Genie und Claessen

Belgien, wer braucht denn das? So fragen viele Deutsche. Die Geringschätzung ist leider weit verbreitet. „Die können nicht Autofahren, aber 25 Meter hinten drauf, auf der Autobahn“, spottete neulich einer, der allein von anderthalb Stunden Transit genervt war. Wäre er nur mal runter gefahren von der Autobahn. In Belgien gibt’s die besten französischen Restaurants, die größte Bier-Auswahl, Schoko en masse und natürlich Pommes, am besten dreimal frittiert. Belgien hat uns mit Plastic Bertrant, Tuxedomoon und Stromae beschenkt. Jacques Brel und George Simenon sind Belgier. Auch Tim, Struppi, Lucky Luke und die Schlümpfe haben einen belgischen Pass. In unserem Zusammenhang kommen Kevin de Bruyne und die Havard-Brüder in den Sinn. Die Stuttgarter denken spontan an Orel Mangala. Die Älteren mögen sich an Jean-Marie Pfaff  erinnern. Der Blick in den Rückspiegel führt direkt zum ersten Belgier, der in die Bundesliga wechselte. 

George Best. James Dean. Roger Claessen.

Dominique D’Onofrio ist gebürtiger Lütticher und ehemaliger Trainer von Standard Lüttich. Er sagt über den ersten Bundesligabelgier: “Die Inkarnation der Region, der Jugendrebellion, des Rock'n'Roll, der Schönheit, Eleganz und Intelligenz. Ein Pionier, der James Dean des Lütticher Fußballs.“ Sein Name: Roger Claessen. Er wechselt nach Aachen, nachdem er in 180 Ligaspielen für Standard Lüttich 124 Buden macht. Unter seinen insgesamt 161 Treffen für Standard sind nur zwei Elfmeter. Der Rest aus dem Spiel heraus. Claessen ist Torschützenkönig im Europapokal. In den Sechzigerjahren geht in Lüttich nichts ohne Claessen. Bei Standard dreht sich alles um ihn.

Auch in Aachen schlägt er ein wie eine Bombe. Claessen führt die Alemannia zum Vizemeister (Saison 1969). Muss man erst mal hinbekommen. Gleich nach der Vertragsunterschrift wird deutlich: Claessen ist ein spezieller Charakter. Erst unterschreibt er bei Alemannia. Dann bei der französischen Fremdenlegion. Begründung: Liebeskummer. Ach, Du liebes bißchen. Ausgerechnet Fremdenlegion! Dort, wo man kaum mehr raus kommt, wenn man unterschrieben hat. Der Alemannia-Präsi bekommt den Superstar zwar wieder frei, aber nur mit einer Staatsaktion unter Mitwirkung des Auswärtigen Amts. Die Geschichte über Claeesens Alemannia-Zeit protokolliert der Blog Löhrzeichen. Alles drin von den Heldentaten im Alemannia-Trikot bis zu den Stammkneipen seiner Aachener Tage. Auch das legendäre Zitat des Alemannia-Präsis ist dokumentiert: „Man wusste genau, dass jederzeit etwas passieren konnte. Nur leider nicht, was und wann.“ Der Blog beschränkt sich auf die beiden Spielzeiten in der Bundesliga. 

Claessen und die Polizei

Als Claessen nach Aachen wechselt, ist schon zweimal etwas passiert, das ihn ins Gefängnis bringt. Einmal steuert George Best (Version Belgien) direkt in einen Streifenwagen. Inklusive ordentlich Promille. Inklusive Rangelei mit den Beamten. Die Ausnüchterung hinter belgischen Gardinen wird mit einer Woche vergleichsweise milde gewürdigt. Ein paar Jahre später gibt’s nochmal Ärger im Straßenverkehr, direkt nach dem wundervollen Europacup gegen AC Mailand. Claessen feiert das Match in seiner Stammkneipe in der Rue Soeur de Hasque. Der kürzeste Weg nach Hause führt direkt gegen die Einbahnstraße. Nein, die freundlichen Polizisten bremsen ihn nicht wegen seiner Tore oder weil sie ein Autogramm wollen. Claessen kommt wieder milde davon: mit fünf Tagen Ausnüchterung in der Zelle. Belgien ist das Land, in dem ein Star-Bonus etwas gilt. Die Beamten sind Fans von Standard Lüttich.

Claessen und Autos

In dieser Zeit hat der Stürmer einen Fuhrpark, der später sogar Günter Netzer neidisch macht: Ein VW, vier Alfas, ein BMW, ein Fiat (ein gelber und ein roter) und ein Ford. Aber bitte: Wer kann, der kann. Claessen bleibt am Steuer unverletzt. Die paar Gehirnerschütterungen fallen nicht ins Gewicht. Die schlimmen Blessuren holt sich Claessen auf dem Platz. Weil er spielt wie eine Cuvee aus Günter Netzer und Dennis Wise - großartiger Regisseur mit eingesprungener Blutgrätsche.

