Jugoliga auf schwäbisch

Integration über Fußball? Ein Beispiel aus Württemberg zeigt, wie es nicht geht. Zwanzig Jahre spielen Gastarbeiter aus Jugoslawien in einer eigenen Liga, die in Württemberg gegründet wird. 

Funktionäre, Politiker und Feuilletonisten loben seit Jahrzehnten die integrative Kraft des Fußballs. Ganz so selbstverständlich wie die Sonntagsreden oft tönen, ist es allerdings nicht, dass Jeder mit Jedem und Jeder kickt. Die Jugoliga ist ein eindrucksvolles Beispiel. Es geht eben auch anders. Weniger integrativ. Die jugoslawische Gastarbeiterliga etabliert sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Baden-Württemberg. Als fußballerisches Paralleluniversum vom Balkan. Darin spielen Radnik (Arbeiter) Sindelfingen gegen Mladost (Jugend) Wangen im Allgäu. Polet (Aufschwung) Ravensburg gegen Bratstvo (Brüderlichkeit) Schwenningen. Rund zwanzig Jahre geht das so. Jugos unter sich. Gastarbeiterligen sind  eine besondere Spezialität des Württembergischen Fußballverbandes (WFV). Die schwäbische Sonderlösung hält zwei Jahrzehnte. Bereits Mitte der Achtzigerjahre werden Alterserscheinungen deutlich. Der Balkankrieg gibt der Jugoliga den Rest. 1992 verschwindet sie lautlos und spurlos.

Plötzlich will davon niemand etwas wissen. Weder die Funktionäre vom Balkan, die Deutschen schon gar nicht. Selbst Spieler oder Vereine vergießen keine Tränen. Sie werden von schlimmeren Problemen geplagt. Sie sind jetzt Kroaten, Serben, Mazedonier und Slowenen. Teilweise gehen sie in ihrer Heimat mit Gewehren aufeinander los. Auch der württembergische Verband schließt das Kapitel. Vielleicht ist ihm bereits bewusst, dass die separate Jugoliga nicht als Ruhmesblatt taugt. Entscheidend für den Zerfall der Jugoliga sind allerdings die Spieler selbst. Schon vor dem Balkankrieg kommt der Ausländerliga ihr Nachwuchs abhanden. Die Teams der ersten Generation sind alt geworden. Und die Söhne spielen in den deutschen Vereinen mit ihren Kumpels. Sie sind über die Jugendmannschaften ins deutsche Ligensystem hineingewachsen. Manche kicken dem Vater zuliebe zusätzlich im Jugo-Verein, also zweimal am Wochenende. Was beweist: Selbst eine separate Liga kann Integration nicht verhindern. Nur verlangsamen. Wo sie schließlich gelingt, wird die separate Liga überflüssig. Im Falle der Jugoliga ist das nach zwei Jahrzehnten der Fall, also ungefähr einer Spielergeneration.

Von den Bahnhöfen auf die Spielfelder

Gojko Čizmić ist es zu verdanken, dass die bemerkenswerte Gastarbeiterliga im Gedächtnis bleibt. Čizmić spielt damals bei Metalac (Metallarbeiter) Stuttgart. Er hat die Jugoliga in ihren Anfängen erlebt. Čizmić verfügt über eine stattliche Sammlung an Bilder, Tabellen und Erinnerungsstücke aus dieser Zeit. Via facebook hält er die Erinnerung lebendig. Nach seiner Zählung gibt es über zwei Jahrzehnte hinweg rund 140 Jugoligisten. Auf dem Höhepunkt der Popularität spielen 87 Vereine im Jugoliga-System. Čizmić sprudelt, wenn er von damals erzählt: „Wir hatten ja nichts. Außerhalb der Arbeit trafen wir uns am Bahnhof oder in Gaststätten“. Fußball als Medizin gegen die Tristesse von Gastarbeitern. Von den Treffpunkten gehen am Ende der Sechziger Jahre die ersten Vereinsgründungen aus. Die Jugoliga erbt den Ruf der Bahnhofskneipen. Čizmić spricht von einer „Ghettoliga.“ Gewiss ein drastisches Etikett.

