Hessen zwischen Oberrad und Willofs

Hessen ist unerschöpflich. Sagt Jonas Schulte. Der hessische Kreisklassenaktivist hat seiner Fußballheimat Hessen ein Buch geschenkt. Es fasziniert selbst dann, wenn man aus der Fußballheimat Württemberg stammt. Hier der zweite Teil des Interviews mit Jonas. Den ersten Teil findet ihr hier.

Es gibt ja auch Bayern, die in Hessen spielen. Der Alzenauer Verein führt Bayern im Namen, spielt aber in Hessen. Was ist denn da passiert?

Hessen ist ein Bundesland das ringsherum umzingelt ist von netten Nachbarn. Und fußballerische Grenzgänger gibt es einige. Sowohl hessische Vereine, die in Nachbarländern spielen, als auch andersherum. Alzenau liegt zwar ganz knapp in Unterfranken, aber kulturell findet man dort mehr hessische Einflüsse als bayerische. Und die Wege zu den Vereinen im Rhein-Main-Gebiet und nach Osthessen sind für die Alzenauer viel kürzer, als wenn sie beispielsweise in der Regionalliga Bayern bis hinunter nach Burghausen müssten. Ähnlich war es viele Jahre lang mit Viktoria Aschaffenburg, die aber den Weg zurück nach Bayern gewagt haben. Prominentes Gegenbeispiel wäre Amicitia Viernheim, die seit jeher im Badischen Verband spielen und es in den 1950er und 60er-Jahren bis in die 2. Liga geschafft haben. 

Deine liebste Hymne eines hessischen Vereins?

Es gibt einige schöne und einige skurrile. Fangen wir mit letzterem an: „Fußballfest am Niddastrand“ erklingt bei Heimspielen des FV Bad Vilbel - und zwar zur Melodie von Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht.“ Ein gediegener Altherrenchor singt in der Aufnahme voller Inbrunst, wenn auch nicht jeder Ton im Zentrum getroffen wurde. Schön ist eine Hymne, an der ich auch stimmlich mitwirken durfte. Die des Verbandsligisten SpVgg Oberrad 05. Ein guter Freund ist dort Trainer der Frauen-Mannschaft und ich durfte einen Reporter-Text voller Elan einbrüllen. Auf Reamonns Supergirl singen wir „Für immer Oberrad“. 

Das Klischeegetränk von Hessen ist der Appelwoi. Wird der wirklich am Spielfeldrand serviert - oder trinkt man eben Bier wie überall?

N guudes Stöffche am Platz hat noch niemandem geschadet. Gibt’s im Winter sogar in erhitzter Form als „heißen Äpler“. Ich find’s superlecker. 

Kommen wir zum Wichtigsten: Wo steht die schönste Fankneipe? Welches ist in Deinen Augen das schönes Vereinsheim? Wie lautet Dein Bier-Geheimtipp in Hessen?

Im Frühjahr durfte ich mal einen Tag mit Freunden von Hessen Kassel im Biergarten der Backstube in Kassel verbringen. Superschön da. Außerdem werden dort verschiedene, teils exotische Biere in zünftigen Krügen serviert. Hat super geschmeckt. Die Stimmung war ausgelassen. Das Vereinsheim von Fortuna Frankfurt direkt am Main habe ich sehr ins Herz geschlossen. Da spielen einige meiner Freunde und es ist ein verlässlicher Anlaufpunkt nach Training oder Spielen. Wenn es um Bier in Hessen geht, empfehle ich Schmucker aus dem Odenwald. Und das „Helle Alt“ aus der Auerhahn-Brauerei in Schlitz im Vogelsberg. Christian Wörns würde sagen: „Das ist eigentlich überragend.“ 

Als Groundhopper und Amateurfußball-Feinschmecker kannst du vermutlich alle Plätze schon bevor du das Buch geschrieben hast. Oder gibt es einen, auf den du erst durch die Buchrecherche gestossen bist?

Es gab dann doch noch die eine oder andere kleine Überraschung. Gleich das erste Kapitel aus Altengronau im Spessart hat mich fasziniert. Dort hat einmal ein Schiedsrichter selbst mit voller Absicht ein Tor geschossen. Eine zunächst witzige Geschichte, die eine negative Wende nahm, am Ende aber doch wieder ins Lot gekommen ist. 

Alles in allem: Was ist das typische hessische Element des Fußballs?

Das Wort „als“, das insbesondere der Südhesse synonym für „immer“ benutzt. Also: „Als der Siebener, der hodd schon gelb!“ oder „Als dasselbe mit dem Schiri. Der pfeift als in eine Rischdung!“ Nach schmerzlichen Niederlagen fragt sich der geneigte hessische Fußballfan: „Ob ich als noch hier nuff uff de Sportplatz kumme soll wenn die als so’n Mist spiele.“ 

In Württemberg hat man erfunden: Rote und gelbe Karten, Torwarthandschuhe, Tipp-Kick. Was haben die Hessen erfunden?

Das Wort „als“ für „immer“. Achso und das Wort „Weltmarktführer für Event- und Textil-Manufaktur“. Das ist nämlich die Supporters GmbH, ein Unternehmen aus Lampertheim. Dort werden ein Großteil der Stadion-Choreographien deutscher Fanszenen produziert. Und zwar in einer riesigen Produktionshalle. Also: Vieles dessen, was man an kreativen Choreos in deutschen Stadien bewundern kann, ist „Made in Hessen“. Auch in Hessen erfunden und hergestellt: Die Songs der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor großen Turnieren. Die wurden in Mörfelden-Walldorf im Tonstudio Hans Pfalzgraf von mehr oder weniger enthusiastischen Nationalspielern eingeträllert und produziert. Von „Fußball ist unser Leben“ über „Buenos Dias Argentina“ bis „Far Away in America“ - auch hier: alles „Made in Hessen“. 

Fast jedes Bundesland hat eine Geschichte eines ehrgeizigen Investors oder Präsidenten, der hoch hinaus wollte und zügig abgestürzt ist. Gibt’s das auch in Hessen?

Definitiv. Und das nicht zu knapp. Besonders tragisch endete die Geschichte, als Bürgermeister Heinz Bialecki und der Bauunternehmer Erich Herbst die FSV Bergshausen, vor den Toren von Kassel, nach oben hiefen wollten. Bis an die Spitze der Oberliga haben sie das auch geschafft, aber die Bruchlandung war hart. Bialecki und Herbst hatten sich eine dubiose Methode ausgedacht, um an das nötige Geld für den Fußballverein zu kommen. Kurz überflogen: Bialecki schusterte Herbst Straßenbauaufträge zu, der rechnete zu überhöhten Preisen ab, die Stadt legte die Summe auf die Anwohner um, die zahlten artig. Und der Differenzbetrag zwischen tatsächlichen Baukosten und gezahlten Baukosten floss in die FSV Bergshausen. So zumindest hat man mir das erklärt und ich weiß nicht, ob ich das richtig übel oder nicht auch ein kleines bisschen genial finden soll. Hochkriminell ist es auf jeden Fall und als das Ganze aufflog, war das Ende des hochklassigen Amateurfußballs in Fuldabrück-Bergshausen besiegelt.  

Dein Buch verzeichnet 100 Orte der Erinnerung. Welcher Ort hat dich selbst am meisten bewegt?

Spannend ist die Geschichte des SV Asbach bei Bad Hersfeld. Hier haben Fußball und Zeitgeschichte sich gegenseitig vorangetrieben. Denn der Präsident des Dorfvereins erkannte 1989 als erster die Zeichen der Zeit und lotste nach dem Mauerfall gestandene DDR-Profis vom nahe gelegenen Zweitligaverein Kali Werra Tiefenort zu sich. Lockmittel waren Arbeitsverträge. Und mit diesen Fußballern stieg der SVA empor bis in die Oberliga Hessen, wo der Verein sogar den SV Darmstadt 98 im Heimspiel schlug. Aber auch die Geschichte vom RSV Würges bei Bad Camberg im Taunus ist toll. Zwei Mal wurden die Hessenpokalsieger. Von einem DFB-Pokalspiel in Bremerhaven brachten sie die Schiffsglocke des Partyschiffs mit und die lautet noch heute am Würgeser Stadion, wenn der RSV im Angriff ist. Eine einzigartige Tradition. 

Du bist selbst beim SV Willofs. Erzähl uns bitte kurz die besondere Geschichte des Klubs.

Willofs ist ein Dorf mit rund 400 Einwohnern, komplett umwaldet im Vogelsbergkreis. Bis Mitte der 90er Jahre hatte das Dorf einen eigenen Fußballverein. Dann allerdings mussten die Willofser schweren Herzens ihre Mannhschaft abmelden, weil einfach nicht mehr genug Männer im spielfähigen Alter im Ort waren. Der Verein existierte auf dem Papier weiter. 2018 dann die große Kehrtwende. Während sich anderswo Dörfer zu Spielgemeinschaften zusammenschließen müssen, um überhaupt noch am Spielbetrieb teilnehmen zu können, haben die Willofser gemerkt, dass sie u.a. durch Einheirat wieder genug fußballfreudige Männer zusammen haben, um wieder eine Mannschaft melden zu können. Das Stadion mit seiner wunderschönen Holztribüne haben die Willofser in liebevoller Arbeit wieder hergerichtet, den versumpften Platz trockengelegt und die Bierleitungen im Vereinsheim durchgespült. Dazu haben sie noch einige Flüchtlinge aus der Erstaufnahme-Einrichtung im Ort zum Mitmachen animiert und seitdem ist der SV Willofs zurück auf der Fußball-Landkarte. Und dieses Comeback wird von Anfang an begleitet von den frenetischen Willofser Fußballfans, die in Scharen zu jedem Spiel ihrer Männer pilgern und das Ganze mit Fahnen, Comebackshirts und lauten Gesängen einfach nur abfeiern. Dazu gibt es regionales Bier, Bratwurst aus dem Dorf und leckere Schnäpse aus der nahe gelegenen Schlitzer Destillerie. Die dortige Destillateur-Meisterin Nina ist nämlich gleichzeitig Präsidentin vom SV Willofs. Wie praktisch. 

Hessenhopper Jonas Schulte arbeitet beim Hessischen Rundfunk. In seiner eigentlichen Identität als Gotthilf Habedurst reist er durch Hessen und angrenzende Länder auf der Suche nach championsleagueverdächtigen Bezirkssportanlagen. Habedurst wird jedes Wochenende fündig. Sein Buch "Fußballheimat Hessen" ist kürzlich im Arete Verlag erschienen. Der Band mit den 100 Orten der Erinnerung ist im lokalen Buchhandel zu beziehen. Jonas findet man im Netz unter www.groundblogging.de.

 

Der Hinweis darf nicht fehlen: Auch Fußballheimat Württemberg ist in gut geführten Buchhandlungen erhältlich. Als Kontrastprogramm zu Hessen sozusagen.