigen Mitarbeitern und stieg 1930 sogar in die damals höchste Spielklasse auf. 

Was würdest du sagen: Was sind die drei wichtigsten Derbys in Hessen?

Klar ist: Eintracht Frankfurt gegen die Kickers Offenbach. Das würde ich gerne mal miterleben. Leider ist das letzte Aufeinandertreffen schon wieder lange her. Das war 2009 im DFB-Pokal und damit leider kurz vor meiner einsetzenden Hessifizierung. In Osthessen ist bei so ziemlich jedem Spiel Derbystimmung. Das historische Stadterby von Borussia Fulda gegen Germania Fulda habe ich mal miterlebt. Das war ganz nett. Und für mich persönlich ist das Schlitzerland-Derby zwischen meinem SV Willofs und dem FSV Pfordt ein Highlight. 700 - 800 Zuschauer in der Kreisliga C. Da sind zwei ganze Dörfer auf den Beinen. Auch wenn es nur die zweite Mannschaft der Pfordter ist, mit denen sich mein SVW messen darf, bzw. durfte. Denn die sind dummerweise vor zwei Jahren aufgestiegen. Man möchte ihnen zurufen: Kommt schnell wieder zurück in die C-Liga. 

Schauen wir auf die Fußball-Taktik. Welche Mannschaft war ihrer Zeit taktisch voraus?

Ich kann taktisch gerade mal Manndeckung von Raumdeckung unterscheiden. Am Tresen gilt aber auch in Hessen: Schnelles Umschaltspiel ist Trumpf. 

Wo steht die stimmungsvollste Tribüne in den mittleren und unteren Klassen Hessens? 

Stimmungsvoll ist auf jeden Fall die Fankurve von Hanau 93. Die Supporters haben sich eine eigene Tribüne aus 276 Bierkästen gebaut und feuern ihre Mannschaft in der Hessenliga tapfer an. Mit dabei immer eine große Menge an Zaun- und Schwenkfahnen. Auch die Fanszene von Borussia Fulda ist stimmungsfreudig und tingelt mit ihrem Team über die Plätze der Kreisliga A. Zuletzt überzeugte mich die Fangemeinde von Concordia Gernsheim, die selbst in der Kreisoberliga Groß-Gerau mit eigens inszenierten Choreographien glänzt. Aber der Gipfel der Stimmung ist dann, wenn im Jossastadion in Willofs die berüchtigten Wechselgesänge „SVW“ von der Holztribüne ins Jossatal schallen. Gänsehaut. 

Welches ist der Platz, der landschaftlich am schönsten gelegen ist?

Vor allem die in der Rhön. Der TSV Dalherda hat den höchstgelegenen Sportplatz Hessens auf über 600 Metern. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick hinein in die Kuppenrhön. Superschön! Und der SC Motten, eigentlich knapp auf bayerischem Gebiet gelegen, aber im Hessischen Fußball beheimatet, bietet ein tolles Rhön-Panorama. 

Ganz Hessen schon durch? Keinesfalls. Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews mit Jonas Schulte.

Hessenhopper Jonas Schulte arbeitet beim Hessischen Rundfunk. In seiner eigentlichen Identität als Gotthilf Habedurst reist er durch Hessen und angrenzende Länder auf der Suche nach championsleagueverdächtigen Bezirkssportanlagen. Habedurst wird jedes Wochenende fündig. Sein Buch "Fußballheimat Hessen" ist kürzlich im Arete Verlag erschienen. Der Band mit den 100 Orten der Erinnerung ist im lokalen Buchhandel zu beziehen. Jonas findet man im Netz unter www.groundblogging.de.

 

Der Hinweis darf nicht fehlen: Auch Fußballheimat Württemberg ist in gut geführten Buchhandlungen noch erhältlich. Als Kontrastprogramm zu Hessen sozusagen.