Was Čizmić damit meint: Es fehlt an allem, an Trikots, Umkleiden und Sportplätzen. Wenn die Gastarbeitervereine Glück haben, finden sie einen deutschen Verein, der ihnen für ein paar Stunden einen Trainingsplatz überlässt. Insgesamt ist die Unterstützung extrem zurückhaltend. Die deutschen Vereine und Verbände schauen weg. Die offiziellen Stellen aus der Heimat unterstützen zwar mit warmen Worten. Haben aber wenig handfesten Hilfen parat. Nicht zuletzt, weil sie ahnen, dass es diplomatische Schwierigkeiten geben könnte. So entsteht eine Hartplatzliga mit Betonung auf hart. Auch Spielern fehlt mitunter der nötige Anstand. Offenbar können sie sich in der Fremde ungestört daneben benehmen. Die Grenzen der Fairness werden entschlossen nach Süden verschoben. Nicht selten enden die Partien in Schlägereien unter reger Beteiligung der Zuschauer. Als die Liga im Jahr 1972 unter Obhut des Württembergischen Fußballverbandes kommt, müssen die Vereine regelmäßig empfindliche Strafen abdrücken. Der WFV hat Mühe, Schiedsrichter zu finden, die sich die vorprogrammierten Tumulte antun wollen. Warum die Liga so rau ist, kann Čizmić nur vermuten. Er spricht vom Frust fern der Heimat. Vom den Dingen, die sich unter der Woche anstauen. Čizmić weist darauf hin, das viele denken, sie wären nur vorübergehend hier. Und er spricht davon, dass sich eine echte Kameradschaft in den bunt zusammen gewürftelten Vereinen noch entwickeln muss.

Württemberg bleibt stur

Die besondere Gastarbeiterliga ist erst seit kurzem Gegenstand der sporthistorischen Betrachtung. Drei Jahrzehnte nach dem Versickern der Liga leisten Luka Babić und Ansbert Baumann von der Uni Tübingen mit ihren Forschungen verdienstvolle Grundlagenarbeit. Warum spielen Jugos in einer eigenen Liga? Und warum nur in Württemberg? „Damals wollten das alle so“, bestätigt Babić. Die Führung unter Präsident Tito sieht im jugoslawischen Fußball in der Fremde eine Chance den nationalen Zusammenhalt zu stärken. Darum hält sie den Kontakt mit den Landleuten lebendig – im festen Wissen, sie werden eines Tages mit Know-how und Devisen zurückkehren. Auch die Gastarbeiter selbst sind überzeugt, dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend sein wird. Der Jugo-Verein ist ein willkommenes Stück Heimat in der Fremde. Auch der württembergische Verband will die separate Liga. Die hölzernen Verlautbarungen des WFV der frühen Siebzigerjahre können die Ressentiments kaum verdecken. Kommunisten, die rote Gefahr. Der kalte Krieg ist in vollem Gang. Agitation! Das muss unterbunden werden. Obwohl Jugoslawien zu den blockfreien Staaten zählt. Obwohl man Jugos aus der Bundesliga kennt, zum Beispiel Zlatko „Tschik“ Čajkovski, Petar Radenković oder Branko Zebec. Doch der WFW bleibt stur auf Linie. Die Württemberger verschanzen sich hinter FIFA-Statuten, die auch für Amateurteams höchstens zwei Ausländer pro Spiel erlauben.

