Geschichtsstunde

Von unseren Freunden aus Bremen erreichte uns kürzlich diese wunderbare Erzählung. Mit Fußball hat sie nur am Rande zu tun. Passiert ist sie einem kleinen Vorstadt-Garten. Und plötzlich Ägypten. 

Die Gemeinschaftsseher sind ein Freundeskreis, der sich seit Jahrzehnten kennt. Im Hause unseres geschätzten Propheten Tim Bandisch trifft sich die Blase und schaut Werder. Ihren Treffpunkt nennen sie "Sportsbar".  Der Name ist älter als jede Vorort-Wettbutze einmal werden könnte. Die Gemeinschaftsseher erlebten dort europäische Fußballwunder, feierten die Sahnetage der Bremer Mittelmäßigkeit und steigen neulich gemeinsam ab. Egal, was auch immer passieren mag: Sie treffen sich beim vorzüglichen Organisator und Koch Tim Bandisch und seiner Frau Pelin und pflegen das aufrechte Wort. So geschehen auch neulich, als sich plötzlich ein Nachbar zur Runde gesellte. Die bemerkenswerte Begebenheit erzählt Tim Bandisch am besten im Bremer Originalton.

"In unserer Straße, also in der Straße von der wir zu unserem Grundstück abbiegen, der Suhrfeldstraße, lebt seit 1954 Herr M. und erfreut die Gärten zwischen Osterdeich und Suhrfeldstraße zu hohen Feiertagen, aber auch mal so, mit seinem Trompetenspiel vom Balkon. Das Spiel ist inzwischen brüchiger geworden (seit November 2003 ist die sportsbar Zuhörerin). Kein Wunder, denn Herr M. ist 96 Jahre alt. Bisher kannten wir Herrn M. nur von seinem Trompetenspiel und als freundlichen, älteren Herrn, der sein Auto vor der Gargage der Suhrfelder abstellt und immer nett grüßt. In letzter Zeit sind aber Gerd und Suzanna mehr mit ihm ins Gespräch gekommen, zusammen haben Gerd und Herr M. die Garagenwand verputzt. Und so kam es, dass Herr M. sich gestern (während uns Werders Auswärtssieg erfreute, verputzte Herr M. den Garagensockel fertig) auf ein Glas Wasser mit einem kleinen Schuss Bier zu uns in die Grillecke setzte und sich erklären ließ, wer in welchen Häusern am Osterdeich wohnt und so kamen wir ins Gespräch. Herr M. erzählte ohne große Umschweife aus seinem bewegten Leben. Wer 1925 geboren wurde, hatte nichts Gutes vor sich. Und so wurde auch Herr M. ein Hitlerjunge und wurde jung an Jahren noch in die Wehrmacht eingezogen. In einer Funkereinheit erlebte er auf dem Rückzug in Norditalien das Kriegsende, geriet in Gefangenschaft und wurde aus dem ersten Gefangenenlager in Bozen auf Lastwagen der US-Army mit jeweils hundert Mitgefangenen nach Rimini verbracht, eingeschifft und vom Hafen von Alexandria ging es dann weiter in die Gefangenenlager der Briten bei Fayed.

Deutsche Kriegsgefangene ­­– sowohl zum Afrikakorps gehörende, aber auch Soldaten, die in Italien und Griechenland stationiert waren –  wurden in Ägypten rund um Fayed, das am Großen Bittersee liegt, der Teil des Suezkanal ist, nahe der Mittelmeerküste in mehreren Lagern interniert. Bis zu 15.000 Kriegsgefangene lebten in jedem Lager. 

Die Lebensbedingungen in den Lagern waren hart. Ungewohnte Hitze, eintönige Ernährung: "Bohnen, Erbsen, Linsen. Linsen, Erbsen, Bohnen. Und wieder Bohnen, Erbsen, Linsen. Manchmal ein paar Kartoffeln und am nächsten Tag dann die Kartoffelschalen." Von seinem ersten im Lager verdientem Geld – Herr M. wurde als junger und unbelasteter Mitläufer in einem Ausbesserungswerk für Fahrzeuge der Briten als Tischler eingesetzt – konnte etwas Reis erworben werden. Herr M. berichtet all dies ohne Groll. Schon während des Krieges hatte er in seiner Funkeinheit heimlich BBC gehört und er beklagt nicht nur die vielen Toten, sein drei Jahre älterer Bruder ist in Russland gefallen, auf allen Seiten, sondern im gleichen Atemzug auch die Millionen durch den Holocaust Ermordeten.

Herr M. ist dankbar, was für ein Glück er gehabt hat, all diese Zeit unversehrt und unverletzt überstanden zu haben. Halt gab ihm sein Glaube, die Freude an der Kultur, die Möglichkeit sich im Lager weiter zu bilden – die jungen Gefangenen gingen eine Woche in Schulungen und die nächste Woche dann wieder arbeiten. Für viele seiner Mitgefangenen spielte neben der Bildung, Kirchen- und Kulturveranstaltungen der Sport eine wichtige Rolle. Deutsche Kriegsgefangene errichteten bereits 1941 eine Sportarena, in der es auch zu einer Begegnung am 06.12.1947 gegen ein englisches Team kam, die die Deutschen mit 3:0 gewannen.

Sehr lesenswert dazu, mit einer kleiner Fotodokumentation und einem kurzem Interview mit einem Zeitzeugen: "Der Fußballkönig vom Bittersee"

Am 11. Oktober 1947 führte die "Erklärung der kriegsgefangenen evangelischen Pfarrer in Ägypten" zu Verbesserungen der Lebensbedingungen in den Lagern. Zum Zeitpunkt der Erklärung lebten noch 60 000 Männer in den Lagern, die von den Briten u.a. auch zu Ausbesserungsarbeiten am Suezkanal eingesetzt wurden. Die letzten Gefangenen wurden 1948 entlassen. Und so ging es auch für Herrn M. zurück nach Deutschland, nicht in die schlesische Heimat, aber in eine neue Heimat.

Es war eine sehr bewegende Geschichtsstunde, die noch mit vielen Einzelheiten und Erzählungen mehr uns Anteil haben liess an einem langen und erfülltem Leben, erzählt von einem alten Mann, der sichtlich Gefallen daran fand, auf jüngere und offene Ohren zu stoßen und für den es damals wie heute wichtig ist, sich dem Leben mit einer positiven Grundhaltung zu stellen.

Heute gegen 12 Uhr ertönte wieder die Trompete von Herrn M. Wir hören nun noch genauer hin. Das Leben fängt an, wo der Fußball aufhört