Das mit den Blessuren ist so eine Sache bei Claessen. Im Europacup gegen Györ bricht er sich Ende erster Halbzeit den Arm. Also eher harmlos. Claessen spielt weiter. Wie meistens. Einen wie Claessen muss man schon sperren, damit er nicht mehr spielt. Das geschah allerdings häufig. Das Temperament. Als 23-jähriger hat er schon 12 Sperren auf dem Kerbholz. Allerdings: Nach einer sechswöchigen Besinnungspause trifft er bei seinem Comeback gegen Lierse gleich viermal. Darunter ein Dreierpack in drei Minuten. Danach interessiert es niemanden mehr dafür, dass sich Claessen seine Sperre mit einem Skiurlaub in Val d’Isère relativ angenehm gemacht hatte.

Claessen und die Melancholie

Die lockeren Eskapaden sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Claessen im Grunde seines Herzens ein großer Melancholiker bleibt. Mutter früh gestorben. Die ältere Schwester kümmert sich, so gut sie kann. Auch sie stirbt früh. Claessen ist da noch ein Teenie. Später studiert Roger die großen Philosophen. "Ich bin ein großer Pessimist", sagt er über sich selbst. "Ich habe den Charakter der Bohème. Ich bin nicht realistisch genug für das moderne Leben.“ So lange Claessen als Superstar über wallonischen Wolken schwebt, fällt selten auf, dass er eigentlich einen festen Boden sucht. Nur um seine Flughöhe zu definieren, sei erwähnt: 1968 nimmt Claessen mit Eddy Merckx eine Single auf. „Allo! Allo!“

Die Prämie, die Spieler der Nationalmannschaft unmittelbar nach dem Spiel erhalten, ist meistens schon weg als er wieder in Lüttich eintrifft. Auf Geld angesprochen zitiert Claessen Jacques Brel: „Finanzielle Sicherheit ist eine Form der Mittelmäßigkeit der Seele.“ Das mit der Nationalmannschaft ist sowieso nicht ergiebig. Claessen ist zu schwierig für die Auswahl.

Auch an anderen Bindungen hat er kein Interesse. Eine Ehe ist nicht überliefert. Dafür viele Frauen und mehrere Stammkneipen. Claessen engagiert sich für die Fans. In einer Kolumne der Monatszeitschrift Scop-Liège schreibt er einen offenen Brief an Roger Petit, den Generalsekretär von Standard. „Ich möchte Sie bitten, die Fans auf der Tribüne und die Gradins nicht zu vergessen. Sie verdienen Respekt und man kann es ihnen mit Spektakel und Siegen zeigen.“ So ist Claessen: Offensiv auf dem Feld, das Herz am rechten Fleck - und jetzt bitte noch ein Absacker.

Claessen unvergessen

Der Abstieg auf dem Fußballplatz beginnt mit dem Abstieg von Alemannia Aachen. Claessen wechselt zurück nach Belgien: nach Antwerpen zu Germinal Beerschot. Doch das Glück kommt nicht mehr mit. In Beerschot wummert sein Knie. Claessen ist überzeugt, dass er falsch behandelt wird. Er bekommt kaum Einsätze, aber mächtig Ärger. Das Knie wird nie wieder, wie es war. Es folgen Stationen in der wallonischen Provinz,  Crossing Schaerbeek, Bas-Oha, Sankt Vith und schließlich Queue-du-Bois, wo er Spielertrainer wird. Danach übernimmt er eine Kneipe in Lüttich. Erst das „Le Havre du Poète“ in Ans, dann wechselt er ins Centre-Avant am Boulevard de la Constitution. Aber auch als Wirt wird er nicht glücklich.

1982 findet man ihn in seiner Wohnung. Ein belgisches Fußballmagazin schreibt über seine letzte Jahre: „Claessen widmet sich seinen Hobbies. Er hält Vögel in einer Voliere und nimmt sie mit zu Ausstellungen. Später leitet er ein Tierheim und verdient sein Geld als Handelsvertreter für T-Shirts und andere Kleinigkeiten. Daneben lebt er von Alkohol, Pillen und Glücksspiel. Der Publikumsliebling, Frauenmagnet und Fußballstar, der von der Welt träumte, stirbt in einem Bungalow in La Heydt, einem Viertel in Weest, einem Teil der Gemeinde Dalhem.“ Unter seinem Artikel platziert das Magazin eine Hotline, an die man sich wenden kann, wenn man Selbstmord-Gedanken hat.

In der Bar Centre-Avant, in der er einst hinterm Tresen stand, wird das Claessen-Portrait durch ein Poster von James Dean ersetzt. Einerseits passend, andererseits: Ein belgisches Original ist durch nichts und niemanden zu ersetzen.

Prophetischer Hinweis: Der Text entstand, als ich im belgischen Sport recherchierte. Wer mir auf meiner Ronde nach Belgien folgen mag: 
ab Samstag bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich berichte täglich auf Twitter und Facebook. Falls ich ankomme.

Bild: Danke an Jack de Nijs