Mit dieser Auffassung steht der schwäbische Provinzverband allein auf weiter Flur. Der DFB hatte längst die Spielordnung der Amateure geändert. Faktisch ist der Boden für eine Teilnahme ausländischer Mannschaften bereitet. Babić stellt fest: „Alle anderen Regional- und Landesverbände integrierten im Laufe der frühen 1970er Jahre die ausländischen Vereine in ihre Spielbetriebe.“ Der Verband Mittelrhein bestätigt: „Diese Regelung hat sich sehr gut bewährt.“ Nur der WFV will nicht. Er drängt seine Gastarbeiterklubs in eigenen Ligen. Auch Italiener, Griechen und Türken sollen gefälligst in eigenen Spielklassen antreten. Sogar die beiden badischen Verbände in direkter Nachbarschaft integrieren Gastarbeiterteams ins normale Ligensystem. Nur Württemberg mauert. Gastfreundschaft auf schwäbisch: mit Abstand am besten. All zu gerne hätte man das Problem der Ausländermannschaften ignoriert. Leider kam etwas dazwischen.

Ein typischer Funktionärskompromiss

Als sich die Jugoliga formiert, gerät der Regionalverband massiv unter Druck. Am 21. Februar 1971 wird der Fudbalski Savez Jugoslavije u SR Njemačkoj (Fußballverband unserer Arbeiter in der BRD) gegründet. Er steht unter Schirmherrschaft des jugoslawischen Fußballverbandes. Ein Satellit aus Belgrad im schönen Württemberg. Die erste „experimentelle“ Liga mit 13 Vereinen von Bodensee bis Heilbronn geht sofort an den Start. Jugoliga-Präsident Boško Marković verkündet: „Wir wollen einen sauberen jugoslawischen Fußball spielen.“ Die große Unterstützung aus der Heimat verwandelt der WFV in Wasser auf seine verrosteten Mühlen. Die Verbandsoberen sehen sich bestätigt: Die Jugos sollen besser unter sich bleiben.

Es gibt nur ein Problem. Man kann auf keinen Fall einen Belgrader Satellitenverband auf deutschem Territorium zulassen. Auch der DFB macht Druck. Also ringen sich die Württemberger zu einem typischen Funktionärskompromiss durch. Der „Fußballverband unserer Arbeiter in der BRD“ wird umbenannt in „Jugoslawischer Kultur- und Sportverein“. Die Fußballvereine werden in Kulturvereine mit Fußballabteilungen umgewidmet. Im bestehenden Spielbetrieb der Jugoliga ändert sich wenig. Der WFV unterstützt sporadisch – beispielsweise mit Trainerlehrgängen oder Schiedsrichtern. Die Spieler sind sogar versichert.

Der Liga-Separatismus ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Aber irgendwie funktioniert es. Die Vereine schießen wie Pilze aus dem Boden, auch weil aus Jugoslawien immer mehr in Baden-Württemberg ankommen. Es hat sich herumgesprochen, dass im Arbeit vorhanden war. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968 ein Anwerbeabkommen für Arbeiterinnen und Arbeiten aus Jugoslawien abgeschlossen hatte, strömen die Gastarbeiter vom Balkan wie sie gerufen wurden. In Baden-Württemberg sind es 200.000 im Jahr 1973. Der erste Verein formierte sich sogar schon vor dem Anwerbeabkommen: Adria Tuttlingen. Nachdem der Gastarbeiterstrom kanalisiert wurde, gründen sich Jugo-Vereine in allen Landesteilen. In Friedrichshafen Jugometal, nach einem großen Unternehmen benannt. In Weinsberg wird der Verein Bosna getauft. Bei ethnischen Namensgebungen wie Bosna oder Croatia ist das offizielle Jugoslawien zwar nicht begeistert, doch sie werden zähneknirschend hingenommen. In Frickenhausen wird NK Marsonia gegründet. Als Gründer tritt ein gewisser Đuro Prosinečki auf, Vater von Robert Prosinečki, dem späteren Weltklassespieler.

Die Kollaboration zwischen WFV und jugoslawischem Konsulat führt zwar ins gesellschaftliche Abseits. Doch 20 Jahre lang will niemand etwas ändern. Das Beste, was man über die Lösung sagen kann: Zu Beginn erscheint sie als bequemer Weg. In der Realität ist sie eine vergebenen Großchance für die Integration. Die jugoslawischen Sportskameraden melden die Ergebnisse in die Heimat. Von dort werden sie unterstützt, so gut es möglich ist. Aus der Heimat treffen Trikotsätze ein. Zu manchen Freundschaftsspielen erscheinen hochrangige Funktionäre, teilweise auch Nationalspieler. Pokale und Ehrenpreise werden aus Belgrad und Zagreb gestiftet. Bei einem großen Freundschaftsspiel im Neckarstadion sind die Tribünen mit zehntausend Landsleuten besetzt. Der Termin fällt auf den Tag der Jugend, also den Ehrentag, der in der Heimat mit Sportfesten und Staffelläufen von Ljubljana bis Skopje gefeiert wird.

Fußball als Bremsklotz für die Integration

Dem offiziellen Jugoslawien spielt die Lösung in die Karten. Der lange Arm Titos liefert ein Gefühl der Zusammengehörigkeit nach Deutschland. Fachbegriff: nation- building. Die Liga ist ein Stück Jugoslawien auf fremdem Territorium. 1972 wird in Stuttgart ein Informationszentrum eröffnet. Dort gibt es Filme, Zeitungen und Propaganda-Material. Der Zweitmeter-Tito aus dem Neckarstadion ist vermutlich eine freundliche Leihgabe von dort. Die Jugoligisten melden die Spielergebnisse, Aufstellungen und Torschützen direkt an die Zeitung Sportske novosti (Sportnachrichten) in Zagreb, in der die deutsche Jugoliga jeden Mittwoch ausführlich besprochen wird. Die Sportzeitung gilt als wichtigstes Informationsmedium der Auslandsjugoslawen. Die Vereine sind angehalten, Jahresabos für mindestens drei oder vier Ausgaben im voraus zu zahlen. Die Jugoliga-Chefs kommen regelmäßig in Kommentaren zu Wort. Aus deutschen Zeitungen ist kein Spielbericht überliefert. Die erste Meldung der Schwäbischen Zeitung findet Luka Babić in einer Ausgabe von 1985. Polet Ravensburg besteht schon seit 10 Jahren.

Endlich im Sommer 1991 löst der WFV seine Gastarbeiterligen auf. Jedoch keinesfalls freiwillig. Politischer Druck war nötig, damit der Fußballverband eine Integration anerkannte, die überall vollzogen war, nur nicht im schwäbischen Fußball. Damals wie heute wird über die separate Gastarbeiterliga gerne hinweg geschaut. Dabei funktioniert die Schattenliga: unter anderem als Bremsklotz für Integration. Gojko Čizmić bedauert: „Alle dachten, wir wollten unter uns bleiben. Zumindest in Württemberg.“ Seine Bilanz nach zwei Jahrzehnten Jugoliga: „Wir waren zwar glücklich, dass wir Fußball spielen konnten. Aber am Ende waren wir überall integriert. Nur nicht im Sport.“

Die Geschichte "Jugoliga auf schwäbisch" wurde veröffentlicht im Magazin Zeitspiel, Ausgabe 23, die im Juni 2021 erschien. Der Schwerpunkt befasst sich mit Jugoslawien 1991. Das Magazin beschreibt die in Auflösung begriffene Nation als Land zwischen Himmel und Hölle. Sie würdigt den Fußball als Bindeglied unter Tito und berichtet vom Zerfall des Staates im Krieg. Ein Zeitspiel Abo gibt's hier. Ebenso wie die Einzelheft-Bestellung.

Für die Mitarbeit bedanke ich mich sehr herzlich bei Luca Babic von der Uni Tübingen für die Mitarbeit. Erzählungen aus der erster Hand stammen von Gojko Cizmic. Gojko hat die Jugoliga in einem fast 400-seitigen Buch zusammengefasst. Allerdings nicht in deutscher Sprache. Für Interessierte zu bestellen unter: gojkoc@gmx.de. Wer spontan mehr über die Jugoliga erfahren mag, dem sei die facebook-Seite "Jugoliga u Baden Württembergu" wärmstens empfohlen.