Nachruf auf einen Weltmeister

Thomas Berthold ist keineswegs gestorben, aber nun dennoch gänzlich von uns gegangen, in eine andere Welt, fernab der Realität. 

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Thomas Berthold!“ So gratulierte der Twitter-Account der deutschen Nationalmannschaft“ ihm am 12. November 2020 zum 56. Geburtstag. So gehört sich das. Ehre, wem Ehre gebührt! Das gefällt Thomas Berthold und so dachte man sich das wohl auch beim DFB. Die wütenden Reaktionen der Twitter-Gemeinde auf diesen damals sehr fragwürdigen Post zu Ehren eines der Corona-Leugnerei höchstverdächtigten Ex-Fußballers belehrten sie eines Besseren. Thomas Berthold blieb an seinem letzten Geburtstag 2021 diese Ehre seitens des DFB verwehrt. Die mutmaßlichen Gründe lieferte der Weltmeister von 1990 höchstpersönlich selbst. Berthold hatte es innerhalb von Monaten hinbekommen, seine durchaus ansehnliche Reputation als Person des öffentlichen Lebens im Sport komplett zu ruinieren. Wie konnte das passieren? 

Bereits 1999, als Thomas Berthold mit 34 Jahren noch beim VfB Stuttgart unter Vertrag stand, gab es erste Hinweise darauf, welch Geistes Kind er sein könnte. Eine Nachricht über ihn machte die Runde, dass er in einer Werbung für das Internetportal buecher.de eine Leseempfehlung für sein „Lieblingsfachbuch“ kundgetan hatte. Der Spiegel schrieb damals dazu: „Bertholds Lieblingslektüre ist das von dem antisemitischen Bestsellerautor Jan Udo Holey alias Jan van Helsing verfaßte Machwerk »Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert«, das modernisierte Versionen rechtsextremer Weltverschwörungstheorien anbietet. Und Weltverschwörer sind für Helsing alle, die nicht seine Anschauungen teilen: unter anderem die katholische Kirche, Juden, Freimaurer, Rotarier und Lions Club, Liberale, Grüne, Sozialdemokraten. Auch Helmut Kohl, enthüllt Helsing, sei Mitglied eines jüdischen Geheimbundes.“ Die Nachricht wurde damals allgemein mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Nun ja, dachten bestimmt viele. Etwas sonderbar war er ja immer schon, der Thomas! Sei’s drum.

Berthold gehörte tatsächlich auch schon als Fußballer zu der sonderbaren Spezies derer mit den Ecken und Kanten. Er hält beim VfB mit fünf roten Karten den vereinsinternen Rekord der Bösewichte und war zu seiner aktiven Zeit beileibe kein sehr bequemer Gesprächspartner für Interviews. Er war als etwas selbstverliebt und arrogant verschrien. Ein Narzisst mag es nicht, wenn ihm jemand Inhalte vorgibt. Er steht stets im Zentrum des Interesses, diktiert das Geschehen und erklärt die Welt. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere wurde es eher still um ihn. 2012 scheiterte er auf der Suche nach neuen Herausforderungen mit einem Versuch die Rennfahrerlizenz zu erwerben. Und man hatte ihn hier und da mal als TV-Experten auf dem Bildschirm, wie etwa zuletzt bei der WM 2018 in Russland, ohne dass diese Tätigkeiten einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätten. Auch beim VfB Stuttgart mischte er sich in den vergangenen Jahren, immer mal wieder, mit mal mehr und mal weniger klugen Kommentaren in die Vereinspolitik ein. Und dann folgte das, was man dereinst in Biografien zu seinem Leben vermutlich als „den großen Bruch“ bezeichnen wird. Thomas Berthold freundet sich Anfang 2020 in Stuttgart mit den Ideen der sogenannten „Querdenker“ an, die gegen die strikten Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Corona-Pandemie demonstrierten. Um nichts weniger als die von der Verfassung verbrieften Grundrechte sorgte er sich dabei. 

Berthold trat im Jahr 2020 mehrfach als Redner auf den Kundgebungen der sogenannten Querdenker auf. Am 8. August 2020 steht er in Stuttgart bei einer Demonstration der sogenannten Querdenker öffentlich auf der Bühne und hält eine etwas unbeholfene Rede. Sein Vertrauen in die "Politik" sei durch die Corona-Maßnahmen "unter Null angekommen." Während viele seiner Freunde und Kollegen aus alten Zeiten noch grübelten, was ihn denn um Himmels Willen dazu geritten habe, ließ er via „Bild-Zeitung“ noch am selben Tag verkünden, dass er sich „weder mit Verschwörungstheoretikern noch mit Rechtspopulisten gemein mache, sondern nur seine Meinung über die Maßnahmen der Regierung gesagt habe." Um tags darauf per SID-Meldung noch abschwächend anzufügen, dass er „gar nichts bereue, auf keinen Fall." Selbst wenn er sich damals noch zu den tatsächlich grundgesetzlich Besorgten gezählt haben sollte, dürfte ihm nicht verborgen geblieben sein, zu wem er dort bei den sogenannten Querdenkern sprach. Darunter finden sich,  neben radikalen Impfgegnern, esoterisch angehauchten Weltverbesserern und unfreiwillig dem Party-Leben entwöhnten Millenials eben auch der Reichsbürgerbewegung zuzurechnende Ultrakonservative, Verschwörungstheoretiker unterschiedlichster Berufung, junge rechtsradikale Hipster aus der identitären Bewegung und alte, immer schon rechtsradikale Vorgartenpatrioten aus dem AFD-Milieu. Es sind vor Allem die Rechten, die den Diskurs auf diesen Veranstaltungen dominieren und ihr demokratiezersetzendes braunes Süppchen kochen. „Weltmeister“ Thomas Berthold schwimmt zu ihrer Freude als prominente Zutat mittendrin und scheint sich dort auch noch wohl zu fühlen. 

Das lässt sich in den zahlreichen im Internet kursierenden Videos auch aktuelleren Datums nicht übersehen, in denen er, häufig zusammen mit seiner Frau Britta, in Interviews mit Vertretern höchst obskurer Medien auftritt. Es ist etwas schmerzhaft mit anzusehen, wie er die Aufmerksamkeit genießt, die er als „Weltmeister“ Thomas Berthold tituliert, darin auf sich zieht. Und noch schmerzhafter ist es, dem zuzuhören, was er dort und vor allem auch schriftlich in diversen Kanälen des Internets von sich gibt. Als kleine, zum Schaudern geeignete Kostprobe sollten hier im Folgenden ein paar Auszüge aus seinen vor ein paar Tagen per Telegram versendeten Neujahrsgrüßen ausreichen.

Hallo liebe Mitmenschen, 
das Neue Jahr sollten wir nutzen unsere Zeit sinnvoll zu gestalten. D.h das weltweit ablenkende C Thema habe ich schon lange ad Acta gelegt. Solche Hanswürste wie Montgomery, Lauterbach etc. beleidigen meine Intelligenz. Was uns in den letzten 20 Jahren für Lügen medial präsentiert wurden, zeigt doch dass es Zeit ist, mehr den je seine Wahrnehmung zu schärfen und alles zu hinterfragen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir unsere persönliche Freiheit für immer verlieren. … Die Unternehmen aus Sillicon Valley speichern alles. Wurdet Ihr gefragt ob es Euch Recht ist. Der Greenpass ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Es ist an der Zeit die Dinge offen anzusprechen, ohne Angst zu haben gleich ein Verschwörer oder Rechtsradikaler zu sein. Die Erderwärmungslüge ist genauso grotesk, wie die CO2 Lüge. Der Mensch atmet jeden Tag 1 Kilo CO2 aus und die Pflanzen nehmen das CO2 auf. Sollen wir jetzt alle aufhören zu atmen. Wurden wir gefragt ob wir auf Bargeld verzichten wollen. Nein, ich wurde nicht gefragt. Wurden wir gefragt alle Flüchtlinge aufzunehmen? Wieviele Flüchtlinge sind Kriegs bzw. politische Flüchtlinge? Es scheint doch so zu sein, dass die Mehrheit Wirtschaftsflüchtlinge sind. …  Und 5 G! Wurdet jemand gefragt wie der Ausbau der 5G Infrastruktur stattfinden soll. Wurde die Bevölkerung von unabhängigen Wissenschaftlern, über die gesundheitlichen Folgen von Elektromagnetismus aufgeklärt? … Was macht unsere Politik? Viele Fragen, keine Antworten. Wir sind in der Lage alles zu verändern, dazu gehört aber Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Die Politiker sind nur Erfüllungsgehilfen und denken mit Sicherheit nicht an das Wohlergehen des Volkes. … Diese Verbrecher in der Regierung müssen alle weg, ebenso alle Ministerpräsidenten. Widerstand und ungehorsam leisten, zu Streiks aufrufen, dann ist der Spuk vorbei. Nur Friede, Freiheit keine Diktatur rufen, ist zu wenig. … 
Euer Thomas Berthold


Wer, wie Thomas Berthold, an so einem Punkt angekommen ist, für den gibt es kein Zurück mehr. Die Fußballwelt und seine Freunde haben ihn verloren. Es lässt sich nur erahnen, welche Gründe bei seiner Entwicklung vom umjubelten Idol einer Fußballer-Generation hin zu einem nur noch Mitleid erregenden Protagonisten einer rechtslastigen Aluhut-Fraktion eine Rolle gespielt haben. Vielleicht war es der Bedeutungsverlust nach dem Ende der erfolgreicheren Zeiten seiner Karriere, in denen alle noch über ihn redeten. Ob in Frankfurt, Verona und Rom oder in München und Stuttgart. Thomas Berthold war damals jemand und ständig im Gespräch. Jedoch in ganz anderer Form, als er es heute wieder ist. Vielleicht hätte es sich anders ergeben, wenn man rechtzeitig viel mehr mit ihm als über ihn geredet hätte. Doch dazu ist es nun vermutlich zu